75-Jahre Jubiläum

Tilmann Distelbarth: "Wir als Heilbronner Stimme bleiben ganz natürlich jung"

Interview  Verleger Tilmann Distelbarth spricht im Interview über Journalismus in Zeiten von Fake News, die Bedeutung der gedruckten Zeitung, zunehmende Digitalisierung, wachsendes Tempo bei Veränderungen und darüber, wie das Unternehmen in fünf Jahren aufgestellt sein wird.

Email
Bestandsaufnahme und Blick nach vorne: Stimme-Verleger Tilmann Distelbarth. Foto: AndreasVeigel

 

Die Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen, haben durch das Internet stark zugenommen. "Insgesamt haben die klassischen Medienunternehmen ihren Platz mehr als behauptet", sagt Tilmann Distelbarth. "Die meisten Menschen wollen gut und verlässlich informiert sein. Daher greifen sie zu glaubwürdigen Quellen wie der Heilbronner Stimme." Im Interview spricht der 53-jährige Verleger über Qualitätsjournalismus, lokale Nähe und seine Ziele für die Zukunft.

 

Früher galt man mit 75 Jahren als alt. Heutzutage hat sich das geändert, da ist man im besten Alter. Wie sieht das denn bei der Tageszeitung aus?

Tilmann Distelbarth: Ich denke, dass Tageszeitungen und Medienunternehmen täglich darauf hin trainieren, jung zu bleiben. Denn jeden Tag gibt es Neues zu entdecken und Neues zu erleben, über das man berichten, das man einordnen und kommentieren kann. Insofern bleiben wir als Heilbronner Stimme ganz natürlich jung.

 

Vieles hat sich in 75 Jahren gewandelt. Neben der gedruckten Zeitung wird das Digitale immer wichtiger. Wie sind Ihre persönlichen Lesegewohnheiten?

Distelbarth: In den letzten Jahren lese ich tatsächlich zunehmend mehr digital. Es haben sich ja auch unsere digitalen Angebote verbreitert. Gerade mit Stimme.de Premium bieten wir viel tagesaktuelle Vielfalt und immer wieder auch exklusive Geschichten. Die gedruckte Zeitung lese ich eher in einer ruhigeren Atmosphäre, das hat etwas Entschleunigendes. Da möchte ich auch gerne mal längere Stücke lesen. Papier hat mit zurücklehnen und Entspannung zu tun. Im digitalen Bereich kann man auch im Büro oder unterwegs zügiger Informationen konsumieren.

 

Wenn man sich die ganzen Studien und Thesen der vergangenen zehn Jahre mal vor Augen führt, dann hieß es immer: Die Bedeutung der Tageszeitung nimmt weiter ab, sie wird irgendwann ein Nischenprodukt.

Distelbarth: Wenn Sie den Regionaljournalismus insgesamt nehmen, ist das Gegenteil der Fall. Natürlich ist es so, dass die Gesamtentwicklung mehr in Richtung Internet geht aufgrund der vielen digitalen Angebote und schier endlosen Möglichkeiten, in Echtzeit an Nachrichten zu gelangen. Insgesamt haben die Medienunternehmen aber ihren Platz mehr als behauptet. Wenn man die gedruckte und die digitale Reichweite der Tageszeitung zusammennimmt, erreichen wir heute deutlich mehr Menschen, als wir es vor 20 Jahren nur mit der gedruckten Ausgabe getan haben. Der Grund ist, dass die Bevölkerung den Wert von Qualitätsjournalismus mehrheitlich zu schätzen weiß.

 

Dennoch hat die Konkurrenz gerade im digitalen Bereich zugenommen.

Distelbarth: Das stimmt, aber gerade hier stechen die Tageszeitungen heraus. Denn durch die digitalen Möglichkeiten sind eben auch viele Informationen im Netz abrufbar, von denen keiner weiß: Ist das wirklich korrekt? Wurde das überprüft? Oder sind das Fake News? Die meisten Menschen wollen gut und verlässlich informiert sein. Daher greifen sie zu Quellen, die verlässlich und glaubwürdig sind und von denen sie wissen, dass sie sauber recherchieren. Das leisten in diesen Zeiten gerade auch die regionalen Tageszeitungen wie die Heilbronner Stimme.

 

Gerade jüngere Menschen informieren sich zunehmend auf Social Media, da ist nicht immer alles überprüfbar. Geht hier die Medienkompetenz der Jüngeren im Moment etwas verloren?

Distelbarth: Die Medienkompetenz gerade von jüngeren Menschen ist immens wichtig. Denn letztlich entscheidet die Medienkompetenz darüber, wie Informationen verarbeitet und in Wissen und Meinung umgesetzt werden. Damit ist sie die Voraussetzung für eine Demokratiekompetenz. Es geht darum, die Fähigkeit zu erlernen, in einen Diskurs zu gehen - mit einer Informationsbasis, die jeder für sich auswertet und die die Grundlage im Wettstreit der Meinungen bildet. Das ist genau das, was im digitalen Zeitalter gefährdet ist, da für Jüngere oft nur die schnelle und populäre Information zählt - und nicht die sauber recherchierte. Um so wichtiger sind unsere Kinder- und Jugendprojekte wie Zeitung in der Schule, mit denen wir die Medienkompetenz nachhaltig fördern.

 

Mit ein paar Klicks ist man mit der ganzen Welt verbunden. Sehnen sich die Menschen dennoch nach lokaler Nähe?

Distelbarth: Das ist definitiv so und hat sich durch die Pandemie verstärkt, weil man durch die Reisebeschränkungen seine Umgebung jetzt viel intensiver wahrnimmt. Die Menschen fühlen sich wohl in ihrem direkten Umfeld. Sie wollen wissen und verstehen, was vor der Haustüre passiert. Da war, ist und bleibt die Stimme ein treuer Begleiter. Unser Großprojekt 50 Wochen - 50 Orte im Jahr 2020 hat eindrucksvoll gezeigt, wie sehr die Menschen mit der Region verwurzelt sind und dass wir als Medienunternehmen ein starker und wichtiger Teil dieser Region sind.

 

Zur Person  
Am 21. April 1967 wurde Tilmann Distelbarth in Heilbronn geboren. Nach dem Abitur und Studium mit dem Abschluss als Diplom-Kaufmann absolvierte der heute 53-Jährige 1995/1996 ein Volontariat beim Tagesspiegel in Berlin. 1997 übernahm er von seinem Vater Frank Distelbarth die Geschäftsführung des Medienunternehmens Heilbronner Stimme, das er seither in dritter Generation leitet. Tilmann Distelbarth ist verheiratet und lebt mit seiner Frau sowie den drei Kindern in Heilbronn.

Nachrichten zu recherchieren und für verschiedene Kanäle zu produzieren kostet viel Geld. Wissen die Menschen diesen Wert zu schätzen und sind nun eher bereit als noch vor ein paar Jahren, für Angebote im Netz zu bezahlen?

Distelbarth: Absolut. Unseren Kunden wird immer mehr bewusst, dass Qualitätsjournalismus seinen Preis hat. Fast 100 Menschen in der Redaktion produzieren 365 Tage im Jahr journalistische Inhalte. Der Ausgabekanal spielt dabei letztlich erst einmal keine Rolle. Sondern die Nachricht zählt, ob gedruckt oder digital. Das ist eine Dienstleistung, die es nicht umsonst geben kann. Das wird sich Stück für Stück auch weiter entwickeln. Denken Sie nur mal zehn, 15 Jahre zurück an die Musikpiraterie. Heute sind Streaming-Abos für Musik oder Filme ganz normal. Dieser Grundgedanke eines Digitalabos, für das man einen festen Betrag zahlt und dann Zugriff auf das gesamte Angebot hat, setzt sich immer mehr bei den Medienhäusern durch. Wichtig ist natürlich, dass das Angebot für die Zielgruppe interessant und wichtig ist.

 

Dennoch muss man in der digitalen Welt vieles erst einmal ausprobieren. Was können sich Medienunternehmen von Tech-Konzernen wie Apple abschauen?

Distelbarth: Uns fehlt nicht der Mut. Selbstkritisch betrachtet müssen wir aber lernen, schneller und innovativer zu werden. Gegenüber den großen Konzernen haben wir den Vorteil, dass wir als Familienunternehmen neue Dinge zügiger und unbürokratischer umsetzen können. Und noch dazu als Regions-Medium viel näher an den Kunden sind. Diesen Vorteil können wir und auch andere Medienunternehmen noch viel stärker ausspielen. Zumal wir mit regionalen Inhalten über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen.

 

Wie wichtig ist das Überregionale online?

Distelbarth: Da hat sich ein Wandel vollzogen. Unsere Online-User schätzen auch relevante überregionale Themen und suchen diese bei uns. Gerne auch mit einem Kommentar zum Thema. Und mit zusätzlichen Informationen, die den Zusammenhang mit der Region aufzeigen. Da sagen die User dann: Das ist die Stimme, die informiert mich. Wir haben nicht zufällig in unserer neuen Unternehmensvision den Satz geprägt: Wir vernetzen die Region und verbinden sie mit der Welt.

 

Wenn Sie den Blick in die Zukunft richten - wo sehen Sie die Stimme in fünf Jahren?

Distelbarth: Die wichtigste Aufgabe für die nächsten Jahre wird sein, dass wir unseren publizistischen Auftrag und Anspruch auf die Generation übertragen können, die digital aufwächst. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass wir die Tageszeitung nicht vernachlässigen, die auch noch in fünf Jahren und weit darüber hinaus eine tragende Rolle spielen wird. Im Werbe- und Geschäftskundenbereich werden wir den Blick sicher noch stärker aufs Digitale richten. Und wir werden noch einmal viel intensiver darauf schauen, was Leser, User und Kunden tatsächlich haben wollen.

 

 

 

Alexander Schnell

Alexander Schnell

Ressortleiter Leben und Freizeit

Alexander Schnell leitet seit 1. Juni 2006 das Ressort Leben und Freizeit und ist damit für alle Sonderveröffentlichungen des Medienunternehmens zuständig. Dazu gehören unter anderem auch das Wochenendmagazin Freizeit und die Autostimme. Ein Spezialgebiet des gebürtigen Heilbronners sind alle Themen rund ums Auto und Mobilität. Darüber hinaus ist Schnell Mitglied der Chefredaktion.

Kommentar hinzufügen