Wenn ein Dorf den Kuckuck holt

Eppingen  Mit einem großen Umzug haben die Mühlbacher das Kuckucksholen gefeiert. Bei dem alten Brauch wird traditionell ein verschleiertes Paar durch das Dorf kutschiert. Dieses Mal hat ein Mann als Mehlfrau verkleidet mit Styroporkugeln geworfen.

Von Christine Faget

Mühlbach: Wenn ein Dorf den Kuckuck holt

Die Mehlfrau wirft mit Styroporkugeln, um symbolisch den Blick der neugierigen Zuschauer zu vernebeln.

Fotos: Christine Faget

Wer verbirgt sich nur hinter dem weißen Schleier, den die Mehlfrau sich über den Kopf gestülpt hat? Das ist in Mühlbach in jedem Jahr aufs Neue ein großes Geheimnis - basierend auf einem Brauch, der bis zu den Kelten und Alemannen zurückreicht. So ganz genau kann Manfred Holz, Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins Mühlbach, nicht sagen, wie lange es das Kuckucksholen schon gibt.

Fest steht für den zweiten Vorsitzenden Jörg Fundis: In den 70er Jahren war der Umzug am Pfingstdienstag eher mickrig, nur einen Leiterwagen zogen ein paar Teilnehmer durch die Gassen. Mittlerweile erfreut sich die alte Tradition jedoch wieder großer Beliebtheit. Hunderte große und kleine Mühlbacher stehen am Straßenrand und jubeln den Jägern, Metzgern, dem verschleierten Brautpaar und der Mehlfrau zu, die begleitet von Feuerwehrkapelle, Schülern, Fußballern und Traktoren ins Dorf ziehen.

Die Kraft des Frühlings

Einem heidnischen Glaube zufolge verkörpert der Kuckuck die Kraft des Frühlings. Früher habe man ihn am Pfingstdienstag gejagt, in einem Triumphzug durch die Straßen getragen und verspeist. Man glaubte, die Kraft gehe auf den Menschen über, erklärt Fundis. Die mit roter Farbe überströmten Metzger und die Jäger erinnern an dieses Ritual.

Einen Kuckuck verspeist aus Artenschutzgründen schon lange niemand mehr. Dafür gibt es Saueressen, das aus Innereien und Fleisch vom Schwein besteht. Die Kraft des Neuanfangs sollen auch Braut und Bräutigam verkörpern, die verschleiert in einer Kutsche sitzen. Sie symbolisieren die Liebe und das Leben, erklärt Holz. Nur, wenn die Feuerwehrkapelle aufspielt, erhebt sich das Paar, um grazil über die Straße zu tanzen.

Neugierige Blicke vernebeln

Währenddessen ist die Mehlfrau eifrig mit ihrem Körbchen unterwegs. Statt Mehl hält sie dort Styroporkugeln bereit und streut sie über jeden, der nicht schnell genug wegzuckt. Das Ziel: Symbolisch verneble die Mehlfrau den Blick der Neugiereigen am Straßenrand, sagt Holz. Sie soll das Pärchen vor Dämonen schützen, ist der überlieferte Brauch.

Niemand dürfe erkennen, wer sich unter den Schleiern verbirgt. In diesem Jahr mimt Tim Dittrich die Mehlfrau. "Das ist eine Ehre", sag er. Es sei schön, wenn jeder rätsele und anhand von Schuhen oder dem Gang versuche, die Personen zu erkennen.

Einzigartiger Brauch heutzutage

Erst, als der Zug schließlich im Innenhof der Grundschule ankommt, finden die Besucherinnen und Besucher heraus, ob sie richtig lagen. Braut, Bräutigam und Mehlfrau ziehen unter dem Beifall der Besucher ihre Kopfbedeckung vom Haupt und siehe da - die Mehlfrau entpuppt sich als Mann, der Bräutigam als Frau. Zwei Frauen könnten das Paar ebenso spielen wie zwei Männer, erklären Holz und Fundis.

Früher habe es in mehreren Dörfern eine vergleichbare Tradition des Kuckucksholens gegeben, aber mittlerweile sei der Brauch in Mühlbach ziemlich einzigartig, meint Holz. Auch durch den naheliegenden Wald gebe es hierzulande viele Kuckucksvögel, noch am Morgen habe er einen rufen gehört.

Ein Mühlbacher Feiertag

Um dem Kuckuck die Ehre zu erweisen, haben sich am Dienstag viele der Gäste frei genommen. Zum Beispiel der 19-jährige Janis Schnabel, der mit einem Becher in der Hand am Straßenrand steht. Die 60 Jahre alte Cornelia Hartmann hat es sich auf einer Bank bequem gemacht und sagt strahlend: "Das ist wie ein Feiertag." Auch für die Ortschaftsräte war dieser Tag Anlass, sich etwas Besonderes auszudenken: 80 Liter Freibier führen sie in einem Wagen mit und verteilen es an die fröhliche Menge.

500 Mehrweg-Becher haben die Veranstalter bedrucken lassen und für zwei Euro das Stück verkauft. Man wolle die Einwegbecher reduzieren, erklärt Matthias Zaiß, und langfristig auf solchen Festen den Umweltschutz etablieren. Die Idee wurde gut angenommen, die Becher waren in Kürze ausverkauft. Ziel sei es, im nächsten Jahr keine Einweg-Plastikbecher mehr zu verkaufen, so Zaiß.

 

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