Bis heute rauschen die Sägen im Sandstein

Eppingen  Mühlbacher Steinbrüche bieten ein Panoptikum alter und neuer Abbautechniken. Archaische Methoden der Steingewinnung trefen hier auf moderne Verarbeitungstechniken. Auch die Kunst hat hier ihren Platz. Ein Besuch in einer ganz besonderen Welt:

Email

Natursteinwerker: Michael Frey trotzt dem Berg Baumaterial ab.

Mühlbach und Sandsteinbrüche? Das klingt so, wie ein Verweis auf historische Zeiten. Im Ortsbild stechen aus dem heimischen Baumaterial errichtete altehrwürdige Häuser hervor. Berühmte öffentliche Gebäude, wie die Bayerische Staatsbibliothek in München oder der Badische Bahnhof in Basel sind vor langer Zeit aus dem Baumaterial entstanden. Im Dorfkern erzählt das Steinhauermuseum von der Geschichte der mühseligen und aufreibenden Sandsteingewinnung. Die hat seit Beginn der menschlichen Besiedlung der Gemarkung Mühlbach eine Rolle gespielt. So beschreibt es der Ortshistoriker Karl Dettling in der 1990 erschienenen Ortschronik "700 Jahre Mühlbach - 1290 bis 1990".

Die Historie ist belegt. Was ist mit der Gegenwart?

Die Historie ist also belegt. Doch wie steht es mit der Gegenwart? Sandsteinabbau ist in Mühlbach immer noch in echt erlebbar, nicht nur museal. So arbeitet die Firma von Jens und Daniel Reimold bereits in sechster Generation im Stein. Meterhohe Gattersägen zerteilen mit reichlich Wasser als Schmierstoff rauschend die Natursteinblöcke. So entstehen Bodenplatten, Mauersteine, Bauteile für Renovierungen. Manches in großen Serien, anderes als Einzelstück. Die Firma wurde vor 150 Jahren gegründet, berichtet Jens Reimold.

Wer die gute Seele im Steinbruch ist

Ein paar Meter weiter bietet der Natursteinwerker Michael Frey fast ein archaisches Bild: Der Mensch ganz allein im Kampf gegen den Fels. Der Steinbrecher kann sich freilich auf kraftvolle Maschinen verlassen: Bagger, Steinsägen, Schwerlaststapler und andere tonnenschwere "Spielzeuge" werden hier täglich bewegt. Mit Hilfe meterlanger Steinbohrer treibt Michael Frey tiefe Löcher in das Material, um Teile davon kontrolliert abzusprengen.

Das Material, das in Mühlbach besonders ansehnlich gewachsen ist, wird auch von Künstlern geschätzt. Hans Weilguni hat seine Steinbruchparzelle seit mehr als 40 Jahren gepachtet. Hier entstehen Brunnenfiguren, Reliefs, Porträtköpfe und vieles mehr. Von ihm stammt unter anderem die Figur "Die Nachdenkliche" im Sandsteinpfad in Mühlbach. Hans Weilguni kenn jeden im Steinbruch, und er hat ein großes Herz für dessen Geschichte. Als "gute Seele im Steinbruch" bezeichnet ihn Ortsvorsteher Theo Antritter. Hans Weilguni unterstütze die Firmen mit Rat und Tat und helfe bei Reparaturen von Maschinen.

Warum der Pächter 70 Pfennige einbehält

Der Künstler, der ursprünglich mit Holz arbeitete, interessiert sich auch für die Geschichte des Steinbruchs. So hat er in seiner Parzelle so manches Relikt früherer Tätigkeit aufbewahrt. So den Kopf eines der typischen Kranen, mit denen die Männer früher die Steinblöcke bewegt haben. Ein Modell hat Hans Weilguni in kleinem Maßstab nachgebaut. Sandsteinabbau sei früher ein hartes und gesundheitsschädliches Geschäft gewesen, weiß der Ortsvorsteher zu berichten. Deshalb habe Mühlbach nicht weniger als acht Wirtschaften und zwei Brauereien besessen: "Die Männer brauchten das, um die Kehle freizuspülen." Hans Weilguni kann eine Anekdote beisteuern, die die Armut der Arbeiter beschreibt. Ein Steinbruchpächter behielt vom Lohn eines Arbeiters 70 Pfennige ein, weil dieser mit dem Pferd aus Kleingartach gekommen war. "Der Gaul frisst mir das ganze Gras weg", soll die Begründung für die Kürzung der Auszahlung gewesen sein.

Warum der Mühlbacher Sandstein immer noch eine Zukunft hat

Nach 1871 erlebten die Steinbrüche in Mühlbach dank der regen Bautätigkeit in der Gründerzeit einen Boom, der allerdings mit der Etablierung moderner Baustoffe noch vor dem ersten Weltkrieg endete, steht in der Ortschronik. Die Monumentalbauten der Nationalsozialisten bescherten den Steinhauern dann nochmals einen, wenn auch zeitlich begrenzten Aufschwung. Heute gibt es noch drei aktive Betriebe im Steinbruch.

Der Mühlbacher Sandstein aus der Keuperformation in der hier vorhandenen Spielart des Schilfsandsteins habe nach wie vor eine Zukunft, konstatiert Karl Dettling in der 1990 erschienenen Ortschronik. "Immer noch ist es die Schönheit seiner Farbgebung, die Verwendbarkeit für viele Zwecke, seine Säurefestigkeit und vieles andere mehr, die seine Zukunft garantieren. Der große Vorrat sollte bei unseren immer knapper werdenden Mineralien ebenfalls ein Grund sein, dass diese Steine, in welcher Verwendungsart auch immer, noch lange gebraucht werden." Der Ortschronist starb 2009 im Alter von 80 Jahren.

Bis heute rauschen die Sägen im Sandstein

Blöcke bereits in Form gebracht: Jens Reimold ist Steinbrecher in fünfter Generation, sein Sohn Daniel repräsentiert die sechste Generation. Die Firma stellt mit Hilfe moderner Maschinen, aber in traditioneller Technik, Baumaterial her. Dazu zählen Bodenplatten, Mauersteine und Maßanfertigungen für Renovierungen.

Fotos: Jörg Kühl

Bis heute rauschen die Sägen im Sandstein

Der Künstler: Hans Weilguni hat seine Steinbruchparzelle seit mehr als 40 Jahren gepachtet. Hier entstehen Brunnenfiguren, Reliefs und Büsten.


Jörg Kühl

Jörg Kühl

Autor

Jörg Kühl arbeitet seit 2020 als Redakteur der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen