Die sozialen Strukturen funktionieren gut

Kraichgau  Die Hilfsbereitschaft in den Kommunen ist groß, das hat sich in den zurückliegenden Wodchen überall gezeigt. Zahlreiche Initiativen wurden teilweise auch von den Rathäusern angestoßen. Manches wird bleiben.

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Für Leute, die während der Krise ans Haus gebunden waren, waren ehrenamtliche Hilfsangebote gedacht. Einkaufshilfen gab es etwa in Siegelsbach.

Foto: Archiv/Hofmann

Die sozialen Strukturen im Kraichgau funktionieren offenbar gut. Das hat sich in den zurückliegenden Wochen überall gezeigt. Im Verbreitungsgebiet der Kraichgau Stimme liefen in allen Gemeinden Initiativen für Menschen an, die in der Corona-Krise Hilfe brauchen. Rathäuser, Vereine, Privatleute und Firmen zogen oft gemeinsam an einem Strang.

Es wird allerdings auch berichtet, dass sich weitaus mehr Helfer als Hilfesuchende gemeldet haben. "Ich habe den Bedarf an dieser Stelle überschätzt", sagt etwa der Bad Rappenauer Oberbürgermeister Sebastian Frei. "Diejenigen, die Hilfe brauchen, sind nicht unbedingt die ersten, die sich melden."

Rathaus hat Zeichen gesetzt

Als Rathaus habe man ein Zeichen setzen wollen, fügt Frei hinzu. In Windeseile entstand das Projekt "Bad Rappenau - Wir halten zusammen". Innerhalb kürzester Zeit zeigten sich rund 200 Männer und Frauen bereit, für andere da zu sein.

Flyer waren schnell gedruckt, nachdem man über die Sozialen Medien die eigentliche Zielgruppe nicht so gut erreicht habe, sagt Kulturamtsleiterin Birgit Böhm. Eine Gruppe Ehrenamtlicher habe die Flyer dann in einem einzigen Tage im gesamten Stadtgebiet ausgetragen: "Das war sensationell."

Zwei Vereine, der TSV Obergimpern und der SV Babstadt, haben sich gemeldet, junge Leute, die von ihrem Sozialdienst freigestellt waren, Studenten, die zu Hause wohnten, Leute in Kurzarbeit. "Die Hilfesuchenden haben allerdings auf sich warten lassen", erzählt Birgit Böhm.

Die sozialen Strukturen funktionieren gut

Das Bad Rappenauer Rathaus ging früh mit einem Hilfsangebot raus. Rund 200 Menschen haben sich freiwillig gemeldet. Hilfesuchende gab es weniger.

Foto: Plapp-Schirmer

An lediglich 24 Personen konnte das Rathaus bis dato Ehrenamtliche vermitteln. Angerufen haben ältere und alte Menschen sowie eine Alleinerziehende, die wegen der Ansteckungsgefahr mit ihrem Kleinkind nicht einkaufen gehen wollte. "Auch Gartenarbeit konnten wir vermitteln", sagt Rathausmitarbeiterin Miriam Hartl.

An einem Samstag um 16 Uhr rief eine positiv getestete Familie an, die fortan das Haus nicht mehr verlassen durfte. Sie brauchte dringend einen Hundesitter: "Und es war möglich, jemanden spontan zu vermitteln", sagt Böhm.

Die Bude habe ihnen niemand eingerannt. Dennoch sprechen die Rappenauer von einer erfolgreichen Hilfsaktion. Es sei so gelaufen, wie es besser nicht hätte laufen können, sagt OB Frei auch mit Blick auf seine eigene Mannschaft. Zwischen Helfer und Hilfesuchenden hätten sich bereits Automatismen gebildet: "Das läuft jetzt auch ohne uns", meint Birgit Böhm.

Ähnliche Erfahrungen an anderen Orten

Von ganz ähnlichen Erfahrungen berichtet der Siegelsbacher Kämmerer Thorsten Densborn: "Der Zusammenhalt bei uns ist stark. Die Menschen sind nicht unbedingt auf externe Hilfe angewiesen."

Der SCS und der örtliche Kfz-Betrieb Rogic hätten ihre Hilfe angeboten. Mann und Schröder stellte Desinfektionsmittel bereit. Auch in Ittlingen lief die Hilfe zentral übers Rathaus. Allerdings sei der Bedarf nicht groß gewesen, sagt Bürgermeister Kai Kohlenberger, "was erstmal gut ist." Die Dorfgemeinschaft hat sich seiner Ansicht nach in der Krise bewährt: "In Ittlingen herrscht ein starkes Wir-Gefühl."

Auch in Eppingen hätten die Hilfen innerhalb der Familie sehr gut funktioniert, erzählt Rathaussprecherin Cathrin Leuze. Auf einen Aufruf der Stadt hin seien Spenden eingegangen, von denen eine erste Tranche bereits an Organisationen ausgeteilt wurde, die derzeit aufgrund der Hygienebestimmungen einen erhöhten Bedarf haben. "Helfen wo geholfen wird", ist hier das Motto.

"Wir leben Solidarität" heißt es in Kirchardt. Bürgermeister Gerd Kreiter berichtet von vielen Menschen, die über aktuelle Hilfsaktionen hinaus "im Verborgenen unterstützen - in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder in der Verwandtschaft". Aufgrund der erlebten und gelebten Solidarität ist Kreiter daher auch zuversichtlich, "dass wir aus der Corona-Krise gestärkt hervorgehen werden".

Lesestoff unter Leute gebracht

Eine etwas andere Hilfsaktion lief in Gemmingen: Dort haben Mitglieder des örtlichen SV und des FC Stebbach Lesestoff unter die Leute gebracht. Dienstags und donnerstags holten sie die gerichteten Pakete um 10 Uhr in der Bücherei ab und lieferten diese aus. Büchereileiterin Susanne Kubin war teilweise selbst unterwegs: "Meist mit dem Fahrrad." Das Angebot sei gut angenommen worden: "Die Leute haben sich sehr gefreut - wenn es auch nicht Berge waren, die da bewegt wurden."

Gewinner gab es auf beiden Seiten: "Allein dadurch, dass wir diese Möglichkeit angeboten haben, ist die Bücherei nicht ganz vergessen worden, fügt Kubin hinzu. Seit Anfang/Mitte Mai sind alle Büchereien wieder offen, auch die in Gemmingen.

Den Lieferdienst hat man dort inzwischen auf Personen reduziert, die eingeschränkt sind. Nutzer der Bücherei beschäftigen sich seit der Krise mehr mit dem Internetkatalog, den Kubin und ihr Team pflegen. "Nach wie vor ist es so, dass sie sich zu Hause Medien auswählen. Ich lege diese dann im Foyer zur Abholung bereit." Susanne Kubin kann sich vorstellen, dass sie diesen Service auch nach der Pandemie anbietet. Die Leiterin sieht darin eine Möglichkeit, Leser zu gewinnen, die werktags wenig Zeit für einen Büchereibesuch haben.


Kommentar: Es braucht Zeit

Eigentlich hätte man meinen können, dass der Bedarf an persönlicher Unterstützung durch Ehrenamtliche in der Corona-Krise besonders hoch ist. Doch vielerorts funktionieren Familien und Nachbarschaften so gut, dass es neue Hilfsangebote schwer haben, sich durchzusetzen. Man habe ihnen nicht gerade die Bude eingerannt, beschreibt das die Bad Rappenauer Kulturamtsleiterin Birgit Böhm. 200 Helferinnen und Helfer stehen hier bislang 24 einzelnen Fällen gegenüber. Eine Schieflage? Das kann man so sehen. Man kann es aber auch anders interpretieren.

Erfreulich ist, dass es so viele Menschen gibt, die bereit sind, anderen ihre freie Zeit zur Verfügung zu stellen. Dass darunter auch viele junge Leute sind, ist bemerkenswert. Auf der anderen Seite funktionieren im Kraichgau die sozialen Strukturen vor Ort. Das hat sicher etwas mit dem Wirken der Vereine und Kirchen zu tun, die das Ehrenamt als solches schon immer hochgehalten haben. Eine Ehrenamtskultur, wie wir sie haben, gibt es nicht überall. Das ist eine Stärke. Als Ergänzung dazu wäre es dennoch schön, wenn das eine oder andere Projekt, das jetzt mit viel Mühe auf den Weg gebracht wurde, erhalten bliebe. Hilfe annehmen: Das muss auch gelernt sein. Einen Fremden bitten: Das kostet einfach Überwindung. Es braucht daher Zeit, bis sich die neuen Angebote etabliert haben. Wie auch immer es aussehen wird: In Bad Rappenau denkt man darüber nach, das jetzt entstandene Netzwerk zu erhalten. Gut für alle.


Ulrike Plapp-Schirmer

Ulrike Plapp-Schirmer

Autorin

Ulrike Plapp-Schirmer ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist für Bad Rappenau und Gemmingen zuständig, gehört dem Thementeam Gesundheit an und rezensiert regelmäßig Bücher.

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