Corona zwingt Chören akustische Exkursionen auf

Region  Die Chöre organisieren sich während der Krise online. Ob Schlosshof, Maschinenhalle oder Scheune, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu gewährleisten, gehen die Chöre ungewohnte Wege.

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Vor einer ungewöhnlichen Kulisse fand sich der Liederkranz Kochersteinsfeld wieder nachdem die ersten Lockerungen verabschiedet wurden.

Foto: Privat

Ottonormalbürger leben ihr Sängerdasein zumeist unbedenklich unter der Dusche oder im Auto aus. Anders sieht es bei Chormitgliedern aus. Ihre Leidenschaft hat sich ob des grassierenden Coronavirus zu einer wahren Risikoquelle entwickelt. Das Singen wirbelt Millionen von Aerosolen auf, zumal in größeren Gruppen die Infektionsgefahr steigt. Wie haben die Chöre in der Region auf den Lockdown reagiert?

Volkstrauertag weckt Hoffnungen

Lauter rot unterlegte Termine finden sich auf der Homepage des Fleiner Sängerbundes wieder - in dicken Lettern versehen mit dem Hinweis "entfällt!". Auch jetzt gebe es "keine konkreten Termine", bedauert Chorleiter Roland Gärtner die konzertfreie Zeit. Allerdings: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Die bezieht sich auf den Volkstrauertag. Ob das traditionelle Konzert am 15. November stattfinden kann, wisse jedoch niemand.

Seit fünf Wochen proben der klassische Männerchor und die moderneren "Flinharmoniker" wieder. Ersatzweise schickten die technisch Fitteren unter den Hobbysängern Audiodateien an Roland Gärtner, der individuelle Hilfestellung leistete. "Von denjenigen, die online bewandert sind, war die Resonanz durchweg positiv", sagt er.

Sänger sind sich des Restrisikos bewusst

Zum Singen gehöre aber mehr, "die soziale Beziehung hat mir ganz arg gefehlt". Daher war die Erleichterung groß, als es Mitte Juni wieder losging. Um allzu großer Infektionsgefahr vorzubeugen, fanden die Gesangsstunden erst im Freien, danach in einer "riesigen Maschinenhalle" auf einem Bauernhof statt, um die gebotene Distanz einzuhalten. Mittlerweile hat sich der Probenalltag normalisiert, trotzdem sagt Gärtner: "Ganz unbefangen geht natürlich niemand zu den Treffen."

Bis zur Lockerung der Kontaktbeschränkungen blieben die Chöre des Liederkranz Kochersteinsfeld über Zoom-Videokonferenzen in Verbindung. "Glücklicherweise hat der Liederkranz Vollblut-Musiker und Entertainer Martin Renner als Chorleiter", freut sich Schriftführer Marc Zendler. Alle vier Stimmen sang Renner für die Mitglieder des Männerchors und der etwas jünger besetzten Kooperation mit dem Gochsener Liederkreis "Voctails" ein. Gemeinsames Proben via Zoom sei jedoch nicht möglich. Dennoch konnten sämtliche Parts neuer Stücke individuell einstudiert werden.

Später wurde im Freien oder in einer Scheune geprobt. Hier sei die Akustik "ungewohnt, aber weit besser" gewesen als in den betreuten Einzelproben übers Netz, wie Zendler findet. "Somit können die Wochen der Videokonferenzen als Erfolg verbucht werden."

Arcobaleno legt eine große Pause ein

Beim gemischten Chor "Arcobaleno" des TGV Dürrenzimmern herrscht dagegen Ruhe. Nach zehn Jahren verabschiedete sich Dirigent Julius Gyurcsek im Frühjahr. Nachfolgerin Svetlana Morkel leitete vor Corona ein Probedirigat, von dem "alle begeistert waren", wie Abteilungsleiterin Susanne Müller betont.

Weil die neue Chorleiterin bis Mitte September im Elternschutz ist, herrscht ganz opportun "große Pause". Ob der Chor dann wie üblich im Sportheim des TGV proben kann, ist fraglich. "Wahrscheinlich bietet in Dürrenzimmern nur die Halle genügend Platz für 35 Sänger", schätzt Susanne Müller.

Ittlinger Sängerbund investiert in technisches Know-how

Dagegen herrscht beim Sängerbund Ittlingen reger Betrieb. Am Samstag erfolgte bereits das erste Konzert im Schulhof in Ittlingen. Geprobt wurde im März und April unter "extrem hohem technischem Aufwand", wie Vorstand Heiko Fischer erzählt.

Mit "großem Hallo" wurde das Chorleben online reaktiviert. "Da hatten alle wieder große Lust zu singen." Um den Chorbetrieb zu gewährleisten, wurde extra ein Server in Karlsruhe angemietet, ein Techniker sorgte für saubere Abläufe. Da keine Gemeinderäume verfügbar waren, wurde in Vierergruppen geprobt, unter anderem in der Festhalle der Gemeinde, in der Lagerhalle eines Großbauern und im Hof von Schloss Ittlingen. "Wir haben für jede Location ein eigenes Hygiene-Konzept vorgelegt", sagt Fischer, "der Aufwand war immens, aber es hat sich gelohnt."

Weil die Haupteinnahmequellen, wie das Waldfest, durch die Pandemie ausgefallen sind, geht der Liederkranz Kochersteinsfeld ungewöhnliche Wege. In Einzelterminen sangen die Mitglieder des Männerchors und der "Voctails" ihre Stimmen ein. Chorleiter Martin Renner fügt diese bis Jahresende zusammen. Entstehen soll dabei eine auf Spendenbasis finanzierte CD. Noch bis zum 1. Oktober kann über die Volksbank Möckmühl unter www.voba-moeckmuehl.viele-schaffen-mehr.de gespendet werden. Das anvisierte Ziel von 3000 wurde allerdings bereits übertroffen.


Kohler

Sebastian Kohler

Volontär

Sebastian Kohler arbeitet seit Oktober 2019 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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