Eine Firma, fast so groß wie das Dorf

Blaufelden  Bosch Tiernahrung liefert von Wiesenbach aus Trockenfutter für Hunde und Katzen in 45 Länder. Das Unternehmen hat mit dem Ende der BSE-Krise einen steilen Aufstieg genommen.

Von Heiko Fritze
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Vorne Bosch Tiernahrung, dahinter Wiesenbach: Das Werk prägt den Ort. 550 Menschen arbeiten hier. Foto: Bosch

Selbst wenn man es nicht wüsste - spätestens wenn Mittagspause ist, dürfte jeder erahnen, was in den großen blau-grauen Hallen am Rande des Dörfchens Wiesenbach hergestellt wird. Dann nämlich haben die Mitarbeiter Pause - und auffällig viele kommen mit ihrem Hund vors Werkstor, drehen eine Runde über Wiesen und Äcker.

Wenn der Hund dann brav gehorcht, gibt es Leckerli aus der Jackentasche. Vermutlich aus eigener Produktion - denn in Wiesenbach ist die Firma Bosch Tiernahrung ansässig.

Der Snackbereich boomt

200.000 Tonnen Trockenfutter werden hier pro Jahr produziert, fast ausschließlich für Hunde und Katzen. Für dieses Jahr erwartet Geschäftsführer Gerd Kastler ein Plus von 2,5 bis 2,7 Prozent. Vor allem der Snackbereich boomt, berichtet der kaufmännische Leiter. Beim Export, der momentan noch 30 Prozent Umsatzanteil hat, werde vor allem Asien immer bedeutender. "Wir sehen dort, dass der Wohlstand zunimmt - und damit auch die Zahl der Haustiere", erzählt er. Außerdem hätten deutsche Produkte dort einen guten Namen - auch bei Tiernahrung.

Dabei stand am Anfang eine andere Zielgruppe: Als Kurt Bosch sein Unternehmen 1960 gründete, produzierte er Fertig- und Mineralfutter, Vitaminkonzentrate und Milchaustauscher - für landwirtschaftliche Nutztiere. "Unsere Kunden saßen in etwa 30 Kilometer Umkreis", erinnert sich Kastler. Heimtiernahrung kam erst 1984 ins Sortiment. Dann folgte die BSE-Krise: Als sich herausstellte, dass es bis dahin im Produktionsprozess zu Vermischungen von Futter für Pflanzenfresser mit Futter für Fleisch- oder Allesfresser gekommen war, dass also quasi Kühe ihr eigenes Fleisch vorgesetzt bekamen, verfügte der Gesetzgeber eine strikte Trennung: Entweder durfte ein Werk nur noch Futter für Nutztiere herstellen - oder Futter für Haustiere.

Bei Bosch entschieden sich die Gesellschafter damals für die Konzentration auf Heimtiernahrung. Kurt Bosch gab zugleich die Geschäftsführung an die zweite Familiengeneration weiter. Der Firmengründer begleitete aber die Entwicklung weiter und ist erst Anfang Oktober verstorben.

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Trends in der Ernährung

2001 wurden gerade mal 25.000 Tonnen Trockenfutter für Hunde und Katzen hergestellt, erzählt Kastler. "Doch mit dieser Entscheidung fing das große Wachstum an." Eine Werkserweiterung folgte auf die nächste, mal ein Logistikzentrum, mal eine neue Verwaltung. Und weil Wiesenbach, Teilort von Blaufelden, bislang nur über eine holprige Landstraße zu erreichen war, bauten Landkreis und Land vor zwei Jahren die Verbindung zur Bundesstraße 290 aus. Schließlich schlägt sich das rasante Wachstum auch in steigendem Lieferverkehr nieder. Und im Werk arbeiten schon 550 Beschäftigte, Tendenz steigend - Wiesenbach hat nur wenig mehr, nämlich 750 Einwohner.

Nicht der Lebensmittel-Einzelhandel, sondern Fachhändler mit Beratungsangebot sind die Hauptkunden von Bosch in Deutschland. Die Produkte sind daher in Tierbedarfs-, Bau- und Gartenmärkten anzutreffen, erklärt Kastler. Das Sortiment folge den Trends in der Ernährung: hin zu gesünderem Essen, bewussterer Ernährung, kleineren Snacks statt üppiger Mahlzeiten. Beim Menschen - und bei seinem Haustier. So gibt es bei den Wiesenbachern nun glutenfreies Futter, Produkte ohne Getreide oder mit garantiert nur einer Fleischsorte, im Premiumsegment auch Artikel mit Kochbanane, Kürbis, Amaranth, Beeren, Chicoree oder Yucca. "Normalerweise muss man alle vier Jahre sein Sortiment überarbeiten", berichtet Marketingmanager Steffen Dill. "Inzwischen ist dies alle zwei Jahre nötig, um auf die aktuellen Trends reagieren zu können." Denn der Markt verlangt genau dies - für das eigene Tier nur das Beste.

Tier als Kind-Ersatz

"Ein bisschen ist dies auch eine Vermenschlichung", räumt Gerd Kastler ein. "Viele Halter sehen das Tier als Partner, manchmal sogar als Kind-Ersatz." Als die Gesundheits-Welle bei Tiernahrung seinerzeit aus den USA herüberschwappte, sei das anfangs noch belächelt worden - heute sind bei Bosch 60 Prozent der Produkte glutenfrei. "Man muss immer betrachten, was der Mensch selber konsumiert", erklärt der Geschäftsführer. "Daraus leitet er dann die Ernährung seines Tieres ab." Ohnehin muss der Hersteller alle Standards einhalten, die auch für die Lebensmittelproduktion gelten. "Wir können sehr schnell reagieren", ist Steffen Dill zufrieden. Für die nächsten Jahre sei vor allem bei den Snack-Artikeln weiteres Wachstum zu erwarten.

 

Neue Wirtschaftsstimme erscheint am 27. November

Dieser Text stammt aus der neuen Ausgabe der Wirtschaftsstimme, die am Dienstag, 27. November, erscheint. 

 

 


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