Trauriges Tagebuch

Palmsonntag, 11.

Von jac

Palmsonntag, 11. April 1954

Hauptbahnhof Heilbronn: 39 Schüler der Knabenmittelschule und acht Erwachsene, darunter fünf Lehrer, fahren in die Osterferien in der Bundessportschule Obertraun in Österreich. Lehrer Hans Bastian: "Es herrschte Aufbruchstimmung. Die Eltern freuten sich, dass sie ihren Kindern etwas bieten konnten. Die Buben freuten sich auf unbeschwerte Ferientage!" Die Eltern haben vorher Erklärungen unterschrieben, dass sie die Schule von jeder Haftung ausschließen.

12. - 14. April

Die Schüler erleben fröhliche Urlaubstage. Der 39-jährige Lehrer Hans Georg Seiler und der 28-jährige Kollege Hans Bastian teilen sich die Verantwortung. Für Bergtouren ist Seiler zuständig; der gebürtige Südtiroler gilt als "bergerfahren". Bei kleinen Touren wählt er die Teilnehmer für eine Bergtour aus.

Gründonnerstag, 15. April

6 Uhr: Unter Führung von Seiler starten das Lehrer- und Brautpaar Hans Werner Rupp, Heilbronn, und Christa Vollmer, die im Kreis Pforzheim unterrichtet, beide 23 Jahre alt, Hildegard Mattes von der Kreisbildstelle und zehn 14- bis 16-jährige Schüler zur ersten Bergtour. Das Wetter beim Abmarsch ist günstig. Die Gruppe will bis abends 18.30 Uhr eine 16 Kilometer lange Wanderung absolvieren. Höhenunterschied: mehr als 1000 Meter.

Unterwegs: Nebel kommt auf.

9.30 Uhr: Die Gruppe erreicht durchnässt die Schönberg-Hütte. Gastgeberin Anna Beschütz verteilt Tee. Sie rät zur Umkehr: "Wenn es schon hier so stürmt, wie wird es erst auf dem Krippenstein sein!?" Seiler habe geantwortet, die Jungen müssten sich auslaufen, sonst würden sie hier unten noch einfrieren. Hildegard Mattes kehrt um, wie sie vorher mit Seiler verabredet hat.

Gegen 11 Uhr: Ein Arbeiter der Dachstein-Seilbahn sieht die Gruppe auf etwa 1600 Meter Höhe. Die Dachstein-Drahtseilbahn führt damals nur bis zur Schönbergalm, der zweite Teilabschnitt zum Krippenstein ist 1954 gerade im Bau. Der Arbeiter, der selbst wegen des Unwetters talwärts geht, empfiehlt: "Kehrt um!" Der Schneesturm hat bereits Windstärke 8 erreicht; das Atmen fällt schwer, man sieht nur ein paar Meter weit. "Wir schaffen es!" habe der Leiter der Gruppe geantwortet und erklärt, dass er einen Kompass besitze. Diese Begegnung ist das letzte Lebenszeichen der Wandergruppe, die in einen orkanartigen Schneesturm gerät.

19 bis 20 Uhr: Telefonische Nachfragen auf der Schönberg- und Gjaidalm. Überall die gleiche Antwort: "Hier sind sie nicht!"

19.30 Uhr: Die ersten Suchaktionen starten. Von der Bergstation Schönbergalm wird ein Scheinwerfer Richtung Krippenstein eingeschaltet. Ein Trupp dringt bis zur Gjaidalm vor, sucht die Hänge ab, muss aber wegen Lawinengefahr um 1.30 Uhr umkehren. Zwei Alpinisten, die von der Sportschule aufgestiegen sind, kommen erst um 3.30 Uhr erschöpft zurück.

Karfreitag, 16. April

6.30 Uhr: In Obertraun beginnt eine der größten alpinen Suchaktionen Österreichs, an der bis zu 500 Helfer beteiligt sind und die sich über sechs Wochen erstreckt.

Samstag, 17. April

In Heilbronn werden die Namen der Vermissten bekannt.

Ostersonntag, 18. April

Eltern aus Heilbronn und OB Paul Meyle fahren mit Pkws nach Obertraun. Bei einem Halt in München meldet das Radio: "Für die Vermissten besteht kaum mehr Hoffnung!" "Wir müssen beten, dass noch ein Wunder geschieht", sagt der oberösterreichische Landeshauptmann in Obertraun zu der Delegation aus Heilbronn und verspricht: "Wir tun alles, um die Vermissten zu retten!"

Ostermontag, 19. April

Der Medienrummel um die Dachsteintragödie verstärkt sich.

Freitag, 23. April

23.03 Uhr: Die 29 Schulkameraden der Vermissten treffen auf dem Heilbronner Hauptbahnhof ein.

Samstag, 24. April

11 Uhr: Die ersten Opfer werden gefunden: der Lehrer Hans Werner Rupp, seine Braut Christa Vollmer und der Schüler Wilfried Dengler.

14 Uhr: Sechs weitere Schüler werden tot geborgen: Herbert Kurz, Peter Mößner, Roland Rauschmaier, Karlheinz Rienecker, Kurt Seitz und Dieter Steck, bei dem wie bei Rupp eine Kamera mit den letzten Fotos der Wandergruppe gefunden wird.

Dienstag, 27. April

Bei der Trauerfeier in Obertraun ruhen die Toten in neun geschlossenen Särgen. Vier weitere Särge für die noch immer Vermissten sind offen. 4000 Menschen trauern.

Mittwoch, 28. April

Durch den Lawinenhund "Ajax" wird das zehnte Opfer entdeckt: der Schüler Claus Strobel.

Donnerstag, 29. April

Mehr als 10 000 Menschen, darunter Abordnungen aus Österreich, kommen zu der Trauerfeier auf dem Heilbronner Friedhof. Das gemeinsame Grab der Schüler wird zur Dachstein-Gedenkstätte. Das Brautpaar Hans Werner Rupp und Christa Vollmer wird in Rupps Heimatstadt Pfullingen beerdigt.

Sonntag, 16. Mai

Der tote Schüler Peter Lehnen wird gefunden. Noch fehlen zwei Opfer.

Freitag, 28. Mai

Am 43. Tag werden die letzten beiden Opfer der Katastrophe entdeckt: Hans Georg Seiler, der Leiter der Bergtour, und der 14-jährige Rolf Mößner. Er war der Jüngste der Wandergruppe. Im Bereich der Leichenfundorte wird ein Hügel "Heilbronner Kogel" getauft und auf ihn ein Gedenkkreuz gestellt.

Karfreitag 1955 - 2004

Ehemalige Schüler der Klasse 5a, aus der sieben der Opfer stammen, treffen sich zum Gedenken an ihre toten Kameraden an den Gräbern in Heilbronn. 1959 wird auf dem Krippenstein eine Gedenkkapelle gebaut. 2004 finden neben einer Buchvorstellung zum Dachsteinunglück auch Gedenkfeiern in Heilbronn und Obertraun statt.