75-Jahre Jubiläum

Der Verlegerfamilie den Haushalt geführt

Schwaigern  Gertrud Hauck erinnert sich gerne an die Zeit bei Berta und Hermann Schwerdtfeger. Drei Jahre lang hat sie für das Ehepaar und seine beiden Kinder geputzt, gewaschen und vegetarisch gekocht.

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Erinnerungsfoto: (von links) Christa Schwerdtfeger, Gertrud Hauck, Berta Schwerdtfeger und die Mutter von Hermann Schwerdtfeger. Foto: privat

Als sie gelesen hat, dass die Heilbronner Stimme 75 Jahre alt wird, hat Gertrud Hauck zum Telefonhörer gegriffen: "Ich wollte schon lange mal erzählen, was ich alles erlebt habe." Als junge Frau war die Stettenerin drei Jahre lang im Haushalt der Verlegerfamilie Schwerdtfeger in Heilbronn beschäftigt. "Mir hat es gefallen bei den Leuten, und es ist mir gut gegangen", sagt Gertrud Hauck, geborene Rüber. Bis heute ist sie treue Stimme-Leserin. "Wenn ich morgens zum Kaffee keine Zeitung hätte, wüsste ich nicht, was ich machen würde. Und sonntags lese ich das Echo."

1958, gut zwölf Jahre nach Gründung der Heilbronner Stimme durch Hermann Schwerdtfeger und Paul H. Distelbarth, trat "das Bauernmädchen" die Stelle im Haus von Berta und Hermann Schwerdtfeger an. Drei Jahre lang fuhr sie von montags bis samstags um 5.45 Uhr mit Zug und Bus nach Heilbronn. Zusammen mit ihrer Freundin Linde Kümmerle, die bei Nähmaschinen Fischer im Haushalt war.

"Der Herr Schwerdtfeger hat gegessen, was ich gekocht habe"

100 Mark plus 20 Mark für die Fahrkarten bekam die mittlere von drei Geschwistern monatlich als Lohn. Kochen, putzen, waschen für das Ehepaar Schwerdtfeger und dessen Kinder Christa und Horst, manchmal auch im großen Garten helfen: Das waren ihre Aufgaben in der Armsündersteige. "Backen und Kochen habe ich von meiner Mutter gelernt", berichtet Gertrud Hauck. Bei ihren neuen Arbeitgebern musste sie sich ein bisschen umstellen, was ihr aber nicht schwerfiel: "Die Schwerdtfegers waren Vegetarier." Auf den Tisch kamen Gerichte wie Reisküchle mit Tomatensoße oder panierte Sellerieschnitzel mit Kartoffelsalat. "Der Herr Schwerdtfeger hat gegessen, was ich gekocht habe", sagt die 83-jährige Witwe nicht ohne Stolz. Nur sonntags, da habe die Frau Schwerdtfeger am Herd gestanden, und es gab meistens Linsen mit Spätzle.

Es ist bescheiden zugegangen im Hause Schwerdtfeger. Gesellschaften für Geschäftsfreunde oder große Familienfeiern habe es in den ganzen drei Jahren nicht gegeben, so Hauck. Sogar zur Konfirmation von Tochter Christa waren nur die Großeltern väterlicherseits eingeladen. Als Festmahl habe sie Bohnen und Spätzle gekocht, erinnert sich Gertrud Hauck an einen der wenigen Sonntage, den sie im Hause Schwerdtfeger verbracht hat. Nur ein Termin stand einmal jährlich fest im Kalender: Berta Schwerdtfegers Kaffeekränzchen mit den Ehefrauen von Mitherausgeber Frank Distelbarth und der Redakteure Hohmann und Wittke, erzählt Gertrud Hauck.

Der Verlegerfamilie den Haushalt geführt

Waschküche im Keller der Heilbronner Stimme

Die Wäsche hat die Stettenerin in den ersten Monaten noch in der Waschküche im Keller der Stimme in der Allee 2 gewaschen, bevor sich ihre Arbeitgeber eine Constructa gekauft haben. "Bis die Kochwäsche fertig war, bin ich in die Milchbar, Ecke Klarastraße, und hab einen gemischten Joghurt gegessen." Zweimal habe sie Geschäftsführer Frank Distelbarth samt Wäsche mit seinem BMW in die Armsündersteige hochgefahren, denkt die zweifache Großmutter zurück. Unterhalten hätten sie sich kaum. "Ich hatte Respekt vor ihm."

Etwa zweimal im Monat brachte ein Fahrer Berta Schwerdtfeger und Gertrud Hauck in den Weiler Vohenlohe bei Abstatt. "Dort sind wir den Eltern von Hermann Schwerdtfeger im Haus zur Hand gegangen", sagt Hauck. Ihre Chefin habe gekocht, sie habe geputzt. "Abgeholt hat uns der Herr Schwerdtfeger mit seinem Mercedes."

Mit Berta Schwerdtfeger hatte die junge Frau ein besonders gutes Verhältnis. Zu einer "Schwanensee"-Aufführung in der Harmonie, bei der Balletttänzerin Christa Schwerdtfeger mitwirkte, seien sie zu Fuß gelaufen. "Untergehakt wie Mutter und Tochter", berichtet Hauck lächelnd. 1961 hat die Stettenerin ihre Stelle gekündigt, um ihren Willi, "die Sportskanone aus Gemmingen", zu heiraten, mit dem sie später zwei Kinder bekam. "Unsere Tochter haben wir Christa genannt, nach Christa Schwerdtfeger."

Die Hochzeitsannonce in der Stimme war ein Geschenk ihrer Arbeitgeber. Und bei der Feier in der Gaststätte Bälz in Stetten war Berta Schwerdtfeger mit dabei. "Wir haben uns danach noch viele Jahre Briefe geschrieben."

Zwei Familien, eine Zeitung

Am 28. März 1946 überreicht US-Oberst William Dawson im Heilbronner Schießhaus die Lizenz für die 31.?Tageszeitung in der US-Besatzungszone an Paul H. Distelbarth (1879-1963), Publizist und Pazifist, und Hermann Schwerdtfeger (1903-1988), zuvor bis 1933 Redakteur beim Haller Tagblatt. Paul Distelbarth ist bei der neu gegründeten Heilbronner Stimme fürs Kaufmännische zuständig. 1954 steigt sein Sohn Frank (1928-2012) in die Geschäftsführung mit ein. Nach ihm verkörpert Enkel Tilmann Distelbarth seit 1998 bis heute die dritte Generation.

Hermann Schwerdtfeger ist bis 1971 Chefredakteur. Seine Kinder Christa (1943) und Horst (1945) verkaufen 2003 ihre HSt-Anteile fast vollständig an die Familie Distelbarth, nur Enkel Hermann Schwerdtfeger hält noch einen Anteil von 2,5 Prozent.


Claudia Kostner

Claudia Kostner

Autorin

Claudia Kostner ist seit 1996 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Der gebürtigen Heilbronnerin liegt die Region am Herzen. Sie berichtet hauptsächlich aus Zabergäu und Leintal, aber auch über die Volkshochschule Unterland.

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