Reinhold Würth wird Österreicher (17.12.08)

Künzelsau/Salzburg - Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Ein Großteil der Managemententscheidungen lässt Reinhold Würth künftig in der Schweiz fällen. Er selbst möchte seine gekränkte Seele als Österreicher wieder auf Vordermann bringen – ohne seinen deutschen Pass abgeben zu müssen. In der Noch-Konzernzentrale in Künzelsau herrscht derweil helle Aufregung. Wohin geht die Reise? Plausible Antworten auf die brennenden Fragen dieser Vorweihnachtszeit hat niemand parat. Kein Wunder – schließlich geht es um Emotionen.

Von Manfred Stockburger


Künzelsau/Salzburg - Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Ein Großteil der Managemententscheidungen lässt Reinhold Würth künftig in der Schweiz fällen. Er selbst möchte seine gekränkte Seele als Österreicher wieder auf Vordermann bringen – ohne seinen deutschen Pass abgeben zu müssen. In der Noch-Konzernzentrale in Künzelsau herrscht derweil helle Aufregung. Wohin geht die Reise? Plausible Antworten auf die brennenden Fragen dieser Vorweihnachtszeit hat niemand parat. Kein Wunder – schließlich geht es um Emotionen.

Das Wort bockig ist fast so Würth-typisch wie Petitesse. Als bockig hat Reinhold Würth einmal den Umgang seines im Juni 2005 neu bestellten Finanzchefs gegenüber den Steuerbehörden charakterisiert. In vorauseilendem Gehorsam hatte der die Betriebsprüfer ausgebremst und sie zur Weißglut gebracht, als sie kurz nach seinem Amtsantritt routinemäßig die Bücher des weit verzweigten Handelskonzerns unter die Lupe nahmen. Irgendwann haben die Finanzbeamten dann offenbar beschlossen, noch genauer hinzuschauen. Sie sind fündig geworden. Die Ergebnisse hat Würth zunächst als Petitessen abgetan.

Hohe Nachzahlungen

Die Folgen sind bekannt: Reinhold Würth, sein in diesem Frühjahr abgelöster Finanzchef und zwei weitere ehemalige Top-Manager sind vorbestraft. 700 Tagessätze zu 5000 Euro, also 3,5 Millionen Euro musste der Schraubenkönig berappen. Dazu Steuernachzahlungen in unbekannter Höhe. Die 55-Millionen-Sonderzahlung für das Künzelsauer Gewerbesteuersäckel lässt die 110 Millionen Euro, die im Frühsommer von gut informierten Kreisen gehandelt worden waren, plausibel erscheinen. Spricht man Würth darauf an, ist er kurz angebunden.

„Damit sind sämtliche Verfahren und offene Fragen abschließend beigelegt“, ließ Würth am 28. Mai ausrichten. Er habe sein Unternehmen „nicht zuletzt vor den belastenden Auswirkungen langjähriger Prozesse und Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit“ schützen wollen, erklärte er damals. Das ist nobel und rational – immerhin musste der „ordentliche Kaufmann“ seine weiße Weste dafür dreingeben.

Bockig

Alles vorbei? Von wegen. Jetzt zeigt sich der 73-Jährige selbst von seiner bockigen Seite. Im „Focus“ drohte er, in seiner Ehre gekränkt, unverholen mit dem Ausland. Wenig später machten in Hohenlohe aber schon die ersten Gerüchte die Runde, dass Würth auf dem Absprung sei, was er prompt dementierte: „Festgehalten werden kann, dass Künzelsau der Zentralsitz des deutschen Würth-Konzerns ist und bleibt.“ Zugleich gab die Firma die Erweiterung des Hotels Anne-Sophie in Künzelsau bekannt.

Einige Wochen später folgte die Ankündigung, dass die Konzernzentrale in Künzelsau zwar nicht architektonisch spektakulär, aber immerhin doch für elf Millionen Euro erweitert werden sollte. In Rorschach – das Bauprojekt in der Schweiz wurde zeitgleich öffentlich gemacht – sollten, das betonte Konzernchef Robert Friedmann damals ausdrücklich, lediglich Funktionen der Schweizer Würth-Landesgesellschaften zusammengefasst werden.

Immer wieder gab es Gerüchte über einen Umzug der Konzernzentrale in die Schweiz und der Familie nach Österreich. Immer stiller wurde es zugleich um das in Künzelsau geplante Kultur- und Kongresszentrum. Immer wieder folgten aus der Konzernzentrale Beschwichtigungen und Ausflüchte. Und Verweise auf die Erbschaftssteuer.

Vergangene Woche ließ der Vorsitzende der Bürgerinitiative Pro Region dann die erste Bombe platzen – allerdings erst, nachdem er die Frage als unziemlich zurückgewiesen hatte: „Jetzt kennen wir uns doch schon so lange, und dann stellen Sie solche Fragen“, ließ er ausrichten. Die Antworten musste nämlich Konzernchef Friedmann überbringen, der die Verlagerung des Auslandskonzern-Sitzes in die Schweiz bekanntgab. Die Frage nach dem Wohnsitz von Würth blieb offen.

Die Wiener Sängerknaben („Weihnachten in Wien“) zieht Reinhold Würth als Kronzeugen seiner Zuneigung zur Alpenrepublik heran. Ihnen habe er dieser Tage gelauscht. „Da bin ich Ehrenmitglied.“ Schon im Frühjahr hatte er sich in der Festspielstadt Salzburg ein fürstliches Anwesen gekauft.

Rechtzeitig zu Weihnachten wird Reinhold Würth aber wieder in seinem Schloss Hermersberg sein. Ganz hat ihn seine Hohenloher Heimat eben doch nicht losgelassen.



Bettina Würths Schweizer Pass

Reinhold Würths Tochter Bettina Würth, die Beiratsvorsitzende des Künzelsauer Würth-Konzerns, hat schon seit Jahren einen Doppelpass – allerdings unter anderen Voraussetzungen. Bettina Würth hat längere Zeit für das Familienunternehmen in der Schweiz, genauer gesagt in Chur im Kanton Graubünden, gearbeitet. Außerdem ist die 47-Jährige mit einem Schweizer Hotelier verheiratet und hat deswegen einen eidgenössischen Pass. Ihren Hauptwohnsitz hat Bettina Würth mit ihrer Familie dennoch in Deutschland.



Hintergrund: Doppelte Staatsbürgerschaft

Grundsätzlich ist es in Deutschland nicht möglich, eingebürgert zu werden, ohne die bisherige Staatsbürgerschaft aufzugeben. Aber in bestimmten Situationen erlaubt das deutsche Staatsangehörigkeitrecht, dass jemand neben der deutschen noch eine weitere Staatsangehörigkeit besitzt: Dazu gehören etwa Kinder mit einem deutschen und einem ausländischen Elternteil oder Spätaussiedler und ihre Familienangehörigen.

Auch für EU-Bürger gelten besondere Regeln. Deutsche Staatsangehörige, die eine Staatsbürgerschaft in EU-Staaten oder in der Schweiz erwerben, können auch ihren deutschen Pass behalten. Umgekehrt gilt: Staatsangehörige von EU-Staaten und der Schweiz können eingebürgert werden, ohne ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufzugeben. Auch die Verleihung einer Ehrenstaatsbürgerschaft kann zur mehrfachen Staatsbürgerschaft führen.

Personen mit mehreren Staatsbürgerschaften haben dieselben Rechte und Pflichten wie jeder Bürger. Wie viele deutsche Mehrstaater es gibt, ist laut Bundesinnenministerium nicht bekannt: Sie werden in Deutschland ausschließlich als Deutsche behandelt.