Antisemitische Sprüche in der Abizeitung

Eppingen  Eigentlich war es ein Grund zum Feiern: 118 Abiturienten des Eppinger Hartmanni-Gymnasiums (HGE) haben am Freitagabend ihr Zeugnis für die bestandene Reifeprüfung erhalten. Doch die Entlassfeier wurde von einem Aufsehen erregenden Vorfall überschattet.

Von Tanja Ochs und Nicole Theuer

Antisemitische Sprüche in der Abizeitung
Direktor Uwe Wittwer-Gärttner fand deutliche Worte bei der Abschlussfeier seiner Abiturienten in Eppingen. Foto: Franz Theuer

Schulleiter Uwe Wittwer-Gärttner hatte vor der Abschlussfeier den Verkauf der Abizeitung untersagt, weil Schüler an vier Stellen antisemitische Kommentare eingefügt hatten.

"Rassistische Anspielungen können wir nicht hinnehmen", erklärte Wittwer-Gärttner auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Schule werde angemessen reagieren und den Vorfall aufarbeiten. Es sei wichtig, auch mit jüngeren Schülern darüber zu reden. "Wir akzeptieren keine Diskriminierung", betonte der Schulleiter. Für rassistische Äußerungen gebe es keinen Toleranzspielraum. Auch Oberbürgermeister Klaus Holaschke betont, man müsse den Vorfall aufklären. Als Schulträger werde die Stadt das HGE dabei unterstützen. "Tendenzen gegen unseren Wertekonsens dürfen nicht Fuß fassen", so der OB.

Deutliche Worte bei Abschlussfeier

Bei der Abschlussfeier der Abiturienten fand auch Uwe Wittwer-Gärttner deutliche Worte. Aus gegebenem Anlass sehe er sich gezwungen, in Erinnerung zu rufen, wofür das HGE stehe: "Wir sind eine Wertegemeinschaft, die der Landesverfassung Baden-Württembergs und dem Grundgesetz verpflichtet ist", bekräftigte er. "Antisemitismus und Rassismus haben an unserer Schule keinen Platz." Drei Säulen trügen das Dach der Schule: Neben dem Konzept der ganzheitlichen Erziehung und den zahlreichen Austauschprogrammen mit den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Israel eben auch das Konzept der Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, das zum Profil des Gymnasiums gehört.

Kommentare bei Korrektur übersehen

Die Kommentare, die zwei Schüler in ihren Steckbriefen in der Abizeitung veröffentlicht haben, seien "schlicht und ergreifend durchs Raster gefallen", sagte Riccardo Ehrenberger, Schülersprecher am HGE und Abiturient. Das Zeitungskomitee habe ein Jahr lang an der Ausgabe gearbeitet: 304 Seiten mussten geschrieben, gestaltet und Korrektur gelesen werden. Über eine App konnten alle Zwölftklässler Bilder und Steckbriefe platzieren. Die zum Teil antisemitischen Äußerungen, die sich auch gegen einen Lehrer richteten, fielen erst auf, nachdem am vergangenen Mittwoch nach dem Abistreich die ersten Zeitungen verkauft wurden. "Wir sind aus allen Wolken gefallen", gesteht der Schülersprecher. In seiner Rede bei der Zeugnisausgabe distanzierte sich Ehrenberger ausdrücklich "von jeglichen antisemitischen oder rassistischen" Kommentaren. "Wir haben null Bock auf Nazis", sagte der Abiturient.

Schon vorher Bilder von Waffen zensiert

Bereits vor dem Druck hatte die Schulleitung 23 Bilder zensiert, die Waffen und Folterszenen zeigten. Trotzdem betonte Uwe Wittwer-Gärttner am Freitagabend: "Die Vorgänge um die Abizeitung sollen nicht den Blick auf den Jahrgang verstellen." Das wünscht sich auch Riccardo Ehrenberger. Es sei unverdient, wenn durch zwei Schüler jetzt ein schlechtes Bild auf die gesamte Stufe falle. "Rückschlüsse sind nicht gerechtfertigt." Die Schüler seines Jahrgangs seien empathisch, offen, tolerant und politisch engagiert. Viele von ihnen waren beim Israel-Austausch dabei, den das HGE seit Jahren organisiert.

Verkauf an der Schule gestoppt

"Wir sind geschockt", erklärte Riccardo Ehrenberger. Das Zeitungskomittee reagierte umgehend und schwärzte die betroffenen Stellen in einer Nachtschicht. Die Zeitung, die auch mit Sponsorengeldern finanziert wird, darf nicht mehr auf dem Schulgelände verkauft werden. "Es ist meine Pflicht als Landesbeamter, da einzugreifen", sagt Uwe Wittwer-Gärttner. Jegliche Vorfälle dieser Art müssen dem Kultusministerium gemeldet und dokumentiert werden. "Wir wollen nicht wegsehen", sagt der Direktor, der die demokratische Grundordnung verteidigt.

Bei der Abiparty am Samstagabend wird die Zeitung wieder verkauft, da es sich nicht um eine Schulveranstaltung handelt. Die betroffenen Passagen wurden jedoch alle unkenntlich gemacht.


Für rassistische Äußerungen gibt es keine Entschuldigung. Die Schule muss das Thema diskutieren. Ein Kommentar von Tanja Ochs.

Tanja Ochs
Tanja Ochs.

Acht Jahre lang haben die 118 Eppinger Abiturienten ein humanistisches Gymnasium besucht. Eine Schule, die sich aus Überzeugung dem Netzwerk „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ angeschlossen hat. Einige Absolventen waren in Israel, andere sind politisch engagiert und alle haben jetzt ihr Reifezeugnis in der Tasche.

Doch in Erinnerung wird der Jahrgang wegen seiner Abizeitung bleiben. Das ist schade, weil sie sicher nicht für die Gesinnung aller steht. Aber gerade deshalb hätten manche Passagen nicht unbemerkt „durchs Raster fallen“ dürfen. Bei allem Verständnis für den Zeitdruck der Zeitungsmacher – für antisemitische oder rassistische Kommentare gibt es keine Entschuldigung.
Die Autoren jener unsäglichen Kommentare müssen zur Verantwortung gezogen werden. Gleichzeitig müssen Vorfall, Intention und Kontext in allen Klassenstufen diskutiert werden. Der offensive Umgang mit dem Thema, den die Schule einschlagen will, ist der richtige Weg.

Ein Schild an der Eingangstür schafft noch kein Bewusstsein bei den Schülern, dafür bedarf es einer permanenten, kritischen und moderierten Auseinandersetzung. Gerade in einer Schule muss das Miteinander von verschiedenen Religionen und Nationalitäten jeden Tag mit gegenseitigem Respekt und Toleranz gelebt werden. Da ist kein Platz für rassistische Tendenzen.

Wer seine Reifeprüfung bestehen will, sollte das verstanden haben.

 

 


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