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So leiden Knochen und Gelenke unter zu vielen Kilos

Übergewicht, zu wenig Bewegung, Schmerzen: Michael Clarius, Chefarzt der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik, erklärt, welche orthopädischen Probleme drohen.

Valerie Blass
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Lesezeit 2 Min
So leiden Knochen und Gelenke unter zu vielen Kilos
Michael Clarius. Foto: privat

Über die Hälfte der Deutschen ist zu dick - und daran ist nicht die Pandemie Schuld, denn Übergewicht war schon zuvor weit verbreitet. In Deutschland brachten bereits 2019 rund 54 Prozent aller Erwachsenen zu viele Kilos auf die Waage. Damit liegen die Deutschen statistisch noch über dem EU-Durchschnitt von 53 Prozent. Männer haben dabei mit 61 Prozent häufiger Übergewicht als Frauen (47 Prozent).

Übergewicht ist ein Risikofaktor für eine Reihe von Erkrankungen

Übergewicht, insbesondere starkes Übergewicht, also Adipositas, gilt als Risikofaktor für eine Reihe von Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Problemen sowie Gelenk- und Rückenbeschwerden. Bei der Kniearthrose gilt ein Zusammenhang mit Übergewicht als nachgewiesen, bei der Hüfte ist die Verbindung nicht so eindeutig.

Michael Clarius, Chefarzt der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik, beobachtet die Probleme, die mit Übergewicht und zu wenig Bewegung einhergehen, seit vielen Jahren. Die Pandemie habe sie sicher noch verstärkt. "Ja, das fällt uns auch hier in der Klinik auf", sagt er. Durch die unselige Kombination entstünden "dauerhafte Probleme", die sich auch in einer immer höheren Nachfrage nach orthopädischen Eingriffen äußerten. "Gerade beim Knie gibt es einen klaren Zusammenhang", sagt er. Mechanisch sei das ja auch einleuchtend: Kniegelenke würden quasi plattgewalzt, wenn zu viel Druck auf ihnen laste. Die häufige Folge: dauerhafte Schmerzen. Auch die Beinform kann sich verändern - hin zum O- oder X-Bein.

Nicht selten entsteht ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist: Je größer das Übergewicht, desto schwieriger werden Sport und Bewegung. Doch Bewegung ist wichtig, um das Gewicht zu reduzieren oder zu halten und um den Knorpel mit Nährstoffen zu versorgen. Bei Bewegungsmangel gelangt nicht genug Gelenkflüssigkeit in den Knorpel. Er wird weniger belastbar und die Arthrose wird beschleunigt. Schmerzen und Steifigkeit verstärken sich, also bewegen sich die Betroffenen noch weniger.

Wunsch nach Operation, um mobiler und leichter zu werden

In vielen Fällen entstehe irgendwann der Wunsch, sich operieren zu lassen, um wieder mobiler und damit leichter zu werden, sagt Clarius. Doch die Umsetzungsquote für diesen Plan ist laut Studien gering. Etwa einem Drittel der Patienten gelinge es, nach geglückter OP tatsächlich, Gewicht zu verlieren und mehr Sport zu treiben. Bei einem weiteren Drittel bleibe alles beim Alten und das letzte Drittel treibe sogar weniger Sport als zuvor und nehme Gewicht zu. Er findet das ernüchternd: "Ein Drittel ist wenig, ich würde mir viel mehr erhoffen und erwarten."

Hinzu kommt: Bei stark übergewichtigen Patienten treten nach einer Operation vielfach häufiger Probleme mit der Heilung auf. Insbesondere dann, wenn mit Übergewicht einhergehende Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck hinzukommen und Blutverdünner eingenommen werden. "In so einer Konstellation muss man mit erhöhten Komplikationsraten rechnen", sagt Clarius. Eine Komplikation sei sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten "eine Katastrophe". Auch die Standzeiten eines künstlichen Gelenks, also die Dauer von Jahren, in denen der Patient damit lebt, ohne dass es getauscht werden muss, "ist mit Übergewicht signifikant schlechter."

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