Geiselnahme begann in Eppingen

Haßmersheim/Mosbach- Der größere Teil des Haßmersheimer Geiselnehmer-Falls hat sich in Eppingen-Elsenz abgespielt. Diese Spur, die unsere Zeitung schon vor einer Woche vermeldet hatte, hat sich durch Informationen im Haftbefehl, der der Heilbronner Stimme in Kopie vorliegt, bestätigt.

Von Sara Furtwängler
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Geiselnahme begann in Eppingen
Rechtsanwalt Günther Silcher verteidigt die Mutter.Foto: Sara Furtwängler
Haßmersheim/Mosbach- Der größere Teil des Haßmersheimer Geiselnehmer-Falls hat sich in Eppingen-Elsenz abgespielt. Diese Spur, die unsere Zeitung schon vor einer Woche vermeldet hatte, hat sich durch Informationen im Haftbefehl, der der Heilbronner Stimme in Kopie vorliegt, bestätigt. Demnach soll die beschuldigte Familie mit dem mutmaßlichen Opfer vom 20. März 2010 bis Februar 2011 im Eppinger Stadtteil gewohnt haben.

Der Heilbronner Anwalt, der die Mutter vertritt, hat derweil angekündigt, den Haftbefehl gegen seine Mandantin juristisch angreifen zu wollen: "Im Haftbefehl werden nur dem Sohn und dem Familienvater Gewalttaten gegenüber dem Opfer vorgeworfen", begründet Günther Silcher seinen Antrag. Das Landgericht Mosbach hat die Beschwerde aber als unbegründet verworfen.

Schwestern

Silcher kennt die beschuldigte Familie. "Sie ist aus dem Sinti-Milieu", sagt er. Die 45-jährige Mutter, die gemeinsam mit ihrem 51-jährigen Mann und dem Sohn eine 20-jährige Frau aus Würzburg für knapp ein Jahr lang gefangen gehalten haben soll, habe ausdrücklich ihn als Pflichtverteidiger gewünscht. Das Kuriose: 2002 hat Silcher in der Nebenklage das erste Opfer der Familie, die Schwester der 45-Jährigen, vertreten. Auch sie wurde von der Familie im Haus gefangen gehalten, misshandelt und zu Hausarbeit gezwungen.

Einen Interessenskonflikt sieht Silcher nicht: "Der Fall von damals ist abgeschlossen." Weshalb die Beschuldigte ihn verlangt hat? Die Schwester seiner jetzigen Mandantin habe gegen Ende des Prozesses damals darum gebeten, dass er sich dafür einsetzt, dass ihre beschuldigte Schwester nicht hinter Gitter kommt. "Das habe ich getan", sagt Silcher. Offensichtlich hatten sie sich trotz der Vorkomnisse versöhnt. "Beide Schwestern waren mir damals sehr dankbar."

Seine Mandantin bestreite, dass die 20-Jährige in ihrer Familie gefangen gehalten wurde, sagt der Anwalt: "Als ich vor einer Woche in der JVA mit ihr gesprochen habe, hat sie geheult und beteuert, dass die Frau nie unfreiwillig im Haus gelebt habe." Er ist sich sicher: "Wenn es zu Übergriffen kam, hat meine Mandantin keine Kenntnis gehabt und nicht aktiv mitgewirkt."


Nur wenige Tage bevor die 20-Jährige zur Familie in Eppingen zog, so steht es im Haftbefehl, hat sie den jugendlichen Sohn, der sich älter gemacht habe, im Internet kennengelernt. Im Juli 2010 sei es dann zur ersten Auseinandersetzung mit dem Vater gekommen. Danach hätten sich die Übergriffe gehäuft. Weiter heißt es, der Vater habe den Entschluss gefasst, sie wie sein erstes Opfer gefangen zu halten und an ihr seine "sadistischen Neigungen" auszuleben. Auch Mutter und Sohn hätten beschlossen, die Frau gefangen zu halten. Über den Sohn steht zu lesen, er habe es genossen, ein Opfer im Haus zu haben und sie spätestens ab August 2010 geschlagen und gewürgt.

Übergriff

Im Oktober kam es zu dem sexuellen Übergriff des Vaters, wobei er die 20-Jährige laut Haftbefehl begrapscht hat. Als das Opfer die Tat der Mutter und dem Sohn der Familie offenbarte, habe sie der 51-Jährige mit der Faust ins Gesicht, auf Nacken und Rücken geschlagen. Dreimal wöchentlich habe der Vater die Würzburgerin geschlagen, häufig mit einem Stock. Ein Auge sei so verletzt, dass die Sehfähigkeit beeinträchtigt ist.

Seit die Familie in Haßmersheim wohnte, musste die 20-jährige laut Haftbefehl vor dem Bett des Ehepaares auf dem Fußboden schlafen, damit sie nicht fliehen konnte. Kamen Besucher, wurde sie ins Zimmer gesperrt. Der jugendliche Sohn habe sie einmal so heftig gewürgt, dass sie keine Luft mehr bekommen habe und dadurch in Lebensgefahr war.

Die Untersuchungshaft aller drei Familienmitglieder wird mit Fluchtgefahr begründet. Außerdem müsse davon ausgegangen werden, dass die männlichen Beschuldigten versuchen könnten, das Opfer zum Schweigen zu bringen.