Frankfurt/Main (dpa)
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Schub für «grüne» Anlagen in Finanzberatung?

In Umfragen sagen viele Menschen, ihnen sei Nachhaltigkeit in der Geldanlage wichtig. Aber was bedeutet das genau? Demnächst müssen Anlageberater genau abklopfen, zu welchem Anteil Kundinnen und Kunden in «grüne» Produkte investieren wollen.

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Nachhaltige Geldanlage
Die EU-Kommission will mehr Geld in «grüne» Anlagen lenken.  Foto: Roland Weihrauch/dpa/Archivbild

Die EU-Kommission will mehr Geld in «grüne» Anlagen lenken. Vom 2. August an wird es für Banken und Vermögensverwalter ernst: Ab dann müssen sie bei der Anlageberatung die Vorzüge der Kundschaft beim Thema Nachhaltigkeit abfragen.

Worum geht es?

Egal ob Investmentfonds, Aktie oder Rentenprodukt - Bankberater und Versicherungsvermittler sind vom 2. August an verpflichtet, Kundinnen und Kunden zu fragen, ob sie «grün» investieren wollen und welche Präferenzen sie dabei haben. Dies muss dann bei der Produktauswahl berücksichtigt werden. Die Regelung ist Teil einer ganzen Reihe neuer EU-Vorgaben, die unter dem Kürzel «Mifid II» schrittweise in Kraft treten. Es geht also bei der Anlageberatung künftig nicht mehr nur um Renditechancen und Risiko, sondern auch um Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung: Die Abkürzung ESG (englisch für: Environmental Social Governance) hält gewissermaßen Einzug in die Beratung.

Gibt es einheitliche Regeln für «grüne» Investments?

Die EU-Kommission in Brüssel hat mit der Taxonomie eine Art Katalog für klimafreundliche Investitionen auf den Weg gebracht. Für Kritik sorgt, dass es in diesem Rahmen von Januar 2023 an auch als klimafreundlich gilt, Geld in bestimmte Gas- und Atomkraftwerke zu stecken. Das finden unter anderem Umweltschützer falsch. Anleger müssen sich also weiterhin sehr gut informieren, was sich hinter Finanzprodukten verbirgt, die als «nachhaltig» vermarktet werden.

«Die Umsetzung der Mifid-II-Vorgaben ist für Berater ein Wahnsinn», sagt Christian Klein, der als Professor an der Universität Kassel zum Thema nachhaltige Finanzwirtschaft forscht. «Das eine Problem ist: Wie kann in kurzer Zeit einem Kunden erklärt werden, was zum Beispiel Taxonomie und Offenlegungsverordnung sind? Das Hauptproblem ist dann das sogenannte Mapping: Wie findet ein Berater die passenden Produkte, die der Kunde dann auch kauft?»

Der Fondsverband BVI erklärte auf Nachfrage: «Dass es trotz unzähliger technischer Details und Vorschriften noch kein einheitliches Verständnis gibt, was nachhaltig ist, ist tatsächlich ein Problem.» Mehr Klarheit können nach Ansicht des BVI nur europäische beziehungsweise internationale Mindeststandards schaffen: «Das gilt für ESG-Daten, die Unternehmensberichterstattung und Anforderungen an nachhaltige Produkte gleichermaßen. Deshalb setzen wir uns für solche internationalen Mindeststandards ein.»

Was bedeutet die neue Regelung in der Praxis?

Angenommen, ein Kunde will von 10.000 Euro 60 Prozent in ökologisch nachhaltige Anlagen im Sinne der EU-Taxonomieverordnung stecken. In diesem Fall könnte ein Anlageberater für 6000 Euro ein nachhaltiges Finanzprodukt empfehlen und für die restlichen 4000 Euro ein Produkt, das überhaupt nichts mit ESG zu tun hat.

Sind «grüne» Finanzprodukte tatsächlich «grün»?

Nach Einschätzung von Bankenpräsident Christian Sewing nimmt die Finanzbranche die Herausforderungen des Klimawandels sehr ernst. «Die Finanzbranche setzt inzwischen viel Ressourcen dafür ein, genau darauf zu achten, dass das, was wir als grün bezeichnen, auch wirklich grün ist», sagte der Deutsche-Bank-Chef in seiner Funktion als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) kürzlich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Allen Marktteilnehmern ist bewusst, wie gefährlich Vorwürfe von Greenwashing sind.»

Was ist der Zweck der neuen Vorgaben?

Die Politik will mehr Geld dorthin lenken, wo es dem Klima und der Umwelt nutzt, statt diesen zu schaden: Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen, Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Verschmutzung sowie Schutz von Ökosystemen und Biodiversität u.ä. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu sein, Deutschland will das schon bis 2045 schaffen. Das heißt: Klimaschädliche Gase wie Kohlendioxid (CO2) sollen von da an vermieden oder gespeichert werden. Der Umbau der Wirtschaft von «braun» zu «grün» wird nach Einschätzung von Experten nur gelingen, wenn neben öffentlichen Milliarden auch Privatleute ihn mit ihren Investitionen mittragen.

Wie gefragt sind nachhaltige Geldanlagen bislang?

Die Tendenz ist steigend. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) beziffert die Gesamtsumme nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland zum 31. Dezember 2021 auf 501,4 Milliarden Euro. Das waren fast 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil nachhaltiger Fonds am gesamten deutschen Markt stieg demnach binnen Jahresfrist deutlich von 6,4 Prozent auf 16,7 Prozent.

Werden die neuen Regeln für einen weiteren Schub sorgen?

«In Umfragen sagen die meisten Deutschen seit Jahren, dass sie das Thema Nachhaltigkeit in der Geldanlage total spannend finden. Aber sie setzen es nicht um», sagt der Kasseler Professor Klein. «Ich bin überzeugt: Wenn das jetzt den Kunden aktiv angeboten wird, werden wir eine riesige Nachfrage bekommen. Das holpert vielleicht am Anfang, weil die Materie komplex ist. Aber ich denke, dass viele Anleger am Ende nicht den 0815-Fonds kaufen werden, sondern irgendetwas Grünes.»

Der Fondsverband BVI ist allerdings skeptisch, dass der Bedarf auch ab sofort in jeder Hinsicht gedeckt werden kann: «In der ersten Zeit wird es voraussichtlich nicht genügend Produkte geben, um alle denkbaren Präferenzen der Kunden zu bedienen.»

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