Erste Weiberzeche nach 402 Jahren

Kleingartacherinnen beleben Brauch wieder, der seit langem eingeschlafen war

Von Susanne Walter

Erste Weiberzeche nach 402 Jahren

„Im Jahr 1607 war plötzlich Schluss damit.“

Isolde Döbele-Carlesso

Eppingen - Wie vor über 400 Jahren schon flatterte am Abend des Aschenmittwochs plötzlich wieder die Fahne der zechenden Weiber aus dem Fenster der Kleingartacher Amtstube. Die Interessengemeinschaft örtliches Brauchtum und Heimatgeschichte hat es geschafft, einen Brauch zu erwecken, der in Kleingartach seit 402 Jahren im Dornröschenschlaf liegt: die Weiberzeche.

Anstoß Die Initialzündung dazu gab die Historikerin Isolde Döbele-Carlesso im Rahmen der Heimattage 2007 bei einer Weinprobe. Damals hat sie ihr Buch „Frauen und Wein - zum alten Brauch der Weiberzeche„ vorgestellt und vielen überraschten Kleingartachern mitgeteilt, dass dieses alte Recht der verheirateten oder verwitweten Frauen auch hier wahrgenommen wurde. Einmal im Jahr, das ist im Jahr 1601 wohl erstmals urkundlich belegt, versammelten sich die Frauen des Orts, die Fronarbeit leisteten, im Rathaus, um dort auf Kosten des Gemeindesäckels eine ausgelassene Nacht zu verleben. An ihrem Freudentag hängten sie in Kleingartach ihre Zechfahne mit der Aufschrift „Weiberzeche“ aus dem Rathausfenster. „1607 war plötzlich Schluss damit“, hat Isolde Döbele-Carlesso recherchiert. Die Damen hatten es in Kleingartach wohl übertrieben. „Einfach so wird ein Brauchsrecht, das man sich erst einmal erkämpft hat, nicht aufgehoben„, sagte die Historikerin in der Weinbaustube vor 40 Teilnehmerinnen, die alle auf die eine oder andere Weise im Ort engagiert sind.

Bei der Neubelebung des Frauentreffs sollte schließlich nicht nur getrunken und gefeiert werden. Eppingens Oberbürgermeister Klaus Holaschke durfte die Weihe der Zechfahne vornehmen. Zu diesem Zweck hatte Ortsvorsteher Friedhelm Ebert eigens ein Gedicht verfasst. Eine Kostprobe: „Und wie die Fahne hoch über uns schaut weit ins Land hinein, soll auch unser Blick für Fernes und Fremdes stets offen sein.“ In einer handarbeitlichen Meisterleistung haben die Ortschaftsrätinnen Renate Marquetand und Monika Schweizer die Fahne genäht und bestickt. Obwohl der Brauch der Weiberzeche in einigen Orten im Zabergäu und im Kraichgau gepflegt wurde, ist die Existenz einer Fahne einzig für Kleingartach historisch belegt.

Vesper Wie auch damals schon wurde die erste Zeche nach 402 Jahren wieder auf Kosten der Gemeinde abgehalten. Die Kleingartacher Landfrauen hatten frisches Brot gebacken und mit deftiger Wurst belegt. Auch wenn die Zeit, als Frauen dem Wirtshaus fern bleiben mussten und auch das Rathaus nicht ohne Weiteres betreten durften, längst der Vergangenheit angehören: Gespannt auf die erste Weiberzeche in Kleingartach waren sie doch, die eingeladenen Damen. „Ich finde so was gut. Da hab ich spontan gesagt: Da geh ich hin„, erklärte Loni Schmid, die Vorsitzende des örtlichen Kirchenchores. „Natürlich haben wir heute alle Möglichkeiten. In der vergangenen Woche war ich nicht einen Abend daheim. Aber Tradition ist Tradition.“