Etwas Ursuppe vom Universum

Gemmingen - Der Countdown läuft. Am 10. September geht im Kernforschungszentrum Cern in Genf der größte Teilchenbeschleuniger in Betrieb und bringt Atomkerne auf annähernd Lichtgeschwindigkeit. Jürgen Schukraft, der aus Gemmingen stammt, ist für ein Experiment verantwortlich. Simon Gajer sprach mit ihm über Alice, das den Urknall simuliert

Gemmingen - Der Countdown läuft. Am 10. September geht im Kernforschungszentrum Cern in Genf der größte Teilchenbeschleuniger in Betrieb und bringt Atomkerne auf annähernd Lichtgeschwindigkeit. Jürgen Schukraft, der aus Gemmingen stammt, ist für ein Experiment verantwortlich. Simon Gajer sprach mit ihm über Alice, das den Urknall simuliert.

Seit Jahren sitzen Sie am Experiment, der Start ist nur noch einen Bruchteil davon entfernt. Sind Sie aufgeregt?

Jürgen Schukraft: Zum Aufgeregtsein bleibt wenig Zeit. Der Puls geht natürlich hoch. Das Experiment ist im Wesentlichen zusammengebaut. Weil es ein sehr komplexer und einmaliger Apparat ist, geht er nicht auf Knopfdruck in Betrieb. Wir schalten ein Teil nach dem anderen an und schauen, was läuft und was nicht. Da ist viel Aufregung, wenn mal etwas klappt. Und viel Aufregung, wenn mal etwas nicht klappt.

Gibt es Fehlschläge?

Schukraft: Dass etwas nicht klappt, ist normal. Wir versuchen, die Technologie bis an die Grenze dessen voranzutreiben, was möglich ist. Manchmal sind wir ein Schritt über dem. Es kann bis zu zwei Jahre dauern, bis alles 100-prozentig läuft.

Um die Temperatur der Atomstöße in Alice zu messen, sind 18 000 spezielle Kristalle installiert. Behält man bei dieser Anzahl die Übersicht?

Schukraft: Niemand kennt mehr alle Details. Es gibt Spezialisten, die kennen zwar nicht alle Kristalle, aber den Detektor sehr genau. Je weiter man in der Hierarchie hochkommt, desto weniger Details kennt man, dafür aber hat man mehr den Überblick. Für so ein Experiment braucht man Hunderte Mitarbeiter.

Wie viele sind es bei Alice?

Schukraft: Knapp über 1000. Von über 100 Universitäten und Forschungsinstituten aus 30 Ländern.

Was geschieht in Ihrem Experiment?

Schukraft: Wir erhitzen Materie auf Temperaturen, die ungefähr 100 000 Mal höher sind als im Zentrum der Sonne. Dann schmelzen die Kerne sowie die Protonen und Neutronen in den Kernen. Wir haben ein winziges Stückchen der Ursuppe, so wie sie ganz am Anfang des Universums entstanden ist.

Haben Sie einen Wunsch?

Schukraft: Dass alles funktioniert. Der Beschleuniger, der Detektor. Natürlich träume ich davon, dass wir Sachen entdecken, die nicht vorhergesagt sind.

Was hat sich in den 18 Jahren geändert, in denen Sie am Alice-Projekt arbeiten?

Schukraft: Die Dimensionen sind größer geworden, die Zeiträume haben sich gedehnt. 1990 wurde beschlossen, den Beschleuniger zu bauen. Mit einer Handvoll Leute überlegte ich, wie wir ihn für unsere Schwerionen-Physik nutzen könnten. Seit damals arbeite ich daran, den Detektor zu verwirklichen.

Jetzt ist er fast einsatzbereit. Ging es schneller gedacht?

Schukraft: Nein. Die optimistischen Vorhersagen gingen davon aus, dass der Beschleuniger acht Jahre später laufen sollte. Ich war jung und unerfahren und habe es geglaubt. Was wir unterschätzt haben, waren nicht nur die technischen Probleme, sondern auch das Genehmigungsverfahren und die Finanzierung. Der Alice-Detektor wiegt 10 000 Tonnen und kostete 100 Millionen Euro – nur das Material, nicht das Personal.

Was weckte bei Ihnen das Interesse für Elementarteilchenphysik?

Schukraft: Was die Welt im Innersten zusammenhält, das hat mich schon als Kind interessiert. Am Anfang war’s Chemie, weil sie leichter zugänglich ist. Ich brauchte keinen Beschleuniger, sondern Tiegel und Reagenzröhrchen. Ich habe bei uns im Keller experimentiert. Teilweise hat das ganze Haus gestunken. In der Schulzeit kam mein Interesse für die Physik. Auf dem Gymnasium hatten sich in meiner Klasse nur zwei entschieden, einen Kurs Physik zu belegen. Man brauchte aber mindestens drei, damit er zustande kam. Wir überredeten noch einen, mitzumachen. Wir waren also die letzten Jahre nur drei Schüler und ein Lehrer. Das war natürlich ein Luxus, den es heute nicht mehr oft gibt. Das hat mir geholfen, mich für Physik zu begeistern.

Was macht für Sie den Reiz des Forschungszentrums Cern aus?

Schukraft: Das internationale Umfeld im Büro und im Privaten. Ich arbeite in der Schweiz, wohne in Frankreich, meine Frau ist Italienerin, die Kinder sind Schweizer, und ich spreche und träume auf Englisch. Das ist gelebtes Europa.

 

Jürgen Schukraft: Chef einer Art Regierung

1953 geboren, besuchte Jürgen Schukraft das Gymnasium in Eppingen. Physik studierte er an der Universität Heidelberg. Am dortigen Max-Plank-Institut sowie der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt promovierte der Gemminger. 1984 ging er ans Cern und musste sich erst einmal an die Größe gewöhnen. An seinen bisherigen Stellen in Deutschland waren die Experimente überschaubar, erinnert er sich. Zehn Leute arbeiteten zusammen, sie bauten das Experiment ein Jahr auf, die Auswertung dauerte ein, höchstens aber zwei Jahre.

Cern war schon damals weitaus größer: „Das hat mich abgeschreckt. Aber die Berge und der französische Wein haben mich wesentlich überredet, hier zu bleiben.“ Zunächst bekam er er einen Vertrag für zwei Jahre, der für weitere vier Jahre verlängert wurde. Schließlich erhielt er das Angebot, am Kernforschungszentrum zu bleiben.

Seit fast zwei Jahrzehnten forscht er am Alice-Detektor für den Urknall. „Die Experimente sind organisiert wie eine kleine Regierung. Wir haben ein Parlament, in dem von jedem Institut ein Vertreter sitzt. Und dieses Parlament wählt alle drei Jahre einen Sprecher, der für das Experiment verantwortlich ist. Das bin ich seit 18 Jahren.“ ing