Wie schief ist der schiefe Turm von Bockschaft?

Kirchardt  Vor vier Jahren hat der Kirchardter Bauamtsleiter festgestellt, dass der Glockenturm auf dem Bockschafter Friedhof aus dem Lot gefallen ist. Um auszurechnen, wie schief der Turm mittlerweile steht, braucht er eine Wasserwaage, ein Maßband und ein paar Mathe-Kenntnisse.

Von Christine Faget
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Regelmäßig misst der Bauamtsleiter, wie schief der schiefe Turm von Bockschaft ist

Mit dem Satz des Pythagoras und einer Sinus-Rechnung bekommt man heraus, um wie viel Grad der Glockenturm geneigt ist.

Foto: Christine Faget

Zweimal im Jahr sucht Michael Baumgartner Maßband und eine große Wasserwaage in den Regalen des Kirchardter Bauhofs. Seine Mission: Regelmäßig misst der Bauamtsleiter, wie schief der schiefe Turm von Bockschaft inzwischen ist.

Vor etwa vier Jahren habe er zum ersten Mal festgestellt, dass der Glockenturm auf dem kleinen Bockschafter Friedhof aus dem Lot geraten sei, erzählt er. Am Anfang musste er häufig messen, um sicherzustellen, dass der sechs Meter hohe Turm nicht umfällt. Mittlerweile ist er jedoch standhaft, sagt Baumgartner. Seit mittlerweile drei Jahren ist er nicht mehr schiefer geworden.

So schief wie immer

Wer meint, der Bauamtsleiter rücke mit hochtechnischem Gerät an, der täuscht sich. Die ein Meter lange Wasserwaage, das Maßband und etwas Mathematik-Kenntnisse reichen aus, um die genaue Schieflage festzustellen.

Hierzu hebt Baumgartner die Wasserwaage senkrecht, sodass die Oberkante der Waage an das schiefe Holz stößt. Mit dem Maßstab misst er den Abstand der Unterkante zum Holzbalken des kleinen Turms. 4,5 Zentimeter Abstand zwischen der Unterkante der senkrechten Wasserwaage und dem schiefen Holzbalken zeigt das Maßband.

Um zu erfahren, um wie viele Zentimeter die höchste Spitze, das Turmdach, aus dem Lot geraten ist, muss er nun nur noch 4,5 mal sechs rechnen, da der Turm sechs Meter hoch ist. 27 Zentimeter rechnet Baumgartner aus. Für ihn ein gutes Zeichen: Der Glockenturm ist so schief wie immer: "Er scheint sich stabilisiert zu haben."

Was der Grund für die Schieflage sein könnte

Am Anfang hat Baumgartner den genauen Winkel noch berechnet. Mithilfe vom Satz des Pythagoras und einer Sinus-Rechnung erfährt man, dass der Glockenturm um rund 2,6 Grad aus dem Lot gefallen ist. Mittlerweile kann sich Baumgartner das Rechnen jedoch sparen. Denn er weiß automatisch: Wenn das Maßband 4,5 Zentimeter Abstand zeigt, ist alles in Ordnung.

1970 wurde das Friedhofstürmchen gebaut. Die Glocke läuten die Menschen bei Beerdigungen von Hand. Warum der Turm seit vier Jahren nicht mehr gerade steht, kann Baumgartner nur vermuten. Früher habe daneben ein Baum gestanden, erklärt er. Wahrscheinlich sei dessen Wurzel verfault, und das Fundament deshalb etwas eingesackt. Ein weiterer Grund könne sein, dass das Fundament beim Bau nicht ausreichend verdichtet worden ist.

Ein Gutachten lohnt sich nicht

Wenn er merke, dass sich wieder etwas verändert, "dann würde ich schon reagieren", sagt der Bauamtsleiter. Momentan sei die Situation jedoch nicht gefährlich. Es wäre gefährlicher, wenn der Turm höher wäre, sagt Baumgartner. Denn dann sei die Angriffsfläche durch den Wind entsprechend größer. Da der Turm so klein ist, lohne es sich für die Gemeinde auch nicht, ein Gutachten erstellen zu lassen. Wenn Handlungsbedarf besteht, würde der Bauhof das Fundament ausgraben und neu machen. Dies sei billiger, als erst ein Gutachten erstellen zu lassen.

Schaut man andere Gebäude an, so ist die Neigung des Glockenturms von Bockschaft moderat. Der schiefe Turm von Pisa ist beispielsweise um rund vier Grad geneigt. Laut Guinessbuch der Rekorde ist der Turm mit dem größten natürlichen Neigungswinkel der Welt der Kirchenturm in Suurhusen in Ostfriesland. Er hat eine Neigung von mehr als fünf Grad.

 


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