Auf der Suche nach Mai-Wanderern

Hohenlohe  Weil sich die Menschen an Corona-Beschränkungen halten, sieht der Tag der Arbeit anders aus als sonst. Der Hohenlohekreis ist fast menschenleer, nur vereinzelt sind Spaziergänger anzutreffen.

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Ab und zu blitzt am Morgen die Sonne durch die Wolken, ein kühler Wind weht. Eigentlich ist dieses Vormittagswetter gar nicht so übel für eine kleine 1. Mai-Wanderung.

Aber dennoch sind in Hohenlohe weit und breit keine Mai-Wanderer zu entdecken: Die Straßen sind leer, Weinberge wirken verlassen, der Neumühlsee ist abgesperrt - und auf den Wanderwegen laufen nur vereinzelt Menschen, die ihren täglichen Spaziergang machen.

Nicht gesucht, aber gefunden: privates Maibäumlein in Morsbach.

Foto: privat

Hohenloher halten sich an die Regeln

Doch was auf den ersten Blick wie ein Maientag-Armutszeugnis wirkt, stellt den Hohenlohern in Wahrheit ein gutes Zeugnis aus. Die allermeisten Menschen halten sich augenscheinlich auch am traditionellen Feier-, Bier- und Bollerwagentag an die Corona-Beschränkungen: selbst im Öhringer Zentrum sind die Gassen leer, lediglich ein Kind springt um ein plätscherndes Wasserspiel herum. Auf dem Marktplatz steht einsam der Zunftbaum. Ein Mann sitzt wie verloren auf der Parkbank davor, als würde er darauf warten, dass endlich etwas passiert.

Auf der Suche nach Mai-Wanderern

Normalerweise fahren am 1.?Mai mehr Menschen auf der Kutsche von Dieter Busch (rechts) und Hans Jäger mit. Diesmal sind sie wegen der Corona nur zu zweit.

Allein in den Weinbergen

Aber vielleicht ist das ja nur in der Stadt so. Also hinaus in die Natur! An den Weinbergen bei Michelbach winden sich die Wege mühsam gen Himmel, aber es sind dort mehr Schafe als Menschen unterwegs. Aber plötzlich bewegt sich da dann doch etwas zwischen den Reben, ganz oben auf einem der Pfade. Die Wanderer-Sucherin frohlockt: eine Kutsche. Mit Menschen.

Es sind Hans Jäger und Dieter Busch, die dann doch einen kleinen Mai-Ausflug unternehmen: "Eigentlich machen wir am 1. Mai richtige Fahrten, mit Planwagen", erzählt der 68-jährige Busch.Dann könnten natürlich mehr Menschen mitfahren, manche würden noch ein Viertele Wein in Harsberg trinken - ehe es wieder nach Hause gehe.

Auch ohne Planwagen hätten auf ihrer Kutsche locker noch bis zu vier Menschen mehr Platz: "Aber jetzt geht das natürlich nicht, der 1,5-Meter-Abstand lässt sich hier nicht einhalten", sagt der 74-jährige Hans Jäger und lacht. Beide sind sich einig, dass es bemerkenswert ist, dass keine Menschen unterwegs sind. "Normalerweise gibt es hier auch viele Wanderer mit Wägele, aber heute haben wir noch niemanden getroffen."

Auf der Suche nach Mai-Wanderern

Gegen den Lagerkoller: Familie Kößer macht einen Ausflug ins Grüne.

Der Neumühlsee war gesperrt

Ein klein wenig Bewegung herrscht immerhin um den Neumühlsee herum. Neben Anglern flanieren vielleicht zehn vereinzelte Spaziergänger. Annalena Kößer ist hier mit ihren Eltern Matthias und Anke unterwegs, obwohl auch sie nicht zu den traditionellen Mai-Wanderern gezählt werden wollen. "Wir sind mit dem Auto hergefahren, um einmal etwas anderes zu sehen und dem Lagerkoller zu entkommen", erzählt Annalena Kößer.

Dass deutlich weniger los ist als sonst an einem 1. Mai sei bedrückend, aber man habe andererseits mehr Platz, sagt ihr Vater. Die Familie wolle an den Goldbachsee laufen und einen Moorsee besuchen, der ganz schwarzes Wasser habe.

Von Mai-Wanderern keine Spur

Selbst der beliebte Radweg am Kocher und der Wertwiesenpark bei Künzelsau sind beinahe menschenleer. Von Mai-Wanderern auch hier keine Spur, dafür nutzen ein paar Menschen das noch angenehme Wetter vor dem großen Regen, um spazieren zu gehen. Karl und Helene Ott merken die Corona-Krise hauptsächlich daran, dass Möglichkeiten zum Einkehren fehlen: "Man kann sich nirgends hinsetzen. Der Biergarten hier am Wertwiesenpark wäre schon seit Wochen voll", bedauert der 84-Jährige. Als sich jedoch wenig später die Schleusen des Himmels öffnen - dann wird es endgültig ganz leer auf den Wegen.

Keine größeren Verstöße gegen Corona-Regeln

Die befürchteten Verstöße gegen die Corona-Verordnung sind in Hohenlohe sowohl in der Walpurgisnacht als auch am gestrigen 1. Mai weitgehend ausgeblieben: Laut Polizei kam es nur zu einzelnen kleineren Zuwiderhandlungen. Landrat Neth hatte im Vorfeld an die Hohenloher appelliert, Abstandsregeln einzuhalten und Ausflüge nur zu zweit zu unternehmen. Die Polizei berichtet nun: "Es war sehr ruhig. Offensichtlich sind die Menschen eher daheim geblieben, auch weil das Wetter nicht allzu gut war." Größere Gruppierungen oder Partys habe es im Landkreis nicht gegeben.

 

kom_heffter

Annika Heffter

Autorin

Annika Heffter arbeitet seit 2018 bei der Heilbronner Stimme und ist seit 2020 Redakteurin im Stadtkreisressort.

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