Gedenken an Eppinger Opfer des Flugzeugabschusses vor einem Jahr

Eppingen/Werl/Iran  Sakineh Ahmadi hinterließ in Eppingen nachhaltig Eindruck. Vor einem Jahr kam die Afghanin bei einem Flugzeugabschuss ums Leben. Anlässlich des Jahrestags ist eine Gedenkanzeige im Stadtanzeiger erschienen.

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Sakineh Ahmadi 2016 in Eppingen beim internationalen Fest zum Sommerausklang. Ihr Sohn Mohsen feierte an dem Tag zufällig Geburtstag.

Foto: Archiv/F. Theuer

Wenn jemand stirbt, bleiben trauernde Angehörige zurück. Stirbt ein junger Mensch, trifft die Trauer oft sehr tief. Dazu gesellen sich Bestürzung, Verzweiflung, auch Wut, wenn der Tod tragisch zuschlägt: durch ein verhängnisvolles Ereignis, das jemand versehentlich oder gar absichtlich herbeigeführt hat. Jemand, der dafür nicht belangt und bestraft werden kann.

So geschah es am 8. Januar 2020, als Sakineh Ahmadi (30) mit Tochter Motahareh (8) und Sohn Mohsen (5) mit einer von iranischen Flugabwehrraketen abgeschossenen ukrainischen Boeing 737 abstürzte. Noch heute ist die Erschütterung Bernhard V.s Stimme anzuhören, wenn er von dem Ereignis spricht: "Ich hatte ihr noch einen Tag vorher eine SMS geschrieben, dass sie für die Zeit zum Flughafen viel Zeit einplanen sollte, weil im Iran Unruhen waren", erinnert sich der 69-Jährige, der in einem Eppinger Teilort lebt und seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte.

"Sie war so aufgeschlossen"

Bernhard V. hatte die junge Afghanin Ahmadi als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer fünf Jahre zuvor im Asylbewerberheim in der Elsenzstraße kennengelernt. Und ihr gerne geholfen, denn, so erzählt der Eppinger: "Sie war so aufgeschlossen. Man kam mit ihr gleich ins Gespräch. Sie lernte schnell Deutsch und wollte einen Beruf erlernen."

Der Elektrotechniker verhalf Ahmadi zu zwei Praktika bei Unternehmen in der Umgebung. Doch das Angebot eines Langzeitpraktikums musste die junge Mutter ausschlagen - sie hatte keine Möglichkeit, ihre Kinder während der Arbeitszeit irgendwo betreuen zu lassen.

Mohsen freute sich auf die Schule

Deshalb zog die aktive Afghanin im Jahr 2017 nach Werl in Nordrhein-Westfalen. Dort lebt ihr Bruder, hier fand sie eine Ausbildungsstelle in einer chirurgischen Arztpraxis. "Sie war im zweiten Lehrjahr, als sie starb", sagt Bernhard V. Über die Distanz hielt er weiter Kontakt zur Familie. Der Sohn sei stolz gewesen, im Sommer eingeschult zu werden, die Tochter habe im zweiten Schuljahr ein gutes Zeugnis gehabt. Und: "Sakineh war kurz davor, Deutsche zu werden, hatte schon alle Papiere zusammen für die Einbürgerung."

Ahmadi fiel in Eppingen positiv auf

Nicht nur auf Bernhard V., auf viele Menschen machte Sakineh Ahmadi nachhaltig Eindruck. Im September 2016 fiel sie in Eppingen beim internationalen Fest zum Sommerausklang auf dem Kolpinggelände durch ihre farbenfrohe afghanische Tracht und ihr akzentfreies Deutsch auf: "Ich habe hier viele Freunde gefunden", erzählte sie damals der Kraichgau Stimme. Bei einer Bürgerversammlung im November 2015, wo es um Unterkünfte für Flüchtlinge ging, erzählte Ahmadi öffentlich von ihrem Leben in der Fachwerkstadt.

Über Weihnachten besuchte sie die Eltern im Iran

Im Januar 2020 war sie auf der Rückreise vom Weihnachtsbesuch im Iran, wo Eltern und weitere Geschwister noch leben. Dort hatte sie vor der Flucht nach Europa illegal Flüchtlingskinder unterrichtet, weiß Bernhard V. Er sagt, afghanische Flüchtlinge würden dort als billige Arbeitskräfte missbraucht.

Der Abschuss war Folge politischer Querelen

Die Umstände des Flugzeugabschusses haben den Eppinger beschäftigt - er weiß von technischen Details zu berichten und ärgert sich heute noch über politische Widersprüche. Doch all das macht Ahmadi, ihre beiden Kinder und mehr als 170 weitere Flugzeuginsassen nicht wieder lebendig. Wenigstens die Erinnerung an sie möchte Bernhard V. aber wachhalten, und "dass man das Andenken wahrt". Daher hat er anlässlich des Jahrestags eine Gedenkanzeige im Stadtanzeiger geschaltet, die noch rund 20 weitere Eppinger unterschrieben haben.

"Ich komme am Mittwoch wieder. Mach dir keine Sorgen", hatte Ahmadi auf seine SMS geantwortet.


Susanne Schwarzbürger

Susanne Schwarzbürger

Autorin

Susanne Schwarzbürger ist seit 2000 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Nach vielen Jahren im Team Kinder/Jugend/Familie ist sie jetzt in der Landkreisredaktion schwerpunktmäßig für den südlichen Kraichgau und für Bildungsthemen zuständig.

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