Hercules auf 516 Rädern

Pfedelbach - So elegant und souverän sich ein U-Boot in seinem Element Wasser bewegt, so unbeweglich und zerbrechlich wirkt es, wenn es an Land gehoben wird. Um die mehrere Millionen teuren Boote so behutsam wie möglich zu ihrem Liegeplatz zu transportieren, setzt eine australische Werft auf das Know-how des Pfedelbacher Spezialfahrzeugherstellers Scheuerle.


Pfedelbach - AMC steht für Australian Marine Complex – eine der modernsten Werftanlagen der Welt in der Nähe des westaustralischen Perth. Die neu gebaute Anlage wird als künftiges Reparatur- und Servicezentrum Anlaufstelle für die U-Boot Flotte  und die Schiffe der australischen Seestreitkräfte sein. Bis zu 3100 Tonnen schwere Unterwasserfahrzeuge müssen dort regelmäßig gewartet werden. Gleichzeitig wird die technische Ausstattung der Schiffe immer wieder auf den neuesten Stand gebracht. Für diese Arbeiten müssen die U-Boote an Land transportiert werden.

Kein einfaches Unterfangen, angesichts der gewaltigen Ausmaße der über 80 Meter langen Boote. Eine besondere Herausforderung stellt der Transport von der Schiffshebeanlage zur Werfthalle dar. Der im Wasser stabile Schiffskörper muss an Land wie ein rohes Ei behandelt werden: Keinerlei Belastungen dürfen während des Transports auf die Bootshülle einwirken. Für diese anspruchsvolle Aufgabe haben die Verantwortlichen auf das Know-how des Pfedelbacher Spezialfahrzeugherstellers Scheuerle gesetzt.

1.428 PS für 3200 Tonnen Ladung

Bei der Spezialanfertigung handelt sich um selbst fahrende Modultransporter (SPMTs). Die insgesamt 24 Fahrzeugeinheiten werden hintereinander gekuppelt. Am letzten Fahrzeug des jeweiligen Verbundes wird dann die sogennante Power Pack Unit (PPU) angekuppelt. Diese beherbergt den Energielieferant, einen Daimler-Dieselmotor der Baureihe OM 502 LA mit einer Leistung bis zu 350 kW bzw. 476 PS. Die drei PPUs müssen gemeinsam 1.428 PS mobilisieren, um den Koloss von insgesamt mehr als 3200 Tonnen in Bewegung zu setzen. Die Dieselmotoren treiben Hydraulikpumpen an, die Drucköl für den Fahrantrieb, die Lenkung und das Heben und Senken der Fahrzeugplattform erzeugen.

Die Lenkung des Fahrzeugverbundes erfolgt ebenfalls hydraulisch. Jeder Radsatz muss seinen korrekten Lenkwinkel einnehmen, um eines der vom Transportführer vorgewählten Fahrprogramme ausführen zu können. So ist bereits bei einer einfachen Kurvenfahrt der Bordcomputer gefordert, jedem einzelnen der insgesamt 258 Pendelachsradsätze den berechneten Einschlagwinkel zuzuweisen und diesen auch zu kontrollieren. Da die Lenkbewegungen laufend verändert werden, läuft der Rechen- und Kontrollprozess im Millisekundenbereich ab. Vorgegebene Lenkprogramme wie Schrägfahrt bei der der Transportverbund schräg zur Längsachse gefahren wird, erleichtern dem Transportführer auch solche Kolosse wie ein 3100 Tonnen schweres und über 80 Meter langes U-Boot auf dem Werftgelände zu bewegen.

Besondere Herausforderung

Ob U-Boot-Transporte in Australien, Industrieanlagen in Alaska oder historische Kirchengebäude in Europa: In vielen tausend Einsätzen haben diese Fahrzeuge ihr Können und ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt. „Unsere SPMTs haben bereits in vielen Werften in Europa schon U-Boote und Schiffe transportiert. Dass diese Technologie auch für die „Collins Class Submarines“ der Australischen Navy angewandt werden kann, war unsere Botschaft mit der wir zu den Vertragsverhandlungen nach Australien gereist sind“, erläutert Andreas Kohler, stellvertretender Geschäftsführer bei Scheuerle.

„Neben der eigentlichen Transportaufgabe war das klimatische Umfeld für uns eine besondere Herausforderung, da die Fahrzeuge ausschließlich direkt am Meer eingesetzt werden und ständig mit Salzwasser in Kontakt kommen. Deshalb verwenden wir neben unserer hochwertigen Verarbeitung, die am besten geeigneten Materialien und Komponenten, die einen dauerhaften und störungsfreien Einsatz im Australian Marine Complex gewährleisten.“