Ein Bad Rappenauer im Bundeswehreinsatz

Mali/Bad Rappenau  John Schäffer aus Bad Rappenau patrouillierte als Bundeswehrsoldat durch die malische Wüste. Seine Erlebnisse zeigen, warum die Bundeswehr in Mali ist und was sie dort macht.

Von Christine Faget
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"Du gehst raus, voll bewaffnet. Dann läufst du 15 bis 20 Kilometer über den harten Sand. Du guckst, da sind Lehmhäuser. Frauen, die ihre Wäsche waschen. Kinder, die rumspringen. Hühner, die gackernd über den Weg laufen. Jederzeit kann jemand aus einem Haus rennen. Du weißt ja nie, was da draußen in der Wüste passiert."

John Schäffers Strecke auf Patrouille durch die Saharawüste ist ein unbeachteter Weg. Vier Monate lang war der 20-Jährige Anfang des Jahres als Soldat in Mali stationiert. Der Einsatz gilt als gefährlichster der deutschen Bundeswehr. Und doch weiß kaum jemand, warum bis zu 1100 Bundeswehrsoldaten von Deutschland in die Sahelzone geschickt werden.

Erst Anfang des Jahres hat der Bundestag entschieden, den Einsatz im Rahmen der UN-Mission Minusma bis Mai 2019 zu verlängern. Was macht die Bundeswehr in Mali? Und was können Soldaten wie John Schäffer dort bewirken? Die Erlebnisse des Bad Rappenauers liefern Antworten.

Mali: Der vergessene Konflikt

Ziel ist es, Sicherheit zu schaffen

Schäffer selbst sieht seinen Einsatz pragmatisch: "Das ist eine Friedensmission. Die Bundeswehr ist da unten, um Sicherheit zu schaffen." Man merke, dass das Land Hilfe brauche, um sich wieder aufzubauen.

Um Schäffers Eindruck zu verstehen, muss man die Geschichte des Konflikts in Mali kennen: 2012 beginnen halbnomadisch lebende Tuareg-Gruppen einen Aufstand gegen die Regierung, weil sie sich unterdrückt fühlen. Im Norden des Landes rufen sie den unabhängigen Staat Azawad aus. International ist dieser jedoch nicht anerkannt - auch weil sich die Tuareg teilweise mit terroristisch-islamistischen Gruppen verbündet haben, die das Scharia-Recht einführen wollen.

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Noch unübersichtlicher wird der Konflikt, als das Militär in der Hauptstadt Bamako putscht. Den Militärs geht die Regierung nicht konsequent genug gegen die Rebellen vor. 2015 unterschreiben verschiedene Gruppen der Tuareg-Rebellen und die malische Regierung schließlich einen Friedensvertrag. Jedoch: Bisher wird er kaum umgesetzt. Die Mission der Vereinten Nationen ist es nun, das Land zu stabilisieren.

Vom bayerischen Mittenwald ins Krisengebiet

Dieser abstrakte Auftrag wird für John Schäffer plötzlich Realität, als ihn sein Chef 2017 ins Büro ruft. Im bayerischen Mittenwald absolviert Schäffer zu diesem Zeitpunkt seine Ausbildung zum Gebirgsjäger. "Ausland ja oder nein?", ist die knappe Frage des Chefs, auf die Schäffer schnell eine Antwort finden muss. Der Bad Rappenauer zögert nicht lange.

Er sieht den Auslandseinsatz als Erfüllung für jeden Soldaten. Schließlich trainiere man ständig auf den Ernstfall hin, wenn man übe, wie man Kameraden versorgt, sich mit einer Seilsicherung am Berg entlanghangelt oder Schießübungen macht.

Mali: Der vergessene Konflikt

Logistiker, Piloten, Aufklärer, ITler - und die Infanterie

Der Abschied von Freundin und Familie in Bad Rappenau ist dennoch nicht einfach. "Es ist ja nicht so, dass man ein halbes Jahr zum Work and Travel nach Australien geht. Man fährt in ein Krisengebiet."

Angst hat er jedoch keine, als er sich Ende 2017 in den Flieger nach Camp Castor setzt. Dort, nahe der Stadt Gao, bezieht er zusammen mit neun Kameraden ein Zelt. Logistiker, Piloten, Aufklärer und ITler sind auf der Militärbasis stationiert. Schäffer arbeitet als Teil der Infanterie. Das sind diejenigen, die "raus müssen, falls etwas los ist", erklärt er. Die meiste Zeit verbringt er jedoch innerhalb der Mauern des Camps.

Baustellen sichern, Waffen putzen, Zelte bauen

Um fünf Uhr morgens beginnt dort sein Tag. Nach dem Aufstehen sichert Schäffer Baustellen. Einige Hallen der Militärbasis werden von externen Firmen gebaut. "Wenn das Lager beschossen wird, müssen wir die Arbeiter in Sicherheit bringen", erklärt Schäffer. Meist ist der Alarm nur zur Probe. Doch ungefähr fünf Mal trötet während Schäffers Einsatz auch ein scharfer Alarm durch die staubige Luft. Der Bad Rappenauer muss im Ernstfall beweisen, dass er etwas gelernt hat.

Aber auch Aufgaben wie Waffen putzen oder Zelte bauen stehen auf dem Tagesplan. Jeden Abend versammeln sich die Soldaten und hören in einem kurzen Briefing, was in der Stadt passiert ist. "Das hat man aber meist schnell wieder vergessen", gibt Schäffer zu.

Denn es folgt der schönste Teil des Tages: Freizeit. Im Ausdauerzelt oder im provisorischen Outdoor-Kraftpark kann Schäffer abschalten, wenn er beispielsweise Gewichte aus Beton hebt. Denn: "Es war eine Herausforderung, am Anfang keine Privatsphäre zu haben." Nach seiner Zeit im Zehn-Mann-Zelt zieht Schäffer mit zwei Kameraden in einen Container. Die Enge im Camp weiß er auch zu schätzen: "So eine Kameradschaft wie bei der Bundeswehr hast du nirgends."

Mali: Der vergessene Konflikt
Vor der ersten Tour außerhalb des Camps war John Schäffer nervös. Von Oktober 2017 bis Februar 2018 war der Bad Rappenauer in Camp Castor bei Gao stationiert. Fotos: privat

Auf Patrouille durch die Dörfer

Als er zum ersten Mal nach draußen muss, hat Schäffer Herzklopfen. Man wisse schließlich nie, was passiert. In einem Trupp von zehn bis 15 Leuten marschiert er durch die Dörfer. Vor allem Kinder winken den Soldaten hinterher. Näher in Kontakt mit der Bevölkerung kommt er nicht - zu groß ist die Sprachbarriere. Sein Auftrag sei es schließlich, für Sicherheit zu sorgen, sagt Schäffer. Einem Feind sei er zum Glück nie begegnet.

Mittlerweile hat der Bad Rappenauer die Bundeswehr verlassen und macht eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, weil er sich für Sport begeistert. Sein Fazit ist: "Ich finde, jeder sollte mal bei der Armee gewesen sein. Das ist einfach das Bild von einem Mann."

 
 

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