Krematorium erhitzt Gemüter (30.06.2010)

Sinsheim - Jeder denkt: Solange ich das Ding nicht sehe, interessiert es mich auch nicht." Darüber ärgert sich Jens Goretzka aus Sinsheim-Reihen − und er meint damit auch Bürger aus Ittlingen oder Kirchardt.

Von Steffan Maurhoff

Krematorium erhitzt Gemüter
Über die Baufreigabescheine wächst langsam das Unkraut. Seit mehr als einem Jahr ruht der Bau des Krematoriums in Reihen. Foto: Steffan Maurhoff

Sinsheim - Jeder denkt: Solange ich das Ding nicht sehe, interessiert es mich auch nicht." Darüber ärgert sich Jens Goretzka aus Sinsheim-Reihen − und er meint damit auch Bürger aus Ittlingen oder Kirchardt. Goretzka ist einer der Reihener, die sich gegen den Bau eines privat betriebenen Krematoriums im Gewerbegebiet Oberer Renngrund nahe der Autobahn A 6 starkmachen. Besorgte Bürger befürchten, das Krematorium sei eine heimliche Dioxinschleuder, vor allem, wenn die Rauchgase bei denkbaren Störfällen nicht wie sonst gereinigt, sondern über eine sogenannte Bypassklappe frei in die Umwelt entlassen werden.

Bau gestoppt

Der Bau für das umstrittene Projekt ist vor über einem Jahr nach Intervention der Anwohner gestoppt worden und ruht seitdem. Nachdem die Stadt die Baugenehmigung lediglich aufgrund von Bebauungsplanbefreiungen erteilt hatte, versucht sie inzwischen, eine nicht mehr angreifbare planerische Grundlage zu schaffen. Der nächste Schritt zur Ausweisung eines entsprechenden Sondergebietes ist ein Immissionsgutachten. Dieses wurde am Dienstag im Sinsheimer Gemeinderat diskutiert. Die Luft ist rein − sollte man meinen, wenn man den Darstellungen des Diplom-Meteorologen Claus-Jürgen Richter aus Freiburg Glauben schenkt. Das tun die Anwohner jedoch nicht, und deshalb herrschte in der Sitzung bei hochsommerlichen Außentemperaturen auch dicke Luft im Ratssaal. Knallende Türen und Zwischenrufe empörter Reihener, die nicht zur Diskussion zugelassen wurden, begleiteten die Sitzung.

Oberbürgermeister Rolf Geinert und Bürgermeister Achim Kessler erklärten jedoch: In der Gemeinderatssitzung sei eben keine öffentliche Diskussion mit den Bürgern zulässig, deshalb werde demnächst eigens eine Extraveranstaltung durchgeführt, wo dies möglich sei. Dies sei den Rädelsführern der aufgebrachten Bürger auch frühzeitig mitgeteilt worden.

Bei normalem Betrieb, so Gutachter Richter, unterschritten die Immissionen, also die Werte der in der Umgebung ankommenden Gifte, die Irrelevanzschwelle, die in Anlehnung an die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) des Bundesumweltministeriums festgelegt wurde. Doch was ist bei Pannen? Um sogenannte nicht bestimmungsgemäße Betriebszustände zu vermeiden, müsse der Anlagenbetreiber Gegenmaßnahmen ergreifen, etwa ein verplombtes Messgerät einbauen. Dieses soll die Kontrolle erlauben, ob der Betreiber die Garantie einhält, die Bypassklappe nicht länger als eine Stunde pro Jahr geöffnet zu halten. Wie Gutachter Richter sagte, sei bei Untersuchungen von Rohgas aus Krematorien, also nicht gereinigter Abluft, eine zehnfache Überschreitung des Dioxingrenzwerts festgestellt worden.

Versagen die Filter?

Die Fragen aus dem Gremium drehten sich am Dienstag vor allem um den Störfall und um eine Überhitzung der Anlage mit dann nicht mehr ordnungsgemäß funktionierenden Filtern − was zum Beispiel bei der Verbrennung übergewichtiger Verstorbener befürchtet wird.

Gutachter Richter befand, das in Reihen geplante Krematorium sei mit dem vom Betreiber vorgesehenen Maßnahmenbündel "besser" als vergleichbare bestehende Anlagen. Betreiber Claus Wiesenauer sagte auf KS-Nachfrage: "Die Anlage wird, wenn sie in Betrieb geht, die modernste in der ganzen Welt sein." Dem schenken Anwohner keinen Glauben. Die Reihener Herbert Kerber und Inge Kästner gehen von 8000 bis 10 000 Verbrennungen jährlich aus. Wiesenauer hat einen Bedarf von 2000 bis 2500 errechnet. Die Anlage soll an sechs Tagen in der Woche im Drei-Schicht-Betrieb möglich sein. Anwohnerin Kästner erkennt darin eher eine Gefahr der Überhitzung als etwa in einem kommunalen Krematorium mit Acht-Stunden-Betrieb.

Hintergrund: Alternative und Regress

Als möglichen anderen Standort hatten Reihener das Hornbach-Areal im Westen der Stadt Sinsheim ins Gespräch gebracht. Auf Anfrage sagte OB Rolf Geinert, es sei wahrscheinlich, dass diese Alternative keine Rolle spielen werde. Dass auf die Stadt wegen der Bauverzögerung im Reihener Gewerbegebiet Schadensersatzforderungen zukommen, wie das die Anwohner kolportieren, bestreitet der OB ebenso wie Betreiber Claus Wiesenauer: „Ich habe weder Regressforderungen gestellt, noch daran gedacht.“ off