Würth'ler bestimmen mit

Künzelsau  Am Montag ist Betriebsversammlung bei Würth. Ein Betriebsrat wird dem Unternehmen gut tun - wenn die Mitarbeiter die richtigen Vertreter wählen. Ein Kommentar von Manfred Stockburger.

Von Manfred Stockburger

Am Montag beginnt bei Würth eine neue Ära der Mitbestimmung. Zwar gab es schon länger in verschiedenen Würth-Gesellschaften Betriebsräte, nicht aber im Künzelsauer Stammhaus Adolf Würth KG − kurz AWKG. Mit rund 7500 Beschäftigten und zwei Milliarden Euro Umsatz ist sie nicht nur das größte Einzelunternehmern der Gruppe. Sie ist die Herzkammer − und engstens verwoben mit der Konzernspitze.

Bislang gab es dort mit dem Vertrauensrat ein Hilfskonstrukt, das die Belange der Belegschaft vertreten sollte. Das gelang mal mehr und mal weniger gut. Was Bezahlung und Sozialleistungen angeht, sind die Würth'ler beispielsweise gut gestellt. Aber wenn es hart auf hart kommt? Dann ist der Vertrauensrat ein zahnloser Tiger − weil ihm die Rechte fehlen, die das Betriebsverfassungsgesetz echten Betriebsräten zubilligt.

An diesem Punkt haben die Initiatoren mit ihrer Kritik Recht. Daran ändert auch nichts, dass das Unternehmen gerne darauf verweist, dass man die Bezahlung ja freiwillig an den IG-Metall-Tarif anlehne, der Großhandelstarif läge deutlich niedriger. Im Gegenteil: Gerade durch diese implizite Drohung wird deutlich, wie bei Würth gemanagt wird: gerne mit Zuckerbrot, die Peitsche ist aber selten weit weg.

Zentrale Figur in der Betriebsrats-Saga

Auch beim Umgang mit der ganzen Betriebsratsgeschichte schimmerte diese Haltung immer wieder durch. Ob es wirklich eine gute Idee war, den Dienstwagen von Daniel Hurlebaus abschleppen zu lassen, nachdem er offenbar fälschlicherweise angegeben hatte, mit seinem Anwalt mitgefahren zu sein? Die Genugtuung, einem unbequemen Mitarbeiter eins ausgewischt zu haben, ist kein geeigneter Grund. Ihm hat sie aber die Möglichkeit verschafft, sich einmal mehr als Opfer zu positionieren.

Auch wenn er bei der Betriebsversammlung am Montag durch die zumindest aktuell rechtswirksame Kündigung keine Rolle spielen wird, ist Hurlebaus die zentrale Figur in der Betriebsrats-Saga: Er hat den Prozess ins Rollen gebracht, ohne ihn hätten die verbliebenen Mitglieder der Initiative keine Chance gehabt. Allerdings ist Hurlebaus weder unpolitisch noch ideologiefrei, wie er immer wieder behauptet hat − das lässt sich vom Schatzmeister des AfD-Kreisverbands Ortenau, zu dem auch der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen gehört, kaum sagen.

Es ist natürlich richtig, dass viele Gewerkschafter bei der SPD oder der Linken aktiv sind. Sie machen aber kein Geheimnis daraus. Dass hinter der Initiative mehr steckt als ein paar stolze Würth"ler, macht auch der Grund für die erste von zwei fristlosen Kündigungen deutlich, die Hurlebaus kassiert hat: Mails, die er unterzeichnet hatte, waren unsichtbar mit einem Server der AfD-nahen Gewerkschaft Zentrum Automobil verbunden. Er habe diese Mails nicht versendet, lautet seine Verteidigung. Auch andere Mitglieder der Gruppe hätten Zugriff auf die E-Mail-Adresse.

Seltsam ist auch, dass Hurlebaus bei Würth in Künzelsau zunächst als Johannes unterwegs war, bei der AfD in der Ortenau als Daniel. Erst im Lauf der Zeit hat sich in seinen Würth-Mails der Vorname Daniel durchgesetzt − dafür ging es in den Videos immer weniger um die Arbeitnehmervertretung und mehr um seine persönliche Situation. Die erste Kündigung, die vergangene Woche beim Arbeitsgericht verhandelt wurde, stammt schließlich schon aus dem Sommer 2018.

Kandidaten genau unter die Lupe nehmen

So oder so: Der Betriebsrat kommt, mit der Wahl des Wahlvorstands am Montag werden die ersten Weichen gestellt. Das ist auch gut so − nicht zuletzt angesichts des Generationswechsels, der im Konzern vorbereitet wird. Damit werden die Karten neu gemischt. Gerade deswegen sollten die Mitarbeiter der AWKG die Kandidaten für den Wahlvorstand und erst recht für den Betriebsrat genau unter die Lupe nehmen. Zu viel Nähe zum Management ist ebenso problematisch wie ein zu großer Abstand zur Würth-Kultur.

 

 

 


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