75-Jahre Jubiläum

Wo Stechpalme und Walnuss Zukunft bedeuten

Region  Revierförster Klaus Reiner führt eine Stimme-Lesergruppe zu besonderen Orten im Wald bei Möckmühl. Gegen Klimawandel und Baumsterben setzt er auf mehr Vielfalt. Und ist heilfroh über eine Atempause durch den ergiebigen Regen in diesem Jahr.

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Auf einer Kahlschlagfläche im Distrikt Hundsacker werden fünf verschiedene Baumarten nachgepflanzt. Die lindenblättrige Birke (Heimat Japan) gehört dazu.

Nahe der lichten Hangfläche mit den Aufforstungsbäumchen wird Revierförster Klaus Reiner etwas emotional. "Ich bin heilfroh über dieses regenreiche Jahr", sagt der Möckmühler Waldexperte auf der Lesersommertour durch ein Stück Stadtwald im Distrikt Hundsacker.

Zuletzt nur sterbenden Bäumen mit Käferbefall hinterhergerannt

Hier, auf der Kahlschlagfläche "Klimawald", tummeln sich fünf verschiedene neue Baumarten. Die lindenblättrige Birke zählt zu den Hoffnungsträgern im bedrohlichen Klimawandel, Kreuzungen aus japanischer und heimischer Lärche, auf einer Fläche hat der Förster sogar Stechpalmen gepflanzt. In den vergangenen Jahren sei man praktisch nur noch sterbenden Bäumen mit Käferbefall hinterhergerannt. Dieses Jahr sei es durch den Regen entspannter. Und: Auch für die Jungbäume sei der Regen unheimlich wichtig.

Plötzlich führen trockengefallene Stellen wieder Wasser

Wo Stechpalme und Walnuss Zukunft bedeuten

Lesersommerführung durch den Wald bei Möckmühl: Revierförster Klaus Reiner mit einem Ast voller Pilze. Querfeldein führte er die Gruppe zu besonderen Plätzen − unter anderem zu Zukunftsbäumen wie Speierling, Walnuss oder Wildbirne.

Fotos: Carsten Friese

28 Jahre macht Reiner schon den Job im Forst. Der Lesergruppe beschert er eine Tour querfeldein, über bemooste Stämme, durch schulterhohes Springkraut, über kleine Gräben zu besonderen Orten im Wald. "Zu kämpfen haben alle Bäume", blickt er auf die jüngsten Trockenjahre. Doch hier im Revier sei die Mehrheit der Bäume noch fit. Mal zeigt er eine kranke Esche, mal eine abgestorbene Fichte. In der Mehrzahl aber dominiert das Grün. Die Gruppe passiert ein gut gefülltes Wasserloch für Wildschweine, wo sich Regen in tiefen Spuren schwerer Rückefahrzeuge gesammelt hat. Die Jahre zuvor sei dort kein Wasser gewesen, Jagdpächter hätten für die Tiere Wasserstellen angelegt. An einer Rotbuche bleibt Reiner stehen. Große schwarze Punkte überziehen die Rinde. "Der Baum leidet", sagt der Förster. Der Buchenborkenkäfer hat sich eingebohrt, Baumsaft ist ausgetreten und oxidiert. "Für manche", sagt Reiner, "kommt der Regen zu spät."

Waldromantik mit Rückepferden bei der Holzernte hat ausgedient. Die meisten Bäume seien für Pferde "zu schwer", sagt der Förster. Eine schwache Buche wiege schon eine Tonne. "Da brauchen Sie mindestens zwei stabile Pferde." Es sei auch eine Kostenfrage.

Speierling und Wildbirne sind neue Arten im Waldbaummix

Vorbei an Pilzen wie dem Rotfußröhrling oder der Schmetterlingstramete führt der Förster führt zu Waldexoten wie der Walnuss, die er hier angepflanzt hat. Sie verträgt Trockenheit gut. Er zeigt neue Arten wie den Speierling oder die Wildbirne, Zukunftsbäume mit noch schmalen Stämmen, die nur bis zu 20 oder 25 Meter hoch werden. Wichtig sei, dass nach Trockenheitsschäden abgeholzte Flächen wieder bestückt werden, vor allem zur Sauerstoffproduktion. Im Wald gehe es nicht nur um Holzzuwachs.

Besondere Exemplare bringen bis zu 5000 Euro je Festmeter

Bei den Preisen für geerntetes Holz sind die Förster derzeit zufrieden. Für Käferholz gab es zuletzt 86 Euro pro Festmeter, was ein guter Wert sei, verdeutlicht Jörn Hartmann vom Kreisforstamt. Vor drei Jahren habe man da nur 25 Euro bekommen. Das Preisspektrum ist groß. Förster Reiner berichtet von hochwertigen Top-Eichen, die Preise von 1400 bis 1600 Euro erzielen können. Und: Ein Riegelahorn mit besonderer Maserung könne auch bis zu 5000 Euro einbringen.

Entspannende Sansula-Klänge auf einer Eicheninsel

Wo Stechpalme und Walnuss Zukunft bedeuten

Eine stark ausgehöhlte Rotbuche ist ein wichtiger Tummelplatz für Insekten.

An einem Sonderexemplar, einer im Stamm stark ausgehöhlten Rotbuche mit 30 Meter Höhe, hält Reiner inne. Der Baum "darf für alle Zeiten bleiben", als ökologische Nische für allerlei Insekten und Vögel. Baumpilze und Vögel haben am Stamm über Jahre eingewirkt. Auf einer Eicheninsel sorgt der Förster dann mit glöckenähnlichen Sansula-Klängen und einer Geschichte über die Stimmen der Bäume für Entspannung. Der Wald in 50 Jahren "wird lichter sein, die Bäume nicht mehr so hoch", blickt er voraus. "Aber er wird da sein - und er wird vielfältiger." Teilnehmerin Elke Waldbüßer aus Weinsberg hat die Tour "megagut gefallen". Sie interessiert es, wie es mit dem Wald weitergeht. Es sei ein schöner Streifzug durch die Natur gewesen.

Breites Schadensbild

Im Waldschadensbericht von 2020 stuft die Landesregierung "knapp die Hälfte der Waldfläche in Baden-Württemberg als deutlich geschädigt" ein (46 Prozent). Ein derart hohes Schadniveau wurde seit Beginn der Waldzustandserhebung im Jahr 1985 noch nicht festgestellt. Vor allem die Trockenheit in den Jahren 2018 bis 2020 belastete die Wälder stark. Ein Notfallplan Wald soll helfen, zum Beispiel mit Käfermonitoring zu reagieren und befallene Bäume rasch zu fällen. Rund 30 Millionen Euro stellt das Land als Nothilfe bereit. Trockenheitsverträgliche Baumarten sollen verstärkt gepflanzt werden.

 

Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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