Heinsheimer Dichterin Anneliese Wagner dem Vergessen entrissen

Bad Rappenau  Der Sprachwissenschaftler Dr. Andreas Rothenhöfer erinnert in einem Vortrag an die Dichterin Anneliese Wagner. Mit Hilfe ihrer Texte zeichnete er den Lebensweg der überlebenden Jüdin nach, die 1929 in Heinsheim geboren wurde.

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Dem Vergessen entrissen

Zum Vortrag von Andreas Rothenhöfer waren auch Weggefährtinnen gekommen, links die Professorin Gabriele Wickert, rechts die Heinsheimerin Elisabeth Vogt.

Sie war aus Heinsheim. 1938 wanderten ihre Eltern mit ihr nach Amerika aus. Da war sie acht. Als Erwachsene schrieb sie vor allem Gedichte, in denen sie den Holocaust und das Schicksal der getöteten Juden aus ihrer Familie verarbeitete. Anneliese Wagner, geborene Ottenheimer, war eine Überlebende. Ihr Werk ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Der Sprachwissenschaftler Dr. Andreas Rothenhöfer will das ändern. Mit Hilfe von Wagners Texten vollzog er deren Lebensweg nach.

Rothenhöfer, der aus Bad Rappenau stammt, zwischenzeitlich aber an der Universität in Bremen forscht und lehrt, kam auf Einladung des Freundeskreises ehemalige Synagoge Heinsheim und hielt einen Vortrag, der viele emotional bewegte.

"Requiem for Oma Berta"

Anneliese Wagner war 1929 geboren und "The Girl who escaped from Germany", das Mädchen, das Deutschland entkam. Vor allem war sie die Jüdin, die Hitler entkam. Der Holocaust nahm Anneliese Wagner die geliebte Großmutter. "Wäre ich bei ihr gewesen, wäre ich nicht mehr hier", schrieb sie in dem autobiographischen "Requiem for Oma Berta", wo es um Nähe, aber auch um deren Deportation nach Gurs und später nach Auschwitz geht.

Rund 150 Gedichte und eine Kurzgeschichte hat die Amerikanerin hinterlassen. Sie galt als anerkannte Lyrikerin, doch hat sie erst spät veröffentlicht. Ihren Master of fine Arts legte sie 1973 zum Thema "Changing Dialects" ab. Hoisemerisch soll sie gesprochen haben. Ihre Texte, alle in feinem Englisch geschrieben, seien vielleicht von der Musik ihres deutschen Dialekts beeinflusst, schrieb sie.

Die deutschen Wurzeln: Sie sind in ihren Texten ebenso sichtbar wie das Schicksal der europäischen Juden, das Anneliese Wagner durch den Verlust der Heimat teilt. Glücks- und Schuldgefühle liegen bei ihr nah beieinander. Doch zugleich scheint sie versöhnt zu sein.

Dem Vergessen entrissen

Der Freundeskreis der ehemaligen Synagoge Heinsheim hatte zu einem Vortrag über die amerikanische Lyrikerin Anneliese Wagner, geborene Ottenheimer, eingeladen.

Fotos: Ulrike Plapp-Schirmer

Anneliese Wagners Texte sind von einer gewissen Leichtigkeit getragen. Oft mit humorvoller Note. Aber immer hält sie auch Wendungen parat, die enorme Sprengkraft besitzen, so harmlos sie zunächst zu sein scheinen. "Es war früher sicher, sagte der alte Mann, im Wald spazieren zu gehen", ist so eine Wendung. Und der Mann trägt ein braunes Shirt.

Gegenentwurf zu Adorno

Lyrik scheine auf ganz besondere Art und Weise dazu geeignet, die Schrecken der Nazi-Herrschaft wiederzugeben, meint Andreas Rothenhöfer. Damit setzt er Anneliese Wagners Gedichte der These des Denkers Theodor W. Adorno entgegen, der angesichts des großen Leids der Juden das Schreiben von Geschichten nach Auschwitz als barbarisch bezeichnet hatte.

"All is not lost", schien Wagner Adorno entgegenzusetzen: "You still have your Heart and Soul." Noch ist nicht alles verloren. Du hast immer noch dein Herz und deine Seele. Anneliese Wagner machte das Grauen sichtbar.

Zwei Freundinnen von ihr waren ins Wasserschloss gekommen, um den Vortrag von Andreas Rothenhöfer zu hören: Gabriele Wickert, die Deutsch-Amerikanerin und Professorin am Manhattanville College, und Elisabeth Vogt aus Heinsheim, eine Freundin aus Kindertagen. Beide begrüßen Rothenhöfers Engagement für die Lyrik Anneliese Wagners.

Zur Familie der Lyrikerin gibt es enge Kontakte. Von dem Abend im Wasserschloss erhalten sie ein Video. Die Verbundenheit bleibt.

Frühe Übersetzung im Heimatboten

Inge Rothenhöfer, die Mutter des Sprachwissenschaftlers Dr. Andreas Rothenhöfer, hatte im Dezember 2006 für den 16. Heimatboten ein Gedicht von Anneliese Wagner übersetzt.

In einem kurzen biografischen Abriss zitiert sie die Lyrikerin mit den Worten, dass die Erinnerung an ihr früheres Leben lange Zeit für sie nicht mehr existent war. "Ihre Erlebnisse waren so traumatisch gewesen", schlussfolgert Inge Rothenhöfer, "dass sie alles Geschehene verdrängt hatte."Das Schreiben half ihr beim Lüpfen des Schleiers. Anneliese Wagner wurde 83 Jahre alt. Sie starb 2013.


Ulrike Plapp-Schirmer

Ulrike Plapp-Schirmer

Autorin

Ulrike Plapp-Schirmer arbeitet seit 1993 bei der Heilbronner Stimme, über ein Jahrzehnt lang war sie Teil der Kraichgau Stimme in unserer Außenredaktion in Eppingen. Neben der lokalen Berichterstattung hat sie in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Literaturkritiken geschrieben. Sie gehört den Thementeams „Kultur“ und „Migration und Kirche“ an.

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