Freie Fahrt

Eppingen - Ein kleines Häuschen, an dem der Putz von den Wänden bröselt, symbolisiert den Aufschwung Eppingens im vergangenen Jahrhundert: das Stellwerk West am Kreisel Heilbronner Straße. Stadt und Heimatfreunde setzen sich für den Erhalt des Häuschens ein - die Kommune kaufte das Gebäude von der Bahn, die Heimatfreunde peppen das Innere auf und wollen es spätestens zum Jahr der Heimattage 2010 in Führungen einbeziehen.

Von Simon Gajer

Freie Fahrt - ins Museum
Historische Aufnahmen (wie das Bild aus dem Jahr 1984) zeigen das Stellwerk Eppingen-West in Betrieb. Der letzte Fahrplan, der in dem Häuschen hängt, war bis zum 23. Mai 1998 gültig.Fotos: Simon Gajer, privat

Eppingen - Ein kleines Häuschen, an dem der Putz von den Wänden bröselt, symbolisiert den Aufschwung Eppingens im vergangenen Jahrhundert: das Stellwerk West am Kreisel Heilbronner Straße. Das verschlafene, landwirtschaftliche Dorf erlebte einen regelrechten Gründungsboom, erzählt Heinrich Vogel von den Heimatfreunden. Dank der Bahn, die erstmals 1879 von Karlsruhe nach Eppingen fuhr. Deshalb setzen sich Stadt und Heimatfreunde für den Erhalt des Häuschens ein - die Kommune kaufte das Gebäude von der Bahn, die Heimatfreunde peppen das Innere auf und wollen es spätestens zum Jahr der Heimattage 2010 in Führungen einbeziehen.

Hebel-Armee

Zusammen mit Baubürgermeister Eduard Muckle und Vereinskollege Ulrich Merz läuft Heinrich Vogel durch das Kleinod neben den Gleisen. Es riecht feucht. Kabel hängen lose an der Wand. Eine Abdeckung liegt vor einem Sicherungskasten, den sie eigentlich schließen sollte. Das Gebäude scheint fast fluchtartig verlassen worden zu sein. Der letzte Fahrplan von Juni 1997 bis Mai 1998 hängt an der Wand. Neben dem Schaltkasten, der einst die Schranken am Bahnübergang regelte, liegt das zerfledderte Heftchen „Vorläufige Bedienungsanweisung“. Die Hebel für Weichen und Signale: Stramm harren sie parallel nebeneinander aus. Erst im meterhohen Erdgeschoss sieht man, dass die Kabel nicht mehr mit den Gleisen verbunden sind, sondern herunterbaumeln.

Freie Fahrt - ins Museum
Am Schalter (von links): Eduard Muckle, Ulrich Merz und Heinrich Vogel.

Ulrich Merz ist einer der Eisenbahnexperten bei den Heimatfreunden. Solche Bahngebäude, wie sie Eppingen hat, stehen kaum noch. Er blickt auf die Trasse der Kraichgaubahn. „Es ist nirgends mehr zu sehen“, bedauert er, außer in Eppingen - und in der Stadt stehen sogar zwei: das stadtbildprägende Stellwerk West und das Stellwerk Ost, versteckt neben der Trasse in Richtung Heilbronn. „In Eppingen ist ein Ensemble erhalten“, schwärmt der Eisenbahn-Fan. Güterhalle, Bahnhof, Stellwerk - es entspricht dem historischen Bild.

Freie Fahrt - in Richtung Museum
Stellwerk-Aussicht auf das Bahngelände: Eppingen war auch Umschlagplatz während Manövern, die bis in die 80er Jahre stattfanden.

Das Stellwerk steht für den regen Zugverkehr auf den Gleisen. Das Rangieren auf den Gleisen, das Auf und Ab beim Güterverkehr. Einst war dafür in der Stadt sogar eine eigene Lok stationiert. Umschlagplatz Eppingen: Dort stand bis 1992 die größte Zuckerrüben-Verladeanlage Süddeutschlands, von wo aus die Pflanzen nach Waghäusel und Offenau kamen. Züge lieferten tonnenweise Zichorien an, die in einer Firma auf dem heutigen Dieffenbacher-Areal verarbeitet wurden.

Der Bahnhof war und ist Knotenpunkt, hebt Eduard Muckle die Bedeutung hervor. Nach der ersten Trasse aus Karlsruhe, die nach Heilbronn verlängert wurde, kam 1900 die Strecke durchs Elsenztal hinzu. Und die Eisenbahnstadt entwickelt sich weiter. Ab Dezember startet die S-Bahn Rhein-Neckar im Ort.

Freie Fahrt - ins Museum
Eine zerknitterte Bedienungsanweisung und die Knöpfe für die Schranke.
Lausbuben an den Gleisen

Heinrich Vogel verbindet mit dem Stellwerk Geschichten. Ständig habe er vor dem Häuschen die Gleise überquert, gelegentlich schimpften die Bahnbediensteten den Kindern hinterher, erzählt er verschmitzt. Es sind die Bedeutung für den Bahnbetrieb und die Lage an zentraler Stelle, die für den Erhalt des Stellwerks sprechen. „Das ist wichtig für Eppingen und unverzichtbar“, sagt er über das Gebäude, an dessen Sockel man die Erweiterung in den 60er Jahren erkennt. Als Stadtführer träumt er bereits von den Touren mit Gästen.

Fachwerk könne er zeigen, eine Stätte für die jüdischen Bürger ist in Arbeit, und nun noch die Eisenbahn - „toll“, schwärmt Heinrich Vogel.