Warum die längste Treppe Waldenburgs so viele Stufen hat

Waldenburg  Die Brunnenstaffel sicherte über Jahrhunderte die Wasserversorgung des Bergstädtchens. Heute dient die romantisch zugewachsene Treppe von der Hohenau hoch ins Städtchen Wanderern und Sportlern.

Von Renate Mutschler-Schüz
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Früher war es ein notwendiger Weg runter zur Brunnenstube, um Wasser zu holen. Heute wird die lange Treppe gerne von Wanderern, Spaziergängern und Fitness-Fans genutzt. Wie viele Stufen es sind?

Fotos: Renate Mutschler-Schüz

Wäre sie des Erzählens mächtig, würde die Welt gespannt die Ohren spitzen. Die längste Treppe Waldenburgs, heute ein Kulturdenkmal besonderer Bedeutung, blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Einst naseweis auf dem Hohenloher Bergsporn angesiedelt, hatte das Städtchen von der ersten Stunde an ein Manko: Auf der Höhe gab es kein Trinkwasser.

So hat sich ein steiler Fußpfad hinunter zur Quelle in der Hohenau an den Osthang des Waldenburger Berges geschmiegt, ein Pfad, der sich durch den regen Gebrauch schnell etablierte und schließlich mit dem Setzen von Sandsteinstufen zur wichtigen Lebensader, zur Brunnenstaffel wurde.

Warum Stufen verschwunden sind

248 Stufen sollen es einst bis zur Brunnenstube gewesen sein. Heute zählt man ein Viertel weniger. Architekt Werner Schumm aus Schwäbisch Hall mutmaßt bei der Frage nach dem Verbleiben der restlichen Stufen: "Bestimmt wurden damals die Schatten der Stufen auch noch mitgezählt."

Bis 1901 in Waldenburg eine eigene Wasserversorgung geschaffen wurde, schleppten Mädchen, junge Frauen, Großmütter, Buben und Männer bei Hitze, Regen und Schnee jeden Liter des kostbaren Gutes in Gölten und Kübeln den Berg hinauf. Gut Betuchte ließen sich das Wasser von Trägerinnen, wie zum Beispiel von der "Wasserkathrine" direkt ins Haus bringen.

Beschwerlich aber unterhaltsam

Eine beschwerliche Arbeit, aber durchaus auch unterhaltsam und kurzweilig. Schließlich war die Brunnenstaffel der Umschlagsplatz für wichtige Neuigkeiten. Hier spielte sich ein Gutteil des Waldenburger Lebens ab. Hier wurde ausgiebig getratscht, besonders bei den steinernen Bänkchen, die gerne zum Verschnaufen genutzt wurden. Nicht umsonst wird bis heute schmunzelnd von der "Lästerallee" gesprochen.

Theo Götz, Jahrgang 1942, hat die Brunnenstaffel fest in seinen Kindheitserinnerungen verankert. Er erzählt von den Jahren nach 1945, als der Krieg Waldenburg zerstört hatte und besonders an sehr heißen Sommertagen die Wasserversorgung versiegte. Er erinnert sich: "Nur ein stricknadeldünner Wasserstrahl floss aus der Leitung". Ausgestattet mit zwei Fünf-Liter-Kannen hieß es dann für den Buben, zur Quelle hinunterzusteigen. Unten angekommen, konnte er sich in Geduld üben: "Kinder hinten", lautete das Statut beim Anstehen vor der Brunnenstube. Er hatte zu warten, bis zunächst die großen Fässer auf den Fuhrwerken gefüllt waren. Beim Weg hinauf habe er sich die Zeit vertrieben und die Stufen rückwärts gezählt. Oben angekommen, begrüßten auf dem Geländer Purzelbaum schlagende Jungs den kleinen Wasserträger und legten es übermütig darauf an: "Ich bekam plötzlich einen Schubs und meine Kannen waren leer und ich war pudelnass". Es blieb keine andere Wahl, als auf der Stelle umzukehren: "Ohne Wasser heimzukommen war nicht drin".

Verbindungen

Einer unmittelbaren Hohenauer Anwohnerin dient heute die Brunnenstaffel als Verbindung hinauf ins Städtchen für allerlei Besorgungen. Begleitet wird sie von ihrer fast zweijährigen Tochter, die inzwischen schon zwei Drittel der Stufen alleine schafft. In ihrem Alltag hat die junge Frau die Treppe genau im Blick und sie weiß: "Die Brunnenstaffel wird öfters benutzt als allgemein vermutet". Tagestouristen kämen herunter, Kindergartengruppen stapften hinauf, aber auch Reisende, die den Weg zum oder vom Bahnhof fußläufig nähmen. Besonders originell sei es, wenn Studierende der Sportschule die Treppe als Sportgerät für Kraft- und Ausdauertraining nutzten. Gelegentlich würden sogar beachtliche Gewichte die Treppe runter- und wieder raufgeschleppt.

Fachmännisch

Deutlich gezeichnet vom Zahn der Zeit, wurde in diesem Frühjahr fachmännisch Hand angelegt und ein erster Teil der Brunnenstaffel saniert. Mit Schwung begonnen, setzte das Denkmalamt eine Zäsur. Für September sind die abschließenden Arbeiten geplant.

Noch nimmt man im oberen Abschnitt gerne hier und da zwei Stufen auf einmal: charmant haben Brennnessel, Brombeeren und Schöllkraut das Sagen, Weinbergschnecken hinterlassen ihre Spuren und Eidechsen nehmen in der Hitze ein Sonnenbad.

Aber wieviel Stufen führen nun tatsächlich über die längste Treppe Waldenburgs? Das wird nicht verraten. Wie wäre es mit einem Besuch und mit einem heiteren Sommer-Zähl-Spiel?

 

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