Wie geht es ab Freitag in Künzelsau im Notfall weiter?

Hohenlohe  Die kontroverse Debatte im Kreistag des Hohenlohekreises zeigt: Auch wenn die Klinik-Ambulanz in Künzelsau am 15. November schließt, bleibt die Notfall-Versorgung breit gefächert.

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Wie geht es ab Freitag in Künzelsau im Notfall weiter?

Das Krankenhaus in Künzelsau schließt am 15. November − und damit auch die Notfall-Ambulanz, die bis dato rund um die Uhr erreichbar war. Der Kreis will diese Versorgungslücke kompensieren.

Foto: Archiv/Mugler

Was passiert im medizinischen Notfall, wenn das Krankenhaus in Künzelsau am 15. November schließt? Diese Frage umtreibt die Bürger am meisten. Viele befürchten, dass eine qualitativ gute Versorgung rund um die Uhr dann nicht mehr gewährleistet sein wird. Was sind die Fakten? Was sind nur Meinungen? Was will der Kreis ausgeben? Für was ist er überhaupt zuständig?

Und sind weitere Fachärzte in Künzelsau überhaupt nötig, die mit einem zusätzlichen Sitzdienst Bereitschaftslücken in der Nacht und an Wochenenden schließen sollen, oder schlichtweg herausgeschmissenes Geld?

Notfallversorgung komplex und breit gefächert

All diese Fragen lagen bei der jüngsten Sitzung des Kreistags in der Luft, als der aktuelle Stand in Sachen ambulantes Gesundheitszentrum auf der Tagesordnung stand. Die kontroverse Debatte zeigte: Das Thema Notfallversorgung ist komplex und breit gefächert und lässt sich keineswegs allein auf die Notfall-Ambulanz im Krankenhaus begrenzen, die ab Freitag Geschichte sein wird.

Vielmehr gilt es, Notfälle nach ihrer Schwere zu klassifizieren und die zur Verfügung stehenden Hilfearten genauso stringent unter die Lupe zu nehmen wie die tatsächlichen Hilfeleistungen. Gleichzeitig wurde bei der Diskussion deutlich, dass die Dinge in Sachen Notfallversorgung immer wieder unwissentlich durcheinandergebracht werden. Oder absichtlich so zugespitzt werden, dass den Menschen wirklich Angst und Bange werden kann.

Die AfD treibt dieses Spiel besonders gerne. "Ihre Grafik suggeriert, dass ein 24/7-Notfalldienst da sein sollte. Tatsächlich ist das gar nicht der Fall, weil die Krankenhausbetten weg und Eingriffe deshalb gar nicht mehr möglich sind", meinte etwa Kreisrat Anton Baron. Landrat Matthias Neth konterte: "Schwere Notfälle kommen schon bisher nicht ins Krankenhaus in Künzelsau, sondern ins Caritas nach Bad Mergentheim oder ins Diak nach Schwäbisch Hall." Das entscheide allein der Notarzt und Rettungsassistent, "und nicht der Träger", so Neth.

"Keine Schlaganfälle und Herzinfarkte behandelt"

Auch Thomas Dubowy, Kreisrat der Freien Wähler, fand es "ganz schrecklich", wie AfD-Mann Baron Ängste schüre, die faktisch unbegründet seien. "Weil keine Chirurgie da ist, war das Krankenhaus Künzelsau zuletzt nicht mehr so präsent im Notdienst. Es wurden deshalb überhaupt keine Schlaganfälle und Herzinfarkte behandelt. Die Versorgung in anderen Häusern ist hier also schon gewährleistet."

Tatsächlich waren in der Notfallaufnahme des Krankenhauses im Jahr 2018 die häufigsten Diagnosen Verstauchungen, Zerrungen, Prellungen und Insektenstiche. Demgegenüber stehen 100 Verdachtsfälle auf Herzinfarkt. Von den 36 tatsächlichen Herzinfarkten waren 26 leichtere Fälle und zehn lebensbedrohlich, die freilich gar nicht vor Ort behandelt werden konnten. Sprich: Über den DRK-Rettungsdienst und die Notfallnummer 112 wären diese Fälle ebenfalls nicht im Künzelsauer Krankenhaus gelandet.

Rettungsdienst ist unabhängig

Genau dieser Rettungsdienst des Roten Kreuzes ist völlig unabhängig und trifft seine Entscheidungen auch so. Auch dies scheint bei AfD-Kreisrat Anton Baron noch nicht angekommen zu sein. Er forderte, der Landkreis müsse Einfluss darauf nehmen, dass die Hilfsfristen erfüllt und zusätzliche Rettungswagen und Einsatzfahrzeuge angeschafft werden. "Dafür sind wir gar nicht zuständig, das ist Sache des Bereichsausschusses", wies ihn Landrat Neth zurecht. Deshalb lief auch Barons Antrag ins Leere.

Gleichwohl begrüßt es der Kreis, dass der Bereichsausschuss am 25. November diese Punkte thematisieren wird und die "Rettungsmittel womöglich aufgestockt werden". Klar ist bereits, dass alle drei Notarztwagen in Künzelsau ab Dezember 2019 technisch so aufgerüstet werden, dass die Diagnosen von Notfallpatienten sofort an die aufnehmende Klinik übermittelt werden können.

Was erhalten bleibt und neu dazukommt

Optionen im Notfall

Nach dem Wegfall der 24/7-Ambulanz im Künzelsauer Krankenhaus haben die Bürger ab Freitag in Notfällen folgende Optionen: Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen alarmieren sie weiter den Rettungsdienst über 112. Der ärztliche Bereitschaftsdienst steht ebenfalls rund um die Uhr unter 116?117 zur Verfügung. Er greift bei Erkrankungen, deren Behandlung in der Praxis erfolgen würde, die aber nicht bis zum nächsten Tag warten kann. Tagsüber sind die KV-Notfallpraxis, die niedergelassenen Ärzte und ab 2020 das MVZ in Notfällen da sowie ab 15. November nachts und an Wochenenden ein zusätzlicher Sitzdienst im Mitteltrakt der jetzigen Klinik. 

Neben der DRK-Rettungswache in Künzelsau, die voll erhalten bleibt, dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, der Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung und der Aufnahme von Notfällen im neuen Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) hat der Kreis einen zusätzlichen Sitzdienst bestellt. Das heißt: Drei Fachärzte sind ab 15. November abends und nachts sowie an den Wochenenden im jetzigen Mittelbau der Klinik erreichbar, wo bald das MVZ seinen Platz haben wird, womit eine ärztliche Notfallbereitschaft rund um die Uhr gewährleistet ist.

Kritik an zusätzlichem Sitzdienst

Der Kreis muss dafür jährlich 550.000 Euro bezahlen, das Projekt ist zunächst auf drei Jahre begrenzt. Das geht einigen Kreisräten zu weit. Denn: Die Ärzte hätten weder eine Kassenzulassung, noch dürften sie Arbeitsunfälle behandeln. Sprich: Das Angebot sei unnötig. Vor allem die Freien Wähler lehnen diesen Sitzdienst ab. Waltraud Kuhnle sagte: "Es macht keinen Sinn, für einen solchen Unsinn Geld auszugeben."

Thomas Dubowy kritisierte: "Dass wir dafür 550.000 Euro jährlich ausgeben wollen, finde ich einen Hohn." Nun wird der Kreistag am 9. Dezember über einen Antrag von Achim Beck entscheiden, Fallzahlen und Umsätze dieses zusätzlichen Sitzdienstes bereits nach zwei oder drei Monaten zu checken und nicht erst nach einem Jahr.


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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