Zu Besuch beim Padre von Morgen

Bad Rappenau  Mike Spitschu aus Bad Rappenau-Heinsheim macht in Nachbarschaft zum Freiburger Erzbischof seine Ausbildung zum Priester - und lebt als 24-Jähriger voller Überzeugung das Zölibat.

Von Adrian Hoffmann
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Als Liturgie-Koordinator hat Spitschu besonderen Bezug zu Devotionalien.

Es wäre irgendwie schon schön, wenn die Leute sie "Padre" nennen würden. So wie das in Italien ist. Das wirkt nicht so formell wie "Herr Pfarrer". Mike Spitschu (24) aus Bad Rappenau-Heinsheim hat ein Semester seines Studiums der Katholischen Theologie in Rom verbracht und gespürt, wie es sein könnte. Da ist das alles noch anders, familiärer. Und der Bezug zur Religion und zu Gott viel stärker ausgeprägt. Träume darf man haben.

Hier in Deutschland, hier werden Priesterschüler heutzutage unbewusst genötigt, sich für ihre Entscheidung zu rechtfertigen. So empfindet das Mike Spitschu. Für die Entscheidung, das Zölibat zu leben. Also keinen Sex zu haben, nie eine Ehe zu führen, keine Familie zu gründen. Immer wieder werde er angeschaut mit diesem einen Blick: Was ist bei dem schiefgelaufen?

"Ich verstehe nicht, wieso mich die Menschen vom Zölibat befreien wollen", sagt Spitschu. "Ich habe mich aus freien Stücken entschieden, Priester zu werden." Und "ich bin da durch und durch katholisch", er lehne eine Abschaffung des Zölibats ab. "Zölibat heißt ja nicht, beziehungslos zu sein."

Festlicher Klang

Sie seien jetzt eben "Lobpreiser" statt Aufreißer, merkt Björn Siller (40), Spitschus Kollege am Priesterseminar "Collegium Borromaeum" in Freiburg, an und lacht herzhaft. Siller ist "ein Spätberufener" aus Bad Krozingen, war früher mal Versicherungskaufmann. Ihm habe ein Psychologe empfohlen, für Frauen, die ihm gefielen, zu beten, dass sie den Richtigen fänden. Natürlich hätten auch Priester eine Sexualität, erklärt Siller, aber eben keinen Sex. Schwer zu verstehen? Ja. "Also ich habe noch nie so viel über Sex geredet wie in meiner Zeit als Priesterschüler", sagt Siller und stürzt seinen Espresso hinunter. Die "Padres" sind gerade im Stehcafé beim Italiener ums Eck, wenige Meter entfernt vom Erzbischöflichen Ordinariat und dem Priesterseminar.

Zu Besuch beim Padre von Morgen

Mike Spitschu in der Bücherei des Freiburger Priesterseminars − hier hält sich der 24-Jährige oft auf, die Bücher nimmt er aber am liebsten mit auf sein Zimmer. "Ich bin da eher der gemütliche Typ", sagt er.

Jetzt geht es gleich zurück, der Tag eines Priesterschülers ist dicht getaktet. Früh am Morgen war Mike Spitschu bereits in einer Vorlesung an der Universität, danach folgte die Vorbereitung der Mittagmesse und nun die Stimmbildung. Das ist ein großes Thema für angehende Priester. "Wer singt, betet doppelt", sagt Kirchenmusikdozent Eduard Wagner. Mike Spitschu ist gesegnet, hat eine hervorragende Stimme; insbesondere für liturgischen Gesang. Für das "Kantilieren", wie es in der Fachsprache heißt. Spitschu sei ein "Tenörchen", sagt Stimmlehrer Wagner - eines, das die gehobene Form der Verkündigung beherrsche. Man hört es bereits in der Mittagmesse: Der Klang wirkt festlich, und wer neben Spitschu steht, der singt am besten nicht mit, sondern hört nur andächtig zu.

Priester in Ausbildung

Der gebildete, junge Mann mit seiner markanten Brille ist beliebt im Priesterseminar, die Angestellten halten gerne mit ihm Schwätzchen. Seit 2013 lebt Spitschu bereits in den ehrwürdigen Mauern gleich hinter dem Freiburger Münster. Jedem Seminaristen wird ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Der Katechismus der Katholischen Kirche liegt bei ihm auf dem Schreibtisch, daneben ein Rosenkranz, im Eck steht eine Kiste Alpirsbacher Klosterbräu. Spitschu hat kein eigenes Bad, sondern nur eine Stockwerkdusche zur Verfügung. Es gibt eine gemeinsame Küche, aber die meisten Mahlzeiten werden den angehenden Priestern von Küchenpersonal zubereitet. Ein Zeitungszimmer gibt es auch. "Wir sind in die Welt gesandt, also müssen wir auch wissen, was los ist", erklärt Spitschu.

Im Keller befindet sich ein Sportraum - Spitschu geht aber lieber an der Dreisam joggen - und die legendäre "Zöli-Bar", in der man sich abends treffen kann (donnerstags auch als Nicht-Geistlicher). "Es ist wirklich eine schöne Anlage", weiß Spitschu zu schätzen. Was es allerdings nicht gibt für einen Priester in Ausbildung: ein Gehalt. Das ist unter Seminaristen umstritten; vor allem: Wie passt das zusammen mit dem allgemeinen Priestermangel?

Momentan machen am "Collegium Borromaeum" knapp 40 Seminaristen ihre Ausbildung, 20 von ihnen wohnen im Haus. Einige kommen aus dem Ausland, aus Korea, Indien, Kroatien, Afrika zum Beispiel. "Die Internationalität ist wichtig", sagt Spitschu, "sie weitet den Blick." Man glaube an denselben Glaubensinhalt, lebe ihn aber teilweise ganz anders. Einige Quereinsteiger sind darunter; ein Mechatroniker, ein Journalist, ein Lkw-Fahrer, sogar ein Offizier der Marine. Mike Spitschu zählt zu jenen wenigen, für die das Priesterwerden schon immer, bereits im Jugendalter, eine spannende Sache darstellte. Spitschu war begeisterter Ministrant der Katholischen Kirche Heinsheim. Pfarrer Wolfgang Gätschenberger war es, der ihn auf seinem Weg maßgeblich unterstützt hat. Gätschenberger lebt jetzt selbst in Freiburg, ist dort Seelsorger.

Beziehung zu Gott

Spitschu hatte sich nach der Realschule bereits bei Audi beworben, doch dann besann er sich. Die Idee reifte, an einer Katholischen Schule das Abitur zu machen und danach die Ausbildung zum Priester zu beginnen. "Ich habe das Glück, dass meine Familie von Anfang an hinter mir stand", sagt Spitschu, der ein sehr familiärer Mensch ist und seine Eltern Romana und Jürgen mindestens einmal im Monat besucht. In seinem Zimmer stehen viele Fotos, eines zeigt einen Verwandten, der Franziskaner-Pater war. Der Glaube liegt in der Familie der einstigen Donauschwaben. Er könne es natürlich verstehen, dass Mütter sich Enkelkinder wünschten, so Spitschu. Er grinst. "Aber ich habe ja einen Bruder, der kann noch liefern."

Zu Besuch beim Padre von Morgen

Mike Spitschu bereitet in der Seminarkirche die Mittagmesse vor, zu der Studenten aller Studienrichtungen eingeladen sind.

Noch aus seiner Ministrantenzeit stammt Spitschus Leidenschaft für die Liturgie. "Ich glaube, dass durch das Zeremonielle die Kirche lebt", sagt er - daher hat er sich für das Amt des Liturgie-Koordinators zur Verfügung gestellt. Er trifft vor der Messe die Vorbereitungen in der Sakristei. Zündet die Kerzen an, legt das Priestergewand zum Hineinschlüpfen bereit, schenkt für die Kommunion den Wein ein, füllt den Weihrauch nach. "Ohne die gefeierte Beziehung zu Gott, wären wir als katholische Kirche nicht viel mehr als irgendein weltlicher Wohlfahrtsverband." Den Erzbischof beneide er übrigens nicht um seinen Job, "der badet immer alles aus" - jeden Skandal, meint Spitschu damit. Es werde soviel pauschalisiert und die wertvolle Arbeit der repräsentativen Mehrheit oft vergessen.

Über die Veränderungen im Priesteralltag macht sich Spitschu Gedanken. Das sei der einzige Kritikpunkt seiner Mutter, das drohende Alleinsein. Aber ist man einsam, oder einfach nur allein mit Gott? Mike Spitschu ist es wichtig, in Gemeinschaft zu leben - und die größer werdenden Seelsorgeeinheiten stellen ein Problem dar. Weite Strecken zu fahren, mehr Anonymität. Spitschu und die anderen denken über neue Lebensformen nach, zum Beispiel Priester-Wohngemeinschaften. "Abends ins dunkle, kühle Haus zurückkehren, niemand ist da, das möchte ich nicht", sagt Mike Spitschu. Er hat noch ein bisschen Zeit, bis es ernst wird. 2019 schließt er seine Magisterarbeit ab, im Anschluss folgt die Priesterweihe.

 

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