Würth ist froh um den Anker Deutschland

Künzelsau  Nur leichte Rückgänge beim Umsatz dank Online-Vertrieb und einem weiterhin starken Zuwachs am Bau. Kurzarbeit oder vergleichbare Regelungen werden in vielen Ländern genutzt. So soll die Mitarbeiterzahl stabil bleiben. Nur der Gewinn schrumpft.

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Die Risiken für die Geschäfte weltweit liegen derzeit in jenen Ländern, die die Corona-Krise nicht in den Griff bekommen.

Foto: Christian Gleichauf

Sehr unterschiedlich zeigen sich die Märkte, auf denen die Würth-Gruppe aktiv ist. Dass sie sich in der Corona-Krise bisher gut geschlagen hat, führt Konzernchef Robert Friedmann im Gespräch mit unserer Redaktion auf vier Erfolgsfaktoren zurück: die breite Aufstellung, die internationale Ausrichtung, die Nutzung der Online-Vertriebskanäle und die Sondersituation auf dem Heimatmarkt, wo noch immer 40 Prozent des Umsatzes gemacht werden. "Deutschland ist in der Welt ein Role Model dafür, wie wir die Krise bisher gemanagt haben."

Zu dieser Vorbildfunktion gehört auch die Kurzarbeitsregelung, die es bisher ermöglichte, die Belegschaft fast stabil zu halten. Noch immer liegt die Mitarbeiterzahl bei mehr als 78.000, über die Fluktuation ging es um 0,8 Prozent nach unten. "Das verteilt sich aber auf viele Gesellschaften", sagt Friedmann.

Lockdown in Indien

Zur Hochphase seien 20.000 Mitarbeiter weltweit in Kurzarbeit oder äquivalenten Maßnahmen gewesen, derzeit noch 6600. Darunter sind auch Länder wie Indien, wo wieder ein weitgehender Lockdown besteht. So ist den Würth-Verantwortlichen auch bewusst, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist.

Der Umsatz im ersten Halbjahr 2020 sank leicht um 3,1 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. Der Gewinn fiel allerdings deutlich um 18 Prozent auf 280 Millionen Euro. "Eine Prognose für das Gesamtjahr können wir nicht geben", sagt Friedmann. "Positiv überrascht wäre ich, wenn wir die Monate, die wir jetzt verloren haben, wieder kompensieren könnten. Aber das wird wohl nicht gelingen."

Auf dem Bau gab es sogar Zuwächse

Bauen konnte Würth aber weiter auf den Bau, der im ersten Halbjahr um 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zulegte. Und das, obwohl die in diesem Segment so wichtigen Außendienstler, die knapp die Hälfte der Belegschaft weltweit ausmachen, über Wochen und Monate nur eingeschränkt tätig werden konnten.

Der Anteil des Online-Geschäfts wuchs auf 20 Prozent, was die Akzeptanz insgesamt aber erhöht habe. "Unser Außendienst hat mehr als in der Vergangenheit verstanden, dass das E-Business kein Gegner ist, sondern eine notwendige Ergänzung des Geschäftsmodells", so Friedmann.

Corona befördert die Dynamik im Unternehmen

Die Digitalisierung kommt auch sonst im Unternehmen voran. Die jährliche Planungskonferenz, wo jeden Herbst um die Tausend Würth-Verantwortliche aus aller Welt nach Künzelsau kommen, findet dieses Jahr virtuell statt. "Das werden wir wohl nicht dauerhaft so machen", vermutet Friedmann, "aber es zeigt auch, dass Corona einen positiven Effekt auf die Dynamik im Unternehmen hat."

Ein weiterer Effekt: Die durch Corona ausgelösten Sparanstrengungen zeigten Wirkung, allerdings erst im Juni, so dass sich das noch wenig in den Geschäftszahlen niederschlägt. "Der Konzern ist ein Tanker. Jede Kursänderung braucht seine Zeit", sagt Friedmann. Doch auch das werde im zweiten Halbjahr positiv wirken, deshalb sei er nicht pessimistisch, was die Erwartungen für das Gesamtjahr angeht. Seine Wunschvorstellung sei sogar, dass der Umsatz am Ende auf Vorjahresniveau liegt, also in etwa bei 14,3 Millarden Euro.

 

Gründung vor genau 75 Jahren

Die ersten Schraubenlieferungen wurden mit einem geliehenen Ochsenkarren transportiert: Am 16. Juli 1945 ließ Adolf Würth seine Schraubengroßhandlung ins Handelsregister Künzelsau eintragen. Die Würth-Gruppe kann damit an diesem Donnerstag auf ihr 75-jähriges Bestehen zurückblicken. Die Feiern dazu werden wegen der Corona-Krise allerdings ebenso wenig stattfinden wie die zum 85. Geburtstag von Reinhold Würth im Mai. "Wenn ich ehrlich bin, dann wissen wir auch nicht, ob und wann wir das nachholen können", erklärt Konzernchef Robert Friedmann nachdenklich.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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