Quarantäne in Bad Rappenau: Pflegekräfte fühlen sich stigmatisiert

Bad Rappenau  Bad Rappenaus Oberbürgermeister Sebastian Frei widerspricht einem Bericht der Bild-Zeitung, die Anordnungen der Corona-Quarantäne würden nicht eingehalten. "Es gibt hier überhaupt keinen Skandal", sagt er auf Anfrage von Stimme.de.

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Ein mit dem Coronavirus infizierter Altenheim-Pfleger aus Bad Rappenau hatte einen Bewohner und eine Kollegin angesteckt. Am Montagabend wurde das Pflegeheim zur Quarantänezone erklärt. Foto: Hoffmann

Die Quarantäne macht dem Bad Rappenauer Pflegeheim Alpenland zu schaffen. Wie berichtet, sind 70 Senioren und 50 Mitarbeiter betroffen. Jetzt stehen Behauptungen im Raum, die Mitarbeiter würden sich teilweise nicht an die Anordnung von Gesundheitsamt und Stadtverwaltung halten. Oberbürgermeister Sebastian Frei widerspricht einem Bericht der Bild-Zeitung.

"Die Quarantäne wird eingehalten und es gibt hier überhaupt keinen Skandal", sagt Frei. Die Bild-Zeitung hatte berichtet: "Altenheim unter Quarantäne, aber keiner hält sich daran". Es sei schade, dass das so dargestellt worden sei, so der OB weiter, "und auf diese Weise Stimmung gemacht wird".

Pflegeheim-Mitarbeiterin: "Es macht uns arg zu schaffen"

Es wäre nur ein "geringer Rechercheaufwand" gewesen, um herauszufinden, dass die dem Heim zugehörige Eingliederungshilfe nicht unter Quarantäne stehe. Die Mitarbeiter, die dort arbeiteten, gehen aber wie die anderen Mitarbeiter auch durch den Haupteingang des Pflegeheims ein und aus. "Die räumliche Trennung findet erst innen statt", erklärt Frei. Er habe sich bei der Geschäftsleitung des Pflegeheims rückversichert, dass die Bestimmungen eingehalten und der Seniorenbereich geschlossen sei. Sämtliche 120 Betroffenen würden nun auf das Coronavirus getestet, bestätigt Frei - Ergebnisse lägen seines Wissens nach noch keine vor.

Angestellte des Pflegeheims äußern sich in der Rappenauer Facebookgruppe "Nachbarschaftshilfe, Aufmerksamkeit, Prävention". Eine Mitarbeiterin schreibt, dass alle Behörden mit im Boot seien und es laufe, wie es laufen müsse. "Ich für meine Person halte die Quarantänevorschriften so ein, wie sie mir für meine Person vom Gesundheitsamt vorgegeben sind", so die Mitarbeiterin. "Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, gefrustet zu sein. Es ist einfach aktuell nichts wichtiger, als die Situation für alle bestmöglich zu bewältigen.Dies ist im Sinne aller Bewohner von Bad Rappenau. Es macht uns arg zu schaffen, dass gefühlt jeder auf uns rumhackt."

Pflegeheim-Mitarbeiter: "Man fühlt sich fast wie ein Krimineller"

Ein weiterer Alpenland-Mitarbeiter schreibt ebenfalls in dieser Facebookgruppe: "Ich möchte gerne einmal meinen Kollegen großen Respekt aussprechen. Obwohl die Möglichkeit einer Infizierung im Raume steht, erfüllen sie ihren Job vorbildhaft." Der Respekt gelte auch allen anderen, die in helfenden Berufen tätig seien und ihre Gesundheit riskieren - "und das tun sie sicher nicht wegen der guten Bezahlung". Tatsächlich sei es so, das man stigmatisiert werde, wenn man zu einer Risikogruppe gehöre. "Man fühlt sich fast wie ein Krimineller, wenn man in einem Haus mit bestätigten Fällen beschäftigt ist."

Ein Bekannter einer Frau, die unter Quarantäne steht, schildert in einer E-Mail an unsere Redaktion seine Bedenken. "Welchen Sinn hat so eine Quarantäne denn?", fragt er: Wenn sich Angehörige ohne Einschränkung im öffentlichen Leben bewegten. "Ich denke, es wird zu leichfertig mit der Gefahr der Verbreitung umgegangen", schreibt der Mann, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Das Heilbronner Gesundheitsamt teilt hierzu mit: "Für die Angehörigen des Pflegepersonals muss grundsätzlich keine Quarantäne angeordnet werden." Das Robert Koch-Institut empfiehlt nach Möglichkeit eine zeitliche und räumliche Trennung der "Kontaktperson" von anderen Haushaltsmitgliedern. Eine zeitliche Trennung könne zum Beispiel dadurch erfolgen, dass die Mahlzeiten nicht gemeinsam, sondern nacheinander eingenommen werden, führt das Gesundheitsamt aus. Und eine räumliche Trennung könne dadurch erfolgen, dass sich die Kontaktperson in einem anderen Raum als die anderen Haushaltsmitglieder aufhält.

In besonders gelagerten Ausnahmefällen kann nach Angaben der Behörde auch für Angehörige eine Quarantäne angeordnet werden. Im Zusammenhang mit dem Pflegeheim in Bad Rappenau sei dies aber nicht erfolgt.

Kein Risiko: Feuerwehr muss handlungsfähig bleiben

Die Stadtverwaltung hat am Mittwoch erneut auf die "dynamische Situation", Zitat Frei, reagiert. Sämtliche in eigener Verantwortung organisierte Veranstaltungen, die bis zum 31. März terminiert sind, werden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Dies sei eine "reine Vorsichtsmaßnahme, um ein Ansteckungsrisiko zu minimieren", heißt es in einer Mitteilung. Ebenfalls abgesagt ist die Jahreshauptversammlung der Feuerwehr. Es sei ihm relativ leicht gefallen, diese abzusagen, erklärt Frei. Er möchte nicht riskieren, dass durch einen Verdachtsfall die Feuerwehr handlungsunfähig werde.

Das Wellnessbad Rappsodie bleibe geöffnet, sagt der Oberbürgermeister weiter. „Verhältnismäßigkeit sollte gewahrt bleiben.“ In der Bevölkerung herrsche überwiegend Verständnis für das Vorgehen von Verwaltung und Gesundheitsamt.


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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