75-Jahre Jubiläum

Zeitungsausträger Georg Carle war einer der ersten bei der Stimme

Heilbronn/Obersulm  Vier Tage nach dem Druck der allerersten Ausgabe der Stimme beginnt der Heilbronner Georg Carle seine Tätigkeit als Zeitungsausträger. Jetzt ist bei den Nachfahren ein gut erhaltenes Bild von diesem Mann der ersten Stunde aufgetaucht.

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Als Austräger im Einsatz für die Stimme: Georg Carle. Foto: privat

Adrett steht er da, mit Hut, Sakko und Krawatte, ein Exemplar der Heilbronner Stimme in der Hand, der Gurt der Umhängetasche mit Stimme-Aufschrift liegt über der Schulter. "Das Bild muss zu einem Jubiläum oder zu seiner Verabschiedung entstanden sein", sagt Gertrud Kostenbäder. Der Mann, über den sie spricht, ist ihr Opa, Georg Carle. Und der ist einst Zeitungsausträger, sogar einer der ersten der am 28. März 1946 erstmals erschienenen Heilbronner Stimme.

Aus alten Unterlagen geht hervor, dass Carle am 1. April 1946, also vier Tage nach Druck der Erstausgabe, in den Betrieb einsteigt. Gertrud Kostenbäder weiß über den Werdegang ihres Großvaters zu berichten. "Er war ein super Opa, ich habe nur lustige Erinnerungen", sagt die 79-Jährige.

Große Not im zerstörten Heilbronn

Geboren 1885 im hohenlohischen Wohlmuthausen, den Einsatz im Ersten Weltkrieg in den Ardennen überstanden, kommt Georg Carle als Fuhrmann zum Rollfuhrunternehmen Rahmer nach Heilbronn. Nach einem Unfall mit gebrochenem Becken endet diese Tätigkeit, berichtet Gertrud Kostenbäder. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht Not im zerbombten Heilbronn, auch bei Georg Carle. Seine Art Frührente bessert er als Austräger aus - ab einem Zeitpunkt, als die Stimme gerade geboren war. 

"Die Austräger haben auch selbst kassieren müssen", weiß Gertrud Kostenbäder. Das lohnt sich vor allem in der Weihnachtszeit, wenn es kleine Geschenke von den Zeitungslesern gibt. "Die Leute waren damals solidarisch und dankbar, dass jemand bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad unterwegs ist." Den Drahtesel nennt Georg Carle augenzwinkernd "Knochenschinder-Mercedes".

Nach dem Dienst geht es zur Einkehr

Ist das Tagwerk erledigt, geht es zur Einkehr zu Schedlers Zum Guten Trunk in die Krugstraße. Die "wunderschöne Gartenwirtschaft" kennt Gertrud Kostenbäder als gebürtige Heilbronnerin auch, heute lebt sie mit Mann Helmut in Obersulm-Willsbach. "Dort saß immer eine nette Gemeinschaft, so dass er meist beschwingt heimgekommen ist - und selten auch mal narred." 

Zeitungskästen steuert Georg Carle im Bezirk Karlstor/Weinsberger Straße an. "Als Austräger war er natürlich gut bekannt in der Gegend. Zudem war er sehr leutselig und kontaktfreudig." Da verwundert es nicht, dass er als ein Original, das er laut seiner Enkelin ist, auch beim alten Hesser in der kernigen Gaststätte Kernerhöhe verkehrt. "Da waren zwei Typen beieinander...", sagt Gertrud Kostenbäder. Wie viele Jahre ihr Opa die Stimme an die Haustüren der Leser bringt, kann die gebürtige Heilbronnerin nicht mehr genau sagen. Laut Aktenlage ist er bis 1965, also fast 20 Jahre, aktiv. 

Clarissa Vogt und ihre Großmutter Gertrud Kostenbäder halten das Bild von Stimme-Austräger Georg Carle in Händen. Foto: privat

Das Bild des adretten Austrägers mit dem Schnauzbart hat übrigens Clarissa Vogt der Stimme geschickt - aus Anlass des 75-jährigen Firmenjubiläums, wie die Architekturstudentin sagt. Sie ist die Enkelin von Gertrud Kostenbäder und somit Ururenkelin von Georg Carle. "Sie ist sehr an der Historie interessiert. Wenn sie zu Besuch ist, blättert sie immer unsere Fotoalben durch", erzählt Gertrud Kostenbäder. 

Und so kam das Bild zutage, das einen der ersten Stimme-Austräger zeigt. Georg Carle verstarb im Dezember 1976 einen Monat vor seinem 92. Geburtstag. Angesichts dieses hohen Alters ist sich Gertrud Kostenbäder sicher: "Ihm ist das Zeitungaustragen gut bekommen." 

 


Tobias Wieland

Tobias Wieland

Onlineredakteur

Tobias Wieland kümmert sich um die onlinespezifische Aufbereitung eigener und fremder Artikel auf Stimme.de. Er erstellt Zeitleisten, Listicles, Grafiken und mehr.

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