Ein uraltes Haus und das Rätsel der Ziegel

Eppingen  Unter Regie der Stadt und des Raußmühlenvereins wird das windschiefe Haus in der Steingasse 4 hergerichtet. Eine besonders prominente Dachfront ist jetzt nach historischem Vorbild gedeckt. Offenbar sind die uralten Ziegel noch für eine Überraschung gut.

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Ein uraltes Haus und das Rätsel der Ziegel

Das Haus Steingasse 4: Was auf dem Dach wie Bahnen von Knetmasse aussieht ist die Priebendeckung mit alten Ziegeln und Mörtel auf den Fugen.

Foto: Alexander Hettich

"Man nannte das auch Arme-Leute-Dach", erklärt Frank Dähling. Der Volkskundler und Besitzer der historischen Raußmühle am Eppinger Stadtrand hat sich mit Unterstützern des Fördervereins und mit Hilfe der Stadt des Hauses angenommen, das als zweitältestes Wohngebäude der Stadt gilt. Balken im Häuschen wurden mit wissenschaftlichen Methoden auf das Jahr 1457 datiert.

Arme-Leute-Dach des Spätmittelalters

Für das Dach hat sich Dähling einen besonderen Clou ausgedacht. Eine Partie auf der Südseite ist jetzt in sogenannter Priebendeckung ausgeführt. Ursprünglich waren die alten Eppinger Häuser mit Stroh gedeckt. Hatte der Besitzer etwas Geld, stieg er später auf die Mönch-Nonne-Variante um. Dazu wurden Hohlziegel mit U-förmigen Profil jeweils im Wechsel übereinander gefügt. Ein Mönch, eine Nonne - und immer so weiter.

Das hielt besonders dicht, weil es neben den ineinander gestülpten Pfannen keine Hohlräume gab. Sparsamer war es, die gewölbten Ziegel einfach nebeneinander zu legen, dann brauchte es nicht so viele. Die Fugen wurden mit Mörtel gekittet. Genau so haben es fahrende Zimmerleute jetzt am Haus Steingasse 4 gemacht.

Für Dähling ist die Dachpartie "ein historisches Zitat", wie es viele geben wird am Haus Steingasse 4, wenn es bis zur Gartenschau 2021 im gewünschten Zustand ist. Die Stadt, die 140 000 Euro beisteuert, und der Raußmühlenverein streben keine Luxussanierung an, keinen Mittelalter-Erlebnispark.

Führungen zur Gartenschau geplant

Am Haus wird die wechselvolle Geschichte abzulesen sein. Die Gaube, die Bewohner erst im 19. Jahrhhundert im Kampf gegen die Enge einfügten, bleibt erhalten. Den sogenannten Schwebegiebel, eine architektonische Besonderheit, haben Fachleute dort ergänzt, wo er abgesägt worden war. Auch die mächtigen Balken unter dem Dach wurden ergänzt. Dähling vermutet, dass Hausbewohner sie während des Dreißigjährigen Krieges ausgebaut und verfeuert haben.

"Sie trauten sich nicht in die Wälder, weil dort die schwedischen Truppen lagerten." An der Hausfront gingen die Balken einst nicht nur bis zum steinernen Sockel, sondern ganz bis zum Boden, entnimmt Dähling den Hinweisen an den uralten Bauteilen. Die Balken an der Fassade werden zumindest zum Teil ergänzt - auch das ein historisches Zitat.

Kein Zitat, sondern echte Antiquitäten sind die Ziegel für die Priebendeckung. Dähling hat sie beim Abriss einer Scheune in der Brettener Straße gesichert. Jetzt, beim Einbau, ist im aufgefallen, dass in einen Ziegel etwas eingeritzt ist. "Ungelenke Zahlen", sagt Dähling, wie von jemandem, der des Schreibens nicht mächtig war. Aber eine Zahl zweifellos. Dähling hat sie als 1493 entziffert.

Die Ziegel wären demnach auf das Jahr datiert, das auf die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus folgte. Ob das einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält, ist schwer zu sagen. Anders als bei Baumstämmen ist das Alter von Ziegeln nicht exakt zu bestimmen. Den Rest des Daches zieren sogenannte Biberschwanz-Ziegel. Sie sind jüngeren Datums und stammen von einer Kirche in Pfaffenhofen.

Das Haus wird an einem der Eingänge der Gartenschau 2021 liegen. Bis dahin soll es ein würdiges Entree abgeben. Dann soll es auch Führungen und Veranstaltungen in den Innenräumen geben.

Den Vorplatz, wo jetzt noch Garagen stehen, sähe Dähling gerne umgestaltet. Den Platz würde er Hans Böhm widmen. Der Mann wandte sich schon im 15. Jahrhhundert gegen die Gier der Mächtigen und gilt als Vorbote des Bauernkriegs. Sogar eine passende Skulptur hat der Raußmüller für den Platz im Sinn. Es wäre ein weiteres historisches Zitat in der Steingasse.


Alexander Hettich

Alexander Hettich

Autor

Alexander Hettich ist seit 2003 bei der Heilbronner Stimme. Er berichtet über den Kraichgau, Verkehr, Pendler und Themen aus benachbarten Landkreisen. 

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