Nackt, voll bekleidet, knappe Bikinis - die Geschichte der Bademode

Bad Rappenau  Am Sonntag eröffnet das Bikinimuseum in Bad Rappenau. Dort sind 400 Bademoden-Exponate aus verschiedenen Mode-Epochen von 1880 bis in die Gegenwart ausgestellt. Doch wie hat der sexy Zweiteiler es eigentlich geschafft, ein so großer Erfolg zu werden?

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Es ist der 5. Juli 1946, nur wenige Tage nach den verheerenden Atombomben-Tests der USA im Bikini-Atoll. Designer Louis Réard lädt zu einer Modenschau in das Pariser Schwimmbad Molitor ein. Micheline Bernardini, Nackttänzerin im Casino de Paris, trägt dort ein Kleidungsstück, das aus zwei Teilen besteht: einen Bikini.

Das ist neu, das ist spektakulär – und das verspricht ein Stück Freiheit. Wenn an diesem 5. Juli 2020 das Bikini-Art-Museum in Bad Rappenauer Ortsteil Bonfeld eröffnet wird, dann können Besucher dort auch die Geschichte der Bademoden nachvollziehen. Vom 19. Jahrhundert, wo die Damen beim Baden in schwere Wollkostüme gehüllt waren, bis in die Gegenwart spannen die Ausstellungsmacher den Bogen. 

Das Bikini-Art-Museum versteht sich nicht nur als weltweit einmaliges Themenmuseum. Es versteht sich auch als Archiv für Wissenschaftler, Heimatforscher und Journalisten.

Das, was sie über die Entwicklung der Bademode vom Mittelalter bis in die Gegenwart recherchiert haben, bündeln die Ausstellungsmacher aus Regensburg dort. Rund 400 Exponate einer weltweit einmaligen Sammlung, die insgesamt 1200 Stücke umfasst, sind in Bonfeld ausgestellt. 1870 geht es los. Zu sehen sind aber auch Glanzstücke traditioneller Firmen wie Triumph, Naturana oder Jantzen, sowie Luxuslabels wie Dior, Chanel oder Pucci. 

Höhepunkte sind die Badeanzüge und Zweiteiler von Stars wie Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Elke Sommer, Esther Williams und Scarlett Johansson. Von Louis Réard, dem Erfinder des Bikinis, befinden sich zwölf von 16 weltweit noch bekannten Originalen in Bonfeld. Darunter auch der Goldene Reard, der weltweit wertvollste Bikini.

Er ist eine Einzelanfertigung, vermutlich von 1948, in Schnitt und Farbe ist er zeitlos. Ghislaine Rayer, Expertin für Lingerie- und Bademode und Autorin schreibt über Réard, dass er visionär und seiner Zeit weit voraus gewesen sei. „Seine Badeanzüge wurden von den großen internationalen Stars dieser Zeit und von Frauen der Pariser High Society getragen. Da sie hauptsächlich nach Maß gefertigt wurden, sind nur wenige erhalten geblieben. Das Bikini-Art-Museum ist das einzige Museum der Welt, in dem gleich mehrere der exklusiven Werke von Louis Réard zu sehen sind.”

Die Geschichte der Bademode:

  • Mittelalter 

Angefangen hat alles im Mittelalter, wo im 12. Jahrhundert öffentliche Badstuben entstanden, die sich bald zu feucht-fröhlichen Vergnügungsstätten entwickelten, in denen man aß, trank und musizierte. „Wenn nicht nackt gebadet wurde“, heißt es auf der Website des Bikini-Art-Museums, „verwendete man ein mit Schnüren befestigtes Tuch, welches nur das Nötigste bei Mann und Frau bedeckte.“ Als Orte der Unsittlichkeit seien die Badstuben der Kirche bald ein Dorn im Auge gewesen, weshalb man die Badebereiche nach Geschlechtern aufteilte und Baderegeln erstellte.

  • 16. bis 18. Jahrhundert 

Nach 1500 kam das Badewesen durch die Verbreitung neuer Krankheiten wie Pest, Syphilis und Cholera in Verruf. Aus Angst vor Ansteckung wurden fast alle Badstuben geschlossen. Bis ins 18. Jahrhundert ging die Bevölkerung nach Geschlechtern getrennt baden. Getragen wurden meist einfache Hemden, die Knöchel und Handgelenke bedeckten. Die ersten Seebäder eröffneten in England gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Frauen trugen zum Baden lange Flanell-Hemden, in welche meist schwere Gewichte eingenäht waren, damit der Stoff nicht an die Wasseroberfläche stieg. Männer durften nackt baden. Ebenso war man sehr darauf bedacht, die Geschlechter zu trennen, um die Sittlichkeit zu wahren. Mithilfe einer Badekarre, die ins Wasser gezogen wurde, konnten sich Frauen unbeobachtet ihrer Tageskleidung entledigen und so diskret ins Meer gelangen.

  • 19. Jahrhundert 

Das Kuren an der See wurde im 19. Jahrhundert populär. „Badende Frauen trugen aus sittlichen Gründen mehrteilige Kostüme aus Wolle, Leinen oder Seide. Diese bestanden zusätzlich aus Haube, Hut, langärmeliger Bluse, Korsett, einer über den Knöcheln geschnürten Hose sowie aus Strümpfen und Schuhen“, schreiben die Modeexperten. Und das war nicht ungefährlich. Immer wieder kam es zu Badeunfällen, da sich die Wolle vollsaugte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Ärmel und Hosenbeine kürzer. Matrosenkragen und Ankermotive wurden nach 1880 modern.

  • Jahrhundertwende 

Nachdem der Schwimmsport bereits Ende des 19. Jahrhunderts für Männer populär wurde, kam das Wettkampfschwimmen der Frauen erst nach 1900 auf. Aufgrund von vorgeschriebenen Sitten, konservativen Moralvorstellungen und strengen Gesetzen waren Schwimmsportlerinnen dazu gezwungen, ihre Körper bei Wettkämpfen mit mehreren Stoffschichten zu bedecken. Verstöße gegen Kleiderordnungen wurden streng bestraft: Als die Australierin Annette Kellermann 1907 in einem selbst entworfenen kurzen Badeanzug trainierte, wurde sie von einem Polizisten verhaftet.

  • Zwanziger Jahre 

In den Wilden Zwanzigern überwog das Vergnügen die gesundheitsfördernden Aspekte, vereinzelt durften Männer und Frauen nun gemeinsam eintauchen, leichter Baumwolljersey ersetzte schwere Materialien, Hosenbeine wurden kürzer, der Rock verschwand. „Die Badeanzüge waren beinahe unisex, wenngleich die Frauen zusätzlich Badehauben trugen.“

  • Dreißiger Jahre 

In den 1930er Jahren kam ein neuer Trend auf: das Sonnenbaden. Damit veränderte sich auch die Bade- und Strandbekleidung. Während sich im Rest Europas Zweiteiler an Stränden, Seen und in Bädern etablierten, war die Entwicklung der Bademode im national gesinnten Deutschland unter anderem durch den Zwickelerlass von 1932 gehemmt. Der schrieb eine sittliche Bedeckung des Körpers und die Anbringung eines Stoffstücks („Zwickel“) im Schritt der Badekleidung vor.

  • Vierziger und Fünfziger Jahre 

Am 5. Juli 1946, nur wenige Tage nach den Atombomben-Tests der USA im Bikini-Atoll, detonierte in Frankreich eine „Bombe“ anderer Art. Der französische Bademodendesigner Louis Réard hatte zu eine Misswahl im Pariser Schwimmbad Molitor eingeladen. Dort stellte er den bis dato kleinsten Zweiteiler der Welt vor, den „Bikini“. Symbolisch sollte der Bikini – damals eine absolute Provokation der Gesellschaft – mit der Sprengkraft der Atomversuche assoziiert werden. Der Bikini wurde von Micheline Bernardini – einer Nackttänzerin aus dem Casino de Paris – der Öffentlichkeit präsentiert, die Nachricht ging um die Welt. Das Entblößen des Bauchnabels galt damals noch als sittenlos, weshalb es knapp 16 Jahre dauerte, bis der Zweiteiler auch in der breiten Bevölkerung populär wurde.

  • Sechziger Jahre 

Von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart war der Bikini dann allerdings nicht mehr aufzuhalten und wie jegliche Mode ein Spiegel seiner Zeit: In den 1960er Jahren zeigte sich in der „Bademode in knalligen Farben die Lust auf Sonne, Strand und Meer“. Im Laufe des Jahrzehnts wurde der Zweiteiler weltweit als Symbol der Emanzipation gefeiert.

  • Siebziger Jahre 

Psychedelische Muster waren besonders charakteristisch für die kreative Bademode der 1970er Jahre. Parallel dazu habe sich eine Tendenz zu immer knapper werdenden Stoffen abgezeichnet: „Aufreizende Bademode aus Rio de Janeiro verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die ganze Welt. Die sexuelle Revolution fand in der Erfindung des Tangas ihren Ausdruck. Schließlich wurde der hintere Teil des Unterteils durch eine Schnur ersetzt und der Fio Dental war geboren.“ Er gelte als Höhepunkt der Stoffverknappung in der Bademode – und selbstverständlich ist auch ein Zahnseide-Bikini in Bonfeld zu sehen.

  • Achtziger Jahre 

Typisch für die Schnittführung der Badeanzüge der 1980er Jahre waren die hüfthohen, athletisch wirkenden Beinausschnitte. Bikinis waren häufig als zweiteiliges Sportlertrikot getarnt, die mit ebenso hohen Beinausschnitten und Figur formenden Materialien wie Lycra oder Elasthan den Gesamteindruck von Langbeinigkeit vermittelten. Mit Beginn der 1980er Jahre kam auch das Oben-ohne-Baden in Mode. Parallel zu dieser Entwicklung wurde immer öfter auf Badeanzugmodelle mit Schößchen und Rüschen zurückgegriffen.

  • Neunziger Jahre 

Innovativ wie nie zuvor sei die Entwicklung der Bademode in den 1990er Jahren gewesen, heißt es. „Bikinis und Badeanzüge wurden in allen erdenklichen Farben, Mustern und Formen getragen. Kreative Zweiteiler aus Gras oder Kuchenformen trafen auf mit Diamanten und Gold besetzte Bikinis. Die Grenze zwischen Bade- und Alltagskleidung verschwand. Ende der 1990er Jahre wurden die Bikiniunterteile so knapp wie nie: Der Venushügel wurde gerade so bedeckt und der Beinausschnitt reichte nicht selten bis zur Hüfte.“

  • Jahrtausendwende 

Anfang der 2000er Jahre stand der Bauch wieder im Mittelpunkt der Bademodendesigns. Raffinierte Quer- und Längsstreifen verbanden Bikini-Ober- und Unterteile und unkonventionelle Trägerkreationen strukturierten Hals und Hüfte. Traditionelle Materialien wie Wolle wurden neu interpretiert und mit synthetischen Stoffen kombiniert. Kurvige Stars und Sternchen wie die US-amerikanische Sängerin Beyoncé Knowles brachten die Sanduhrfigur wieder in Mode, weshalb weibliche Rundungen auch in der Bademode wieder gekonnt in Szene gesetzt wurden. 

  • Gegenwart 

In der Bademode der Gegenwart spiegelt sich die kulturelle Vielfalt unserer Zeit. Und auch das beschreiben die Experten des Bikini-Art-Museums: „Für viele muslimische Frauen hat sich der Burkini etabliert, eine Art Ganzkörperbadeanzug, welcher mit Burka getragen wird.“ 

Heute steht der Bikini in allen möglichen Schnitten, Formen und Designs im Rampenlicht und werde von Influencern wie Emily Ratajkowski als feministisches Statement zelebriert. Der Fokus des 21. Jahrhunderts, heißt es zum Abschluss des historischen Streifzugs, liege „auf einer positiven Körperwahrnehmung und dem Loslösen von der Idee, dass nur Figurtypen, die dem Schönheitsideal entsprechen, als attraktiv gelten können“. 

Das Bikini-Art-Museum hat ab Sonntag, 5. Juli, 9 Uhr geöffnet. Genau 74 Jahre nach seiner Erfindung. Die Experten des Bikini-Art-Museums haben die Geschichte der Bademode mit Hilfe von Experten wie Ghislaine Rayer, Helmut Schuster oder Roger Fritz aufgearbeitet. Das Museum selbst versteht sich als „The world’s first community of swimwear“ und als Anlaufstelle für alle, die sich für die Historie des Bikinis interessieren. Journalisten und Wissenchaftler findet dort Ansprechpartner für ihre Recherchen.

Quelle: Bikini-Art-Museum, Bad Rappenau


Ulrike Plapp-Schirmer

Ulrike Plapp-Schirmer

Autorin

Ulrike Plapp-Schirmer ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist für Bad Rappenau und Gemmingen zuständig, gehört dem Thementeam Gesundheit an und rezensiert regelmäßig Bücher.

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