Imkern ist das neue Yoga

Hohenlohe  Sich um ein Bienenvolk zu kümmern, hat etwas Entschleunigendes, sagt ein erfahrener Imker. Ein Besuch bei Neu-Imkern zeigt, was die Faszination ausmacht.

Von Andreas Scholz
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Johanna von Hebel (l.) und ihre Mutter Angelika arbeiten an zwei ihrer Bienenkästen auf der Streuobstwiese oberhalb des Grundstücks.

Urban Beekeeping nennt sich ein internationaler Trend. Zu Deutsch: städtisches Imkern. Doch das Hobby mit den Bienen erlebt auch im ländlichen Hohenlohekreis eine Renaissance. Vor dem Hintergrund der Diskussionen um Artenvielfalt und Klimawandel werden auch die Kurse für Neu-Imker nachgefragt, die der Bienenzuchtverein Hohenlohe-Öhringen alle zwei Jahre anbietet.

"Eine Zeitung hat mal getitelt, dass Imkern das neue Yoga ist. Und das nicht zu Unrecht, denn es hat etwas Entschleunigendes, wenn man ein Bienenvolk öffnet und sich um seine Bienen kümmert", untermauert der Vereinsvorsitzende Andreas Grathwohl aus Forchtenberg-Wohlmuthausen. "Nur in diesem Jahr konnte der bereits ausgebuchte Imkerkurs wegen der Corona-Pandemie leider nicht stattfinden", bedauert er.

Wissen beim Neu-Imkerkurs angeeignet

Auch Angelika von Hebel und ihre Tochter Johanna aus Künzelsau haben den Schritt gewagt und erfolgreich an dem letzten Neu-Imkerkurs vor der Corona-Krise teilgenommen. "Ich bin mit meiner Mutter regelmäßig zu den Imkertreffen am Imkerpavillon in Öhringen gefahren. Erfahrene Imker wie Eberhard Knorr und Thomas Fries haben uns im Kurs viel Bienenwissen vermittelt", erklärt die 13-Jährige.

Im Gegensatz zu den anderen Neu-Imkern haben Johanna und ihre Mutter bei den Treffen aber kein eigenes Bienenvolk auf dem ehemaligen Landesgartenschaugelände als "lebendes Lernmaterial" eingesetzt, sondern sahen den anderen über die Schulter. "Wir hatten ja schon eigene Bienenvölker auf der Streuobstwiese oberhalb unseres Grundstücks", erklärt Angelika von Hebel.

Bienenvölker von Nachbarn übernommen

Der Hintergrund: Die Nachbarn der von Hebels hielten jahrelang Bienen auf einer Streuobstwiese oberhalb der Wohnhäuser am Brückenweg. "Da war im Frühling rund um den Kirschbaum immer was los. Als unsere Nachbarn aus Altersgründen die Bienenhaltung aufgeben wollten, reifte irgendwann der Entschluss, die Bienenvölker zu übernehmen", erklärt Angelika von Hebel. Auch ihre Tochter Johanna ist inzwischen eine leidenschaftliche Hobby-Imkerin, die sich gerne der Verantwortung für mehrere Bienenvölker stellt.

"Es ist schon faszinierend, was in einem Bienenstock alles passiert. Das ist eine unglaubliche Teamleistung der Bienen", sagt die aufgeweckte Teenagerin. Zusammen mit ihrer Mutter kaufte sie nach dem erfolgreich bestandenen Imkerkurs neue Bienenkästen und deckte sich anschließend mit weiterem Zubehör wie Imkerschutzanzug, Smoker oder Wabenrähmchen ein.

"Es war ein tolles Erlebnis, im letzten Jahr erstmals den eigenen Honig zu schleudern. Bei uns steht eigentlich jeden Morgen ein Honigglas auf dem Tisch", sagt Johanna gut gelaunt.

Schulklasse zu Besuch an den Bienenkästen

Fünf Bienenvölker halten Mutter und Tochter auf der angrenzenden Streuobstwiese. "Im Sommer sind es rund 60.000 Bienen, im Winter sind es weniger". In ihrer Schule, dem Ganerben-Gymnasisum Künzelsau, kommt ihr neues Hobby gut an. "Meine Schulklasse war schon zweimal an unseren Bienenkästen zu Besuch".

Unterstützt wird Johanna nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von ihrer älteren Schwester Pauline. "Vom Bienenkasten halte ich mich allerdings immer ein bisschen fern, weil ich allergisch auf Bienenstiche reagiere. Ich verarbeite gerne das Wachs und das Propolis und habe beispielsweise auch schon eine Lippencreme hergestellt", sagt die 15-Jährige.

Überall summt und brummt es

Imkern ist das neue Yoga

Die drei Damen mit ihrem eigenen Honig im Glas (v. l.): Johanna, Pauline und Mutter Angelika von Hebel.

Fotos: Andreas Scholz

Auf die Frage, ob ihr Vater beim Thema Honig ausschließlich für das Qualitätsmanagement beim Frühstückstisch zuständig ist, fangen die beiden Teenager zu schmunzeln an. "Unser Papa hilft uns beim Transport. Die vollen Honigwaben in den Bienenkästen können schwer sein und mehrere Kilos wiegen", erklärt Johanna.

"Außerdem kümmert er sich um den Garten und sorgt dafür, dass bei uns bis zum Herbst immer bienenfreundliche Blüten da sind, wenn die große Obstblüte auf der Streuobstwiese längst vorbei ist", wirft ihre Schwester Pauline ein.

Gerne setzen sich Johanna und Pauline jetzt im Frühsommer in den Garten und sehen dem munteren Treiben von Honigbienen, Hummeln und Wildbienen an der Blütenpracht zu. "Im Moment summt und brummt es vor allem an den weißen Salbeiblüten und dem lila Lavendel", freut sich Johanna.

Voraussetzung fürs Imkern

Imkern ist ein schönes Hobby. Das bestätigt auch Andreas Grathwohl vom Bienenzuchtverein Hohenlohe-Öhringen. "Wer von uns weiß, dass vor drei Tagen die Lindenblüte aufgegangen ist? Als Imker nehme ich meine Umgebung mit ganz anderen Augen wahr", bekräftigt der Hobbyimker.

Man erlebe die Natur und das Wetter viel intensiver und beobachte alles aufmerksamer. "Ich persönlich genieße es, meine Holzbeuten selbst zu schreinern, aus dem Bienenwachs Kerzen zu ziehen, eigenes Propolis gegen Erkältungen und Entzündungen herzustellen und natürlich einen leckeren und feincremigen Honig zu produzieren."

Der erfahrene Imker kennt die wichtigsten Voraussetzungen: "Ich sollte ein Interesse an der Natur, Freude im Umgang mit Tieren haben und natürlich auch in Kauf nehmen, dass ich gelegentlich von den Bienen gestochen werde. Genügend Zeit für anfallende Tätigkeiten am Bienenvolk muss ich ebenfalls einkalkulieren", zählt er auf.

Man müsse sich zudem darüber im Klaren sein, dass mit Honig kaum einer reich werde: "Das zeigt schon die verschwindend geringe Zahl an Berufsimkern in Deutschland. Bei uns im Verein gibt es keinen einzigen davon, aber es ist ein wunderbares Hobby", sagt Andreas Grathwohl.

 

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