Würth-Geschäft funktioniert auch online

Künzelsau  Wenn die Außendienstler nicht zum Kunden können, läuft der Vertrieb über App und Internet-Shop. So sieht sich der Künzelsauer Konzern strategisch und finanziell gut aufgestellt, trotz jähem Absturz im April.

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Bis Ende März liefen die Geschäfte überraschend gut - obwohl viele Länder wegen der Corona-Pandemie bereits mit Beschränkungen reagiert hatten. Foto: dpa

Die Würth-Gruppe hat im April mit minus 21,7 Prozent den stärksten Umsatzeinbruch in der 75-jährigen Geschichte des Unternehmens erlebt. Doch Konzernchef Robert Friedmann ist bei der Vorstellung der Bilanz gleichzeitig optimistisch: "Die gute Nachricht ist, dass es wohl der Tiefpunkt war."

Gute Zahlen in einer Zeit, als der Shutdown schon begann

Der Einbruch kam plötzlich. Denn bis Ende März liefen die Geschäfte überraschend gut. Nachdem im Vorjahr zwar der Gewinn um knapp zwölf Prozent zurückging, das Unternehmen aber ansonsten weiter wuchs, setzte sich diese Entwicklung im ersten Quartal unvermindert fort. Plus 2,8 Prozent Umsatzwachstum und das Ergebnis zehn Prozent unter dem des Vorjahrs. Das sind gute Zahlen für einen Zeitraum, in dem viele Länder bereits mit Beschränkungen auf die Corona-Pandemie reagierten.

Hälfte der Mitarbeiter im Homeoffice

Nun befinden sich knapp 21.000 Mitarbeiter des Schrauben- und Handwerkerbedarfshändlers in Kurzarbeit, dazu fast 40.000 im Homeoffice. Doch gleichzeitig seien noch 93 Prozent und damit fast alle Niederlassungen weltweit geöffnet. Dem Unternehmen steht allerdings - wie vielen anderen - ein Wandel bevor. "Die Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, zu nutzen, ist das Gebot der Stunde", sagt Friedmann.

Würth wurde nicht unvorbereitet getroffen. Das Geschäft verlagerte sich bereits zu einem Gutteil auf den Online-Kanal. Im März stieg der E-Business-Umsatz der Leitgesellschaft Adolf Würth GmbH & Co KG (AWKG) um 27 Prozent an. Auch den Niederlassungen komme in Zukunft eine größere Bedeutung zu.

Wichtiges Signal an die Außendienstler

Doch Friedmann bemühte sich auch, das Signal an seine Außendienstler zu senden, dass sie weiterhin "der bedeutendste Vertriebskanal" blieben - auch nach Corona. Die Männer und Frauen vor Ort werden statt zwei Drittel des Geschäfts künftig aber wohl nur noch die Hälfte erwirtschaften.

Friedmann: "Kein Klumpenrisiko"

Ein Vorteil in der Krise ist die internationale, dezentrale Aufstellung des Würth-Konzerns mit seinen 400 Einzelgesellschaften, ebenso die Diversifikation. "Wir haben kein Klumpenrisiko", sagt Friedmann. Zudem hat sich angesichts steigender Einkaufspreise auch die Strategie, etwa bei Akkuwerkzeugen selbst in die Produktion einzusteigen, als richtig erwiesen.

In den vergangenen zehn Jahren investierte Würth mehr als vier Milliarden Euro in Wachstum, Infrastruktur und Logistik. Laufende Projekte würden jetzt nicht gestoppt, doch bei langfristig geplanten erst einmal abgewartet. Der Konzern will handlungsfähig bleiben, was mit rund einer Milliarde Euro an liquiden Mitteln möglich sei, wie Finanzchef Joachim Kaltmaier erläutert.

"Die Familie ist sehr sparsam"

Auch das Eigenkapital legte zu. Je nach Berechnung verblieben 65 bis 75 Prozent des Gewinns von 2019 im Unternehmen und gingen nicht an die Eigentümer. "Die Familie ist sehr sparsam", betont Kaltmaier.

Kein Absturz am Bau erwartet

Am Bau, wo Würth mit Befestigungstechnik und Werkzeugen besonders stark vertreten ist, erwartet Friedmann keinen Absturz. Wenn es auch weniger Neubauten gebe, so blieben die vielen Umbauaktivitäten auf einem hohen Niveau.

Friedmann sagt auch: "Angst ist kein guter Begleiter in der Krise." Er glaubt an die Kraft der Kommunkation. Zu den guten Nachrichten zählt er auch diese: Auf der B19 Richtung Künzelsau gibt es wieder Stau. Ein wenig Normalität kehre da zurück.

Mitarbeiterzuwachs in Hohenlohe

Im Konzern gibt es bislang 83 Erkrankungen an Covid-19 - auch das ein guter Wert für ein Unternehmen mit inzwischen mehr als 79.000 Mitarbeitern. Denn im ersten Quartal stieg auch diese Kennzahl noch einmal um 0,7 Prozent. Im vergangenen Jahr ist übrigens allein in Hohenlohe rund um den Stammsitz Künzelsau die Mitarbeiterzahl um 450 auf 16.100 gestiegen.

 


Kommentar: Schnelle Veränderung setzt Außendienstler unter Druck

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Am Ende kommt ein international agierender Konzern wie Würth natürlich nicht ungeschoren durch die Krise. Zumal der Schraubenhändler auch in Branchen wie der Automobilindustrie aktiv ist, die stärker von der Rezession betroffen sind als das klassische Baugeschäft. Abrupt brach im April ein Fünftel des Umsatzes weg.

Bis dahin sah es aber fast unglaublich gut aus. Beachtlich, dass ein Geschäftsmodell, das traditionell auf dem persönlichen Kundenkontakt beruht, auch ohne persönliche Ansprache so gut funktioniert. Die Online-Vertriebskanäle über Shop und App waren schon so weit, dass sie von vielen Kunden sofort und bereitwillig genutzt wurden. Wer je das Gefühl hatte, dass die zum Großkonzern gewachsene Firma 75 Jahre nach ihrer Gründung schwerfällig geworden ist, der wurde jetzt eines Besseren belehrt.

Solche Veränderungen und vor allem die Geschwindigkeit, mit denen sie stattfinden, werden allerdings Folgen für die Außendienst-Mitarbeiter haben. In der ersten Phase wurden die Umsätze, die auf die anderen Vertriebskanäle abgewandert sind, weiter den Verkäufern gutgeschrieben. Doch auf Dauer wird das kaum möglich sein. Verlierer wird es auf jeden Fall geben.

Auch sie müssen nun darauf hoffen, dass sich ihr Unternehmen weiterhin so gut schlägt wie in den ersten Monaten der Corona-Krise. Zum einen wird es dann ganz automatisch auch Gewinner geben. Zum anderen hat das Management dann zumindest die Möglichkeit, die Motivation der Verkäufer im Außendienst hochzuhalten. Denn von ihnen hängt weiterhin ein großer Teil des Würth-Erfolgs ab.


Christian Gleichauf

Christian Gleichauf

Chefkorrespondent Wirtschaft

Christian Gleichauf schreibt über Menschen, Unternehmen und wirtschaftliche Entwicklungen in der Region Heilbronn-Franken. Seit dem Jahr 2000 ist der gebürtige Südbadener bei der Heilbronner Stimme.

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