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Schachwissen: Kennen Sie den Türken oder die verrückte Dame?

Schach stammt vom persischen Wort Schah ab, auf Deutsch: König. Kurios ist: Im «Spiel der Könige» gab es zuerst keine und später eine verrückte Dame. Was das mit einem Türken zu tun hat, lesen Sie hier.

Von Marc Fleischmann, dpa
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Lesezeit  3 Min
Schachfiguren
Wenn wir an Schachfiguren denken, haben wir ein bestimmtes Bild im Kopf, das seinen Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat. Bis dahin gab es viele verschiedene Schachfiguren.  Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Es könnte so einfach sein, ist es aber nicht: Beim Schach sind die Regeln zwar schnell erlernt, doch es gibt unzählige Spielverläufe. Im Kern geht es darum, Figuren mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf dem Spielfeld mit 64 Feldern so zu bewegen, dass der Gegner schachmatt gesetzt wird.

Das bedeutet: Der gegnerische König hat schließlich keine Chance mehr, zu entkommen. Das Spiel hat dabei eine Geschichte voller Kuriositäten - fünf davon zum Weltschachtag am 20. Juli.

Ursprung in Indien

Die Geburtsstunde: Beim Ur-Schach waren die Regeln noch etwas anders, dabei bleibt der genaue Ursprung unklar. Es gibt Stimmen, die die Herkunft in China verorten. Die klassische Schachforschung, wie das 1913 veröffentlichte «A History of Chess», geht jedoch von Indien als Geburtsort aus. Spätestens seit 600 nach Christus soll dort das dem heutigen Schach ähnliche «Chaturanga» gespielt worden sein. Der Legende nach brachten es Gesandte dann an den persischen Hof, wo es als «Schatrandsch» adaptiert wurde.

Dabei standen sich wie heute auf einem Brett mit 64 Feldern auf jeder Seite 16 Figuren gegenüber: Es gab Soldaten (heute Bauern), Pferde (Springer), Elefanten (schwächere Läufer), Streitwagen (Türme), einen Berater (viel schwächere Dame) und den Schah (König). Interessant: Das Spiel endete auch, wenn alle Figuren geschlagen waren und nur noch der Schah übrig blieb.

Die verrückte Dame: In der indischen und persischen Vorlage gab es keine weibliche Spielfigur, sondern einen Berater des Königs, dessen Bewegungen limitiert waren. Er konnte wie der heutige Läufer nur diagonal ziehen - und das aber nur ein Feld weit. Um das Spiel populärer zu machen und zu beschleunigen, wurden die Regeln Ende des 15. Jahrhunderts entscheidend verändert.

Der Bauer durfte ab jetzt beim ersten Zug zwei Felder ziehen (bisher nur eins), der Läufer diagonal beliebig weit (bisher sprang er zwei Felder weit) und die Dame sogar in alle Richtungen so weit wie möglich (zuvor nur ein Feld diagonal).

Die mächtigste Figur auf dem Brett

Bei dieser Geburt des modernen Schachs wurde die einzige weibliche Rolle im Spiel zu einer Kombination aus Läufer und Turm und damit zur mächtigsten Figur auf dem Brett. Das älteste Dokument dazu ist das katalanische Schachgedicht «Scachs d'amor», das im spanischen Valencia vermutlich zwischen 1470 und 1490 entstand. Weil die Dame so mächtig wurde, nannten die Franzosen die neue Version «Le jeu de la dame enragée» (Deutsch: Das Spiel der verrückten Dame).

Die Staunton-Figuren: Wenn wir heute an Schachfiguren denken, haben wir ein bestimmtes Bild im Kopf, das seinen Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat. Bis dahin gab es viele verschiedene Schachfiguren, die oft teuer und wegen Verzierungen teilweise instabil waren und deshalb umkippten.

Es war also Zeit für einen Standard, der zwar nach dem damaligen Schachgenie Howard Staunton benannt ist, aber hinter dem zwei andere Personen stecken. Obwohl unklar ist, wer von beiden die Figuren genau entworfen hat, lautet eine gängige Annahme: Der britische Journalist Nathaniel Cooke sorgte für das Design und sein Schwager John Jaques, der mit Elfenbeinprodukten handelte, sicherte sich die Rechte und übernahm Produktion und Vertrieb.

Ein Schachcomputer um die Kaiserin zu beeindrucken

Belegt ist, dass Cooke den Figurensatz am 1. März 1849 als Patent anmeldete. Der Kontakt zum Namensgeber der Figuren kam zustande, weil Cooke Herausgeber des Wochenmagazins «The Illustrated London News» war, in der Staunton als bester Schachspieler dieser Zeit eine Kolumne schrieb. Die Staunton-Figuren wurden ein großer Erfolg - die Formel dazu: ein klassisches, einfaches Design im neoklassizistischen Stil, mit dem antiken Rom und Griechenland als Vorbild, kombiniert mit niedrigen Kosten und Robustheit.

Der Türke: Schon lange vor der Erfindung von Computern versetzte eine vermeintliche Maschine die Schach-Welt in Erstaunen. Der Ungar Wolfgang von Kempelen entwickelte seinen «Schachtürken» ursprünglich, um im Frühjahr 1770 eine österreichische Kaiserin zu beeindrucken.

Wer davor stand, sah eine dem Menschen nachempfundene Puppe hinter einem Schachbrett. Darunter gab es Schränke, die geöffnet werden konnten. Darin befanden sich unzählige Zahnräder, die angeblich dazu dienten, die Züge der Maschine zu berechnen.

Mensch gegen Maschine und ein schlechter Verlierer

Über Jahrzehnte schlug der «Schachtürke» fast alle Herausforderer und begeisterte das Publikum auf Tourneen durch Europa und Amerika. Unter den Gegnern waren berühmte Staatsmänner wie Napoleon Bonaparte und Benjamin Franklin. Das Ganze entpuppte sich allerdings als Schwindel. Die Maschine wurde nämlich von einem versteckten Schachspieler gesteuert, der die Figuren mit Magneten bewegte.

Mensch gegen Maschine: Auch wenn der «Schachtürke» nur ein Trick war, gab er doch einen Vorgeschmack darauf, was über zwei Jahrhunderte später wirklich gelingen sollte. Im Spiel «Mensch gegen Maschine» triumphierte im Jahr 1997 der Computer. Am 11. Mai besiegte der von IBM entwickelte Schachcomputer «Deep Blue» den damaligen Weltmeister Garri Kasparow nach sechs Partien. Der Rechner konnte 200 Millionen Positionen pro Sekunde analysieren.

Kasparow zeigte sich später als schlechter Verlierer. Fast zwei Jahre nach der spektakulären Niederlage warf der Russe dem Computerkonzern Betrug vor. «Der Wettkampf war nicht fair, es gab menschliche Eingriffe», sagte Kasparow. Dies könne er beweisen: «Computer fällen ihre Entscheidungen aufgrund von Berechnungen, niemals würde sich ein Computer für einen schlechter bewerteten Zug entscheiden», sagte er. «Deep Blue» habe aber genau das getan. Auch wegen dieser Anschuldigungen verweigerte IBM einen Rückkampf. Im Sommer 2017 - also 20 Jahre später - revidierte Kasparow seine Aussagen.

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