Erste Stolperstein werden in Eppingen enthüllt

Eppingen  Jüdische Familienangehörige aus Israel wohnen der würdevollen Gedenkfeier bei.

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Yael Süßkind, ihr Lebensgefährte Moshe Gross, ihre Brüder Dan und Gidon Süßkind (v.l.) sprechen das "Kaddisch" ein jüdisches Gebet auf hebräisch.

Fotos: Schwarzbürger

Drei Jahre ist es her, dass Gidon Süßkind bei der Stadt Eppingen anklopfte, um anzufragen, wie es mit einer Verlegung von Stolpersteinen für seine Großmutter Betty Levi, geborene Frank, ihre Schwester Martha und die Urgroßmutter Sophie Frank aussähe. Die drei Frauen sowie Bettys und Marthas Cousin Ernst Frank lebten lange in der Brettener Straße 21 und wurden Opfer des Holocaust. Die Verwaltung ließ sich nicht lange bitten. Dass es nach der Zusage 2019 noch zwei Jahre bis zur Umsetzung dauerte, lag auch an Corona.

Doch am Freitag war es soweit: Mit den vier Gedenksteinen für die Familie Frank enthüllten die Verantwortlichen vom Jüdischen Leben Kraichgau unter Vorsitz von Elisabeth Hilbert zusammen mit der Stolperstein-AG unter Leitung der Stadtarchivarin Petra Binder zehn weitere. Auch in der Bahnhofstraße, der Fleischgasse 5 und im Linsenviertel 3 gemahnen jetzt beschriftete Messingplatten am Boden an die Schicksale des Ehepaars Dreifus, der Familie Bravmann sowie der Ehepaare Sternweiler und Siegel. Rund 80 Bürger wohnten der feierlichen Würdigung unter Schirmherrschaft von OB Klaus Holaschke bei.

Vor der Reichspogromnacht entkamen die Süßkinds

Wenngleich sich Bundestags- wie Landtagsabgeordnete aller vier derzeit um Regierungsbildung ringenden Parteien einfanden, hatten die Abkömmlinge der Familie Frank die weiteste Anreise. Gidon Süßkind, seine Frau Nava, sein Bruder Dan und seine Schwester Yael sowie deren Lebensgefährte Moshe Gross waren aus Israel eingeflogen. Gerne wäre auch Werner Frank, der Cousin ihrer in Eppingen geborenen Mutter, dabei gewesen. Seine Familie hatte Eppingen ein Jahr vor der Reichspogromnacht verlassen, so überlebte der damals Achtjährige in den USA. Vor 20 Jahren nahm er noch Kontakt mit Eppinger Schülern auf, erinnert sich Holaschke, doch nun könne er aus Altersgründen nicht dabei sein.

Tiefe Narbe brachte der Mutter den frühen Tod

Erste Stolperstein werden in Eppingen enthüllt

Für jeden Stolperstein gab es eine weiße Rose. Wo keine Familienangehörigen anwesend war, legten andere Projektbeteiligte die Blumen nieder.

Gidon Süßkind dankt Werner Frank für sein Buch "Legacy", er erhielt darin die Erinnerung an die verfolgten Familienmitglieder aufrecht. Er selbst und seine Geschwister hatten das Glück, dass ihre Eltern rechtzeitig nach "Britisch Palästina", dem späteren Israel, auswanderten: "We all lived a happy life, but the pain that never healed ... left a deep scar in their souls." Die Narbe, die der nie heilende Schmerz in die Seele seiner Eltern grub, sei so tief gewesen, dass die Mutter schon 1979 starb. Da war sie erst 65, sagt der 70-Jährige in seiner auf Englisch gehaltenen Ansprache.

Hans Bravmann hätte Schüler sein können

So wie die Süßkinds dafür eintreten, alles zu tun, damit sich die Geschichte nicht wiederholt, betont auch Reinhard Ihle, Vorsitzender des Eppinger Heimatvereins: "Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." Er hat die Geschichte von Elsa, Leopold und Alfred Dreifus noch aus dem Mund seiner Mutter erfahren, die mit der Tochter von deren Vermieter befreundet war. Eine erschütternde Geschichte, ebenso wie die der Bravmanns. Sohn Hans, "war eines der jüngsten Eppinger Opfer. Er floh mit elf Jahren und wurde mit 17 in Auschwitz ermordet", sagt Silke Döll. "Deshalb", so die Leiterin der Selma-Rosenfeld-Realschule, "liegt er uns besonders am Herzen: Er hätte Schüler unserer Schule sein können." Ihre Schüler umrahmen daher die Feier auch musikalisch, theatralisch und mit Wortbeiträgen.

Nicht alle regen Stolpersteine zum Nachdenken an

Über 70 war Julius Sternweiler, als er starb. Katja Krämer-Friese ist aus Frankfurt gekommen, um an den Onkel ihres Vaters und seine zweite Frau, Liesel Sternweiler, zu erinnern. Mit der Gedenkveranstaltung in Eppingen und den Mahnmalen im Boden ist die 68-Jährige einverstanden, auch wenn sie Stolpersteinen ambivalent gegenüber steht: Die einstmals als "Stein des Anstoßes" gedachten Kunstwerke hätten sich "in recht glatte Gedenksteine verwandelt, die leider nicht von allen zum Nachdenken benutzt werden".

Dabei stimmt auch das Ende des Ehepaars Siegel nachdenklich. Es wurde gemeinsam mit den Sternweilers 1940 deportiert. Da lebten es schon im Armenhaus, das Lager in Gurs überlebten beide nicht lange.

 

Gunter Demnig und seine Stolpersteine

1996 startete Gunter Demnig sein Stolpersteinprojekt. Das wohl größte dezentrale Mahnmal der Welt machte den 1947 in Berlin geborenen Künstler berühmt. International hat der später in Köln, seit 2017 im Hessischen lebende Gestalter bereits mehr als 75 000 der mit einer Messingplatte belegten Betonquader verlegt. Sie erinnern an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden und dem Holocaust zum Opfer fielen. Nun werden auch in Eppingen auf drei Runden verteilt die zehn Quadratzentimeter großen Quader vor dem letzten Wohnort der Nazi-Opfer unter den Eppinger Juden eingelassen. In der Fachwerkstadt hat das der Bauhof übernommen, der Künstler selbst war verhindert. 14 Steine für fünf Familien wurden am Freitag feierlich enthüllt. Auf jeder Platte steht vor dem Namen "Hier wohnte", danach der Geburtsjahrgang, wohin die Person flüchtete, zwangsweise umgesiedelt oder deportiert wurde und wann und wo sie starb.


Susanne Schwarzbürger

Susanne Schwarzbürger

Autorin

Susanne Schwarzbürger ist seit 2000 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Nach vielen Jahren im Team Kinder/Jugend/Familie ist sie jetzt in der Regionalredaktion schwerpunktmäßig für den südlichen Kraichgau und für Bildungsthemen zuständig.

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