Schicke Bademode aus Bad Rappenau

Bad Rappenau  Bad Rappenau bekommt ein Bikini-Museum, das Alexander Ruscheinsky an der A6 an sein Autohof mit Best-Western-Hotel angegliedert. Der Standort passt, die Stadt ist mit Bademode verbunden.

Von Simon Gajer
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Gern vermarktet Alexander Ruscheinsky heute schon Bad Rappenau mit einem Superlativ. Von der Hauptstadt der Bademode spricht er, obwohl an seinem Bikini-Art-Museum erst vor wenigen Tagen der Hochbau begonnen hat.

Mit der Einschätzung liegt er richtig. Gut 1000 Artikel der vergangenen Jahrzehnte gehören Ruscheinskys Museum, zur gesamten Sammlung von 4000 Ausstellungsstücken gehören auch Zeitungsausschnitte und Fotos, die gezeigt werden. Zudem gehören zur Bad Rappenauer Geschichte zwei Bademoden-Firmen.

Die Wiege von Felina aus Mannheim liegt in der Bad Rappenauer Kirchenstraße. Wilhelm Benger Söhne GmbH & Co. KG, besser bekannt durch die Marke Benger Ribana, ist nach der Insolvenz zwar Geschichte, der einst größte Arbeitgeber im Ort blieb der Stadt allerdings erhalten. Bald sind Erinnerungen an die Glanzzeiten im Bikini-Art-Museum zu sehen.

Leichte Bekleidung im Bad Rappenauer Stadtarchiv

Das Archiv im Rathaus ist für Überraschungen gut. Regina Thies, die seit gut zwei Jahren die Einrichtung leitet, entdeckte dort sieben weiße Schachteln. So unscheinbar die Verpackung, so farbenfroh der Inhalt: Tatsächlich gehören der Stadt gut 50 Bikinis, Badeanzüge und Badehosen von Benger Ribana. Wilhelm Benger Söhne GmbH & Co KG stammte ursprünglich aus Stuttgart und verlegte Mitte der 60er Jahre den Sitz in den Kraichgau.

An der Bademode hängen Originaletikette

Dieser freizügige Schatz im Archiv stammt vermutlich aus einem Nachlass, sagt Regina Thies. Die Stücke gestatten einen Blick in Zeiten, in denen Badeanzüge über der Brust mit einem Bändel gehalten wurden. Auch die Fortschritte beim Material sind zu spüren. Die Archivarin betrachtet die Badeanzüge, die zwar knapp ausfallen, dafür aber im Vergleich zum 21. Jahrhundert deutlich schwerer sind. Darin ins Wasser gehen? Sie zeigt auf ein Modell, das wie gehäkelt aussieht. „Damit könnte ich nicht schwimmen, das zieht einen runter.“ 
Auf diese Sammlung ist Thies stolz, denn an einigen Artikeln aus den 50er Jahren hängen Originaletiketten, teilweise von Hand beschriftet.

Die Konfektionsgrößen haben sich verändert

Da ist zum Beispiel der schwarze Badeanzug Parana mit der gelben Kordel, Größe 42, aus dem Jahr 1951. Regina Thies vergleicht die Konfektionsgröße mit den heutigen. Das Oberteil ist kurz und eng. Heutzutage ist das vielleicht eine 36, überlegt die Rathausmitarbeitern. Dem stehen die Badehosen für Männer gegenüber, da gilt das Gegenteil. Das türkisfarbene Modell namens Olympia aus der Kollektion 1953 dürfte vor allem Herren mit stabilem Körperbau passen. Trotzdem nur Größe 5, das behauptet das Etikett am Badeaccessoire, das rechts an der Hüfte sogar eine kleine Tasche hat, die sich per Reißverschluss verschließen lässt. Links am Bein das Firmenlogo: ein R über blauem Wasser.

EDV-Chef erzählt stolz vom Familienunternehmen

Auf dieses Zeichen an der eigenen Badekleidung war Rolf Schulze-Seeger stolz. Das R ist auch sein Initial, und das Logo stammt von seinem Arbeitgeber. Der Bad Rappenauer, Jahrgang 1939, gehörte zu den Mitarbeitern, die auch Jahrzehnte nach dem Aus der Firma sehr gern über ihren einstigen Arbeitgeber reden. Ein Familienunternehmen sei das gewesen, sagt Schulze-Seeger, der von 1967 bis 1978 die EDV leitete und in dieser Zeit nahezu alle Bereiche in die Datenverarbeitung einbezog. Für die Lohn- und Gehaltsabrechnung schrieb er sogar die Programme.

Zu den Glanzzeiten gehörten 600 Mitarbeiter zu Benger

Bei Benger arbeiteten zu den Hochzeiten 600 Mitarbeiter, die Produkte wurden weltweit ausgeliefert, erzählt der Bad Rappenauer. „Die Badehosen waren qualitativ hochwertig und sehr langlebig“, sagt er. „Man hat Benger im selben Atemzug mit Schiesser genannt.“ Wie selbstverständlich griff er damals zu dieser Marke. „Ich habe es mit Begeisterung getragen.“ 

Konkurs: Der Schock in der Kurstadt ist sehr groß

20 Jahre nach dem Umzug in den Kraichgau war die Firma pleite, das Konkursverfahren wurde laut Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg 1983 eröffnet. „Das war ein Erdbeben“, berichtet Rolf Schulze-Seeger vom Schock in der Kurstadt. Viele Frauen seien damals arbeitslos geworden.

Ein Teil der Benger-Gebäude wird weiterhin genutzt

Die Gebäude wurden weiter genutzt. Teile der Stadtverwaltung bezogen die leeren Büros, auch Schulze-Seeger ging mit seiner EDV-Firma rein – „ein ganz komisches Gefühl“. Mittlerweile steht auf einem Teil der Benger-Ribana-Fläche eine Kaufland-Filiale. Die Produktionshallen, die Näherei und Färberei, haben die Jahrzehnte überdauert: In einem Gebäude ist eine Tanzschule untergekommen, ein Autohandel hat sich angesiedelt.

Städtische Badeanzüge kommen ins Bikini-Museum

An die eigene Benger-Ribana-Episode wird die Stadt an neuer Stelle erinnern: Sie stellt ihre Sammlung dem Bikini-Art-Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung. „Etwas Besseres konnte uns gar nicht passieren“, sagt Archivarin Regina Thies.

Mannheimer Dessous-Unternehmen Felina stammt aus Bad Rappenau

Ein anderer Firmensitz blieb ebenfalls erhalten: Im Gebäude Kirchenstraße 16 befindet sich heute ein Restaurant. Im Jahr 1885 gründete Eugen Herbst dort mit zehn Mitarbeitern eine Korsettfabrik. Schon fünf Jahre später zog die Firma nach Mannheim, wo Felina noch immer ansässig ist und sich selbst als „global agierendes Dessous-Unternehmen“ bezeichnet. Seit 2017 gehört Felina zur European Lingerie Group. Bademode kommt übrigens im Jahr 2019 wieder ins Sortiment.

 


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