Mehr als nur Kleidung verteilen

Bad Rappenau  Die Bad Rappenauer Kleiderkammer wurde vor fast vier Jahren von "Gemeinsam in Bad Rappenau" gegründet. Damals kamen rund 160 Flüchtlinge in die Kurstadt. Heute helfen viele Zuwanderer selbst mit.

Mehr als nur Kleidung verteilen

Während die Helferinnern die neue Kleidung sortieren, wird am Kleiderständer gegenüber bereits nach warmer Kleidung für den Herbst gesucht.

Foto: Elfi Hofmann

Montag, kurz vor 17 Uhr. Hinter der katholischen Kirche Herz Jesu in der Salinenstraße stehen Männer, Frauen und kleine Kinder und warten auf den Glockenschlag. Denn der bedeutet, dass die Kleiderkammer unter der Kirche ihre Türen öffnet.

Jeden Montag können sich die in Bad Rappenau lebenden Zuwanderer in der Einrichtung mit gespendeter Kleidung, Bettwäsche oder Schuhen versorgen.

Die Spendenbereitschaft ist hoch

Seit fast vier Jahren gibt es die Kleiderkammer. Von Anfang an ist Silke Kraus mit dabei. Die Erzieherin und das rund zehnköpfige Team haben nach vier Wochen Sommerpause einiges zu tun. "In den Ferien sind viele Säcke mit Kleidung gekommen. Die müssen wir jetzt sortieren", sagt Kraus und leert einen prall gefüllten Sack auf einem Biertisch aus. "Den haben wir gespendet bekommen", erzählt sie. "Genauso wie die vielen Kleiderständer."

Der große Raum ist nach Geschlechtern getrennt: Rechts ist die Männerkleidung gelagert, links können sich Frauen umschauen. Dazwischen stehen Kisten mit Kindersachen in Regalen. "Wir wussten damals gar nicht, wie man so etwas organisiert", erinnert sich Silke Kraus.

Neue Besucher kommen seltener

Damals, damit meint die Erzieherin den Januar 2016. Zwar waren auch schon vorher rund 60 Flüchtlinge nach Bad Rappenau gekommen, der große Schwung folgte dann aber im Winter. 160 Menschen fanden in Bonfeld ein vorübergehendes Zuhause. Es war kalt, die meisten hatten nicht ausreichend warme Kleidung. "Wir haben es erst mit Listen versucht, dann haben wir Gutscheine ausgegeben", erinnert sich Silke Kraus.

Heute, fast vier Jahre später, können sich die Menschen nehmen, was sie brauchen. Die Helfer lernen immer noch dazu, die Erfahrungswerte ändern sich mit jedem weiteren Jahr. Noch immer kommen neue Besucher. Aber so voll wie damals ist es mittlerweile nicht mehr. 2016 seien viele Helfer an ihre Grenzen gestoßen.

Mittlerweile ist es 17 Uhr, die Türen werden geöffnet. Zwei Männer besuchen zum ersten Mal die Kleiderkammer und schauen sich zögerlich zwischen Jacken und Hosen um. Sie verstehen wenig Deutsch, ein Übersetzer hilft bei der Kommunikation. "Es werden ganz viele Sprachen gesprochen, das kann manchmal auch anstrengend werden", so Kraus.

Mehr als "nur" eine Kleiderkammer

Für viele Zuwanderer ist der Raum unter der Kirche mittlerweile aber mehr als "nur" die Kleiderkammer. Einige von ihnen helfen mit beim Sortieren und Ausgeben. Die Männer bieten sich oft an, um bei schweren Dingen mit anzupacken. Auch Rania Allahham ist Teil des Teams. "Man hat uns geholfen, und jetzt helfen wir auch", sagt die Syrerin, die vor rund einem Jahr mit ins Team kam.

Gemeinsam wird Weihnachten gefeiert, beim Zuckerfest im vergangenen Juni brachten die Frauen Speisen und Getränke mit. "Es geht nicht nur im die Kleiderausgabe, sondern auch um soziale Kontakte", sagt Silke Kraus. Viele der Helfer verbessern hier ihr Deutsch und helfen den Neuankömmlingen. "So entstehen Gemeinschaft und Freundschaften."

Silke Kraus hat in den vergangenen Jahren einen Wandel in der Akzeptanz der Kleiderkammer wahrgenommen. "Am Anfang hieß es oft: die haben doch Kleidung", erinnert sie sich. Dass die Flüchtlinge nichts dafür bezahlen müssen, sei ebenfalls für viele unverständlich gewesen. Und auch für sie selbst hat sich etwas geändert. "Früher bin ich direkt von der Arbeit hergekommen. Jetzt habe ich den Montag frei."

 


Elfi Hofmann

Autorin

Als Redakteurin kümmert sich Elfi Hofmann seit April 2019 um Bad Rappenau, Siegelsbach, Massenbachhausen und Zaberfeld. 

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