Polizei kesselt Querdenker-Demonstranten in Sinsheim ein

Sinsheim  Zu einer großen Demonstration der Querdenken-Bewegung ist es am Sonntag in Sinsheim gekommen. Nach Polizeiangaben waren rund 3500 Demonstranten angereist. Die Polizei reagierte mit einem großen Aufgebot an Einsatzkräften – und brachte sogar Wasserwerfer an den Hauptbahnhof.

Von Adrian Hoffmann und dpa

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Der angemeldete Teil der Veranstaltung fand auf dem Parkplatz des Sinsheimer Freibads statt. Dort durften sich nach Angaben der Polizei 800 Menschen versammeln. Die Kundgebung selbst verlief „überwiegend störungsfrei“, teilt die Polizei mit. Es seien aber mehrfach Verstöße gegen die Maskenpflicht und die Abstandsregeln festgestellt worden.

Die von der Polizei angegebene Teilnehmerzahl von 3500 ist nach Einschätzung unseres Reporters, der vor Ort war, zu hoch angesetzt. Zusätzlich zu den 800 Menschen am Veranstaltungsort, bewegten sich demnach noch maximal mehrere Hundert Demonstranten in kleineren Gruppen in der Innenstadt.

Bereits am Sonntagvormittag seien viele Menschen mit dem Auto und den öffentlichen Verkehrsmitteln angereist, heißt es von Seiten der Polizei. Nachdem die zugelassene Teilnehmerzahl erreicht worden war, hätten die Beamten weitere Teilnehmer an mehreren Autobahnabfahrten der A6 und am Bahnhof konsequent abgewiesen. Die Autobahnabfahrt Sinsheim-Süd sei kurzzeitig gesperrt worden. Da einige Teilnehmer versuchten, über die Bahngleise zum Veranstaltungsort zu gelangen, sei der Bahnverkehr zwischen Heilbronn und Heidelberg am Nachmittag für einige Stunden angehalten worden.

Polizeisprecher Norbert Schätzle begründete das strikte Vorgehen mit hohen Inzidenzwerten in Sinsheim und dem Infektionsschutzgesetz. Straßensperren empfingen Autofahrer, überall Bereitschaftswagen der Polizei, zwei Wasserwerfer am Bahnhof. Angereiste Demonstranten wollten die verweigerte Teilnahme an der Demonstration nicht akzeptieren, in der Folge wurden Personalien kontrolliert. Viele bekamen Platzverweise erteilt. Andere wurden kurzzeitig festgenommen, weil sie sich Kontrollen widersetzen.

Demonstranten werden von Polizei eingekesselt und kontrolliert

An der Elsenzbrücke in der Bahnhofstraße kam es gegen 16 Uhr zu besonders skurrilen Szenen. Polizisten kesselten Demonstranten ein und hielten sie länger als eine halbe Stunde fest. Personalien wurden kontrolliert. Demonstranten riefen wütende Worte, sahen sich ihrer Grundrechte beraubt.

Immer wieder wurden Polizisten verbal attackiert und in ihrer Funktion als Polizisten kritisiert, wenn auch in der Regel nicht persönlich beleidigt. „Schämt euch“, ist immer wieder zu hören. Eine Gegendemo gab es nach Erkenntnissen von Polizeisprecher Schätzle nicht. In der Nähe des Freibads hingen Banner an Wohnungen, mit denen die Demonstranten kritisiert wurden. „Notmysinsheim“ und „Nocovid“ stand auf ihnen.

Schwindelarzt Bodo Schiffmann aus Sinsheim-Rohrbach war Hauptredner der Demo – kurioserweise per Video zugeschaltet und auf einer großen Leinwand zu sehen. Auch er kritisierte die Polizei mit harten Worten. Schiffmann ist bekannt geworden als eines der Gesichter der Querdenken-Bewegung, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richtet. Schiffmann, der sich angeblich in Afrika aufhält, steht im Visier der Heidelberger Staatsanwaltschaft. Ermittler hatten wiederholt seine Praxis in Sinsheim durchsucht. Der Vorwurf: Er habe bundesweit Menschen mit einem Attest von der Maskenpflicht befreit – teilweise, ohne sie persönlich zu untersuchen.

Es gab Hunderte Kontrollen

Den Tag über kreiste über Sinsheim ein Polizeihubschrauber. Die Polizei sprach nach eigenen Angaben gegen 387 Menschen Platzverweise aus, rund 600 Menschen wurden den Angaben zufolge wegen Verstößen gegen die Corona-Verordnung angezeigt. Die Beamten registrierten eigenen Angaben zufolge neun Straftaten, unter anderem eine gefährliche Körperverletzung gegen einen Polizisten und einen Verstoß gegen das Waffengesetz.


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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