Frühe Buslinie für Künzelsauer Wohngebiet Taläcker umstritten

Künzelsau  Vorfahrt für die Bergbahn, oder doch nicht? Das Tauziehen zwischen der Stadt Künzelsau und dem Hohenlohekreis zeigt, wie vertrackt die Organisation des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum zuweilen ist.

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Bis Dezember 2019 gab es auch Busverbindungen auf die Höhe.

Wie kompliziert es sein kann, den Nahverkehr im ländlichen Raum gerecht zu organisieren, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Künzelsau. Es geht darum, dass nicht nur Schüler, sondern auch Arbeitnehmer von dem Angebot profitieren - ohne die Kosten oder gesetzlichen Bestimmungen außer Acht zu lassen.

Bürger von den Taläckern hatten sich beschwert, dass seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember die frühe Busverbindung von dem Wohngebiet in die Innenstadt gestrichen wurde. Das ist Fakt. Was dazu geführt hat und wie das Problem nun gelöst werden soll, darüber gibt es zwischen Stadt und Kreis ganz unterschiedliche Ansichten.

Das sagen Bürgermeister und Landrat

Bürgermeister Stefan Neumann erklärt, die Buslinie sei vom Kreis im Zuge der Neuausschreibung des ÖPNV "schlichtweg vergessen worden". Der Kreis argumentiert, die Stadt habe "die weitere Bedienung durch die Buslinien des NVH mit Hinweis auf das Parallelbedienungsverbot untersagt". Worauf Neumann entgegnet, man habe "klar kommuniziert, dass es diese Linie nicht betrifft". Landrat Matthias Neth vermisst jedoch genau diese kommunikative Klarheit, was dazu geführt habe, dass "die Strecke rausgeflogen ist". Das Parallebedienungsverbot ist Teil des Personenbeförderungsgesetzes und schützt "höherrangige" vor "konkurrierenden Verkehrsmitteln". Im Klartext: Bahn schlägt Bus oder wie in diesem Fall: Die Bergbahn hat Vorfahrt.

Der Haken: Die erste Fahrt mit der Bergbahn von den Taläckern nach Künzelsau startet um 6.15 Uhr - was laut dem 2017 fortgeschriebenen Nahverkehrsplan des Kreises völlig ausreichend ist, den Einwohnern aber nichts nützt, die früher an ihre Arbeitsstelle müssen. Als die Bergbahn im Oktober 1999 in Betrieb ging, galt bereits das Parallelbedienungsverbot. Doch der Kreis schaffte in den darauffolgenden Jahren trotzdem eine Busverbindung vor dem Betriebsbeginn der Bergbahn. Und er fuhr vom Kochertal direkt auf die Taläcker, um Schüler zur Freien Schule Anne-Sophie zu bringen. Auf der Linie 5.

Das will die Stadt

Auch das ist nun seit Mitte Dezember nicht mehr möglich, was Eltern und Schülern sauer aufstößt (wir berichteten). Daran will die Stadt nichts ändern. Den Schülern sei "sehr wohl zumutbar, am Busbahnhof aus- und in die Bergbahn umzusteigen", so Neumann. In anderer Richtung sieht es anders aus: Hier stellt die Stadt zum Wohle der Arbeitnehmer den Antrag, die Frühverbindung wieder einzuführen. Abfahrt: 5.40 Uhr Taläcker, Ankunft: 5.50 Uhr Busbahnhof. Organisiert und bezahlt vom Kreis über den NVH - und nicht etwa über den City-Bus oder die Bergbahn, weil dies für die Stadt unwirtschaftlich sei. Zwar würde die zusätzliche Linie den Kreis nur 11.000 Euro im Jahr kosten, doch vielen Kreisräten geht es hier ums Prinzip, wie in der jüngsten Ausschuss-Sitzung deutlich wurde.

Das kritisieren die Kreisräte

Frühe Buslinie für Künzelsauer Wohngebiet Taläcker umstritten
Die Bergbahn fährt seit Oktober 1999 zwischen den Taläckern und der Innenstadt. Fotos: Ralf Reichert/privat

Rainer Züfle (Freie Wähler) ist strikt dagegen. Die Vorgaben des Nahverkehrsplans seien erfüllt, deshalb sieht er nicht ein, "auch nur darüber zu sprechen", von Kreisseite diese "freiwillige Leistung" zu setzen, "obwohl uns die Stadt Künzelsau dieses gesetzlich rechtmäßige Ei ins Nest gelegt hat". Sie müsse das Problem "selber lösen, sonst ist es unmoralisch". CDU-Kreisrat Dieter Pallotta meint: "Ich kann nur davor warnen, einen Mischmasch zu bekommen, was das Parallelbedienungsverbot betrifft." 11.000 Euro seien relativ wenig, "aber gerade wegen einer so kleinen Summe die Einheitlichkeit aufs Spiel zu setzen, halte ich für gefährlich".

Pallotta nennt das Beispiel Bretzfeld und Öhringen, wo Schüler vom Bus in die Stadtbahn und zurück in den Bus müssten, weil das Verbot seit Dezember 2005 auch auf dieser Strecke gelte und immer wieder zu "großem Ärger" geführt habe.

Michael Schenk (FDP) fragt, warum die Stadt nicht die Bergbahn früher fahren lassen könne, Ute Oettinger-Griese (FDP) versteht nicht, wieso der City-Bus "keinen Schlenker über die Taläcker" nehmen könne, und Irmgard Kircher-Wieland (SPD) ist der Meinung, das "Erfolgsmodell Bergbahn" müsse "adäquat ausgebaut werden". Auch in anderen Teilen des Kreises könnten "tausende Arbeitnehmer" nicht auf einen NVH-Bus zurückgreifen, um zum Schichtbeginn hin- oder nach dem Schichtende heimzukommen.

Bürgermeister Stefan Neumann, der für die CDU im Kreistag sitzt, betont: "Der NVH ist nicht nur für die Schüler da; Arbeitnehmer sind strukturell benachteiligt." Gemessen an den 11.000 Euro, die der Kreis jährlich zu zahlen hätte, sei der finanzielle Aufwand für die Stadt um ein Vielfaches höher, wenn die Frühverbindung über die Bergbahn oder den City-Bus liefe. Dann wird Neumann richtig ungehalten: "Man kann nicht immer Juhu schreien über die Gewerbesteuereinnahmen und dann schreien, die Stadt Künzelsau müsse alles tragen, wenn es um Arbeitnehmer geht."

 

Wie geht es weiter?

Noch ist nichts entschieden. Der Kreistags-Ausschuss hat mit 14 Ja- und sieben Nein-Stimmen nur beschlossen, dass die Verwaltung beauftragt wird, mit der Stadt Künzelsau über die beantragte Frühverbindung zu verhandeln. Landrat Matthias Neth sagt: "Wir müssen irgendeine Verbindung hinbekommen. Das schreit nach einem Deal." Es handele sich um einen "Sonderfall". Das Parallbedienungsverbot sei zwar "de jure" bindend. "Aber um die Uhrzeit fährt die Bergbahn halt nicht."

Neth weiß, dass dieses Verbot ein Politikum ist. Etwa in Bretzfeld: "Ich bekomme jedes Jahr Briefe von Eltern, die sich beschweren, dass ihre Kinder vom Bus in die Stadtbahn und in den Bus umsteigen müssen." Und er betont: "Sollte die Kochertalbahn reaktiviert werden, dürften auch dort keine Busse mehr fahren."


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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