Weil in Hohenlohe Material knapp wird: Diagnose statt Test

Hohenlohe  Test-Kits und Abstrichbestecke sind zwischenzeitlich Mangelware. Was sich dadurch im Hohenlohekreis verändert.

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Das Material geht aus. Es kann kaum noch getestet werden.

Foto: dpa

So richtig groß ist die Erleichterung über die neue Verfügung des Landratsamts bei Dr. Susanne Bublitz, Sprecherin der Öhringer Ärzteschaft, am Freitagvormittag nicht. Zumal sie auf der Homepage des Kreises erst nur eine veraltete Version fand, die Kontaktpersonen von Infizierten noch längst nicht per se in Quarantäne schickte, wie es nun aber seit Freitag getan wird. Denn: De facto könne gar nicht mehr getestet werden, weil kein Material mehr da sei. Jetzt werde anhand der Symptome klinisch entschieden, wer infiziert sei.

Abläufe regeln

Deshalb ist für sie ganz wesentlich, dass auch geregelt sein muss, dass nicht nur Kontaktpersonen von positiv Getesteten ab jetzt in Quarantäne müssen, sondern auch Kontaktpersonen von klinisch Dignostizierten. Denn die Test-Kits werden knapp. "Und die, die noch da sind, brauchen wir dringend für medizinisches Personal, das infiziert war und das nun negativ getestet werden muss, ehe es zurück zur Arbeit kann." Das heißt: Nun bekommen Patienten mit Symptomen die Krankmeldung Covid-19 auch ohne Test. In der Praxis von Dr. Bublitz werden die Kranken gebeten, Listen mit ihren Kontaktpersonen zu erstellen, damit die informiert werden können. Ob das alle Hausärzte nun so machen? Das ist Stand gestern Spätnachmittag noch nicht offiziell geregelt. Bublitz hofft, dass es bald klare Anweisungen gibt.

Klinische Diagnosen melden

Dass die Zahlen nochmals kräftig nach oben schnellen, wenn auch klinische Diagnosen gemeldet und in die Statistik aufgenommen werden - ja, damit rechnet Bublitz. Und sie hofft, dass die Menschen erkennen, wie wichtig es ist, Abstand zu halten, sich nicht in Gruppen zu treffen. Noch setze das Gesundheitsamt auf Freiwilligkeit und Menschenverstand. Wenn das nicht funktioniere, führe an Ausgangssperren kein Weg vorbei.

Große Menschenansammlungen, mahnt ein Künzelsauer Arzt, seien die größte Gefahr. Aus diesem Grund verscheucht er täglich kickende Jungs vom benachbarten - und gesperrten - Bolzplatz. Er konnte aus diesem Grund auch nicht verstehen, warum das Rebenglühen Anfang März stattgefunden hat. "Da waren Tausende von Menschen unterwegs." Er sagt: "Ich vermisse vorausschauendes Handeln." Er hofft, dass die Menschen vernünftig werden, Ausgangssperren vermeidbar sind: "Da entstehen extreme Aggressionen."

Überall fehlt etwas

"Wir können nicht mehr testen. Es fehlt zu allem irgend etwas", erklärt Lars Blackholm, Geschäftsführer des gleichnamigen Labors in Heilbronn. Es hatte zuletzt die Abstriche von der Drive-in-Station in Belzhag und zuvor von der Stelle im Gesundheitsamt Künzelsau auf den Coronavirus gecheckt. "Das waren am Ende bis zu 200 Abstriche pro Tag. 300 weitere kamen von den niedergelassenen Ärzten direkt." Seit Dienstagnachmittag habe sein Labor die "Corona-Testung" abgebrochen. Der Grund: "Wir bekommen keine Test-Kits mehr." Das Dilemma: "Wir haben das Personal, die Geräte und die Logistik, aber nicht das nötige Material." Bis Freitag holten seine Kuriere die Abstriche von Belzhag noch ab und fuhren sie zu einem anderen Labor in Heidelberg. "Am Freitagmorgen habe ich dem Landratsamt gesagt: Darum müsst ihr euch jetzt selber kümmern." Aber es gehe ja noch weiter: "Auch die Abstrichbestecke gehen überall aus. Das Landratsamt wird ebenfalls nichts mehr bekommen."

Fehlende Test-Kits

Blackholm könnte die Ergebnisse von Corona-Abstrichen binnen 24 Stunden liefern. Das Gerät dazu hat er: einen teuren Vollautomat der Firma Rosch, "von denen gibt es weltweit nur 690 Stück". Die Kapazität liege bei 1400 Tests am Tag. Allein: "Rosch beliefert uns nicht mehr mit Test-Kits. Der Konzern hat für Deutschland nur eine gewisse Menge zugeteilt, wir wurden nicht berücksichtigt, obwohl wir erst kurz vorher eine große Bestellung über eine dreiviertel Million Euro getätigt haben", sagt Blackholm. In Deutschland komme nur ein Bruchteil an, "die meisten Test-Kits liegen in Amerika". Er habe am Donnerstag noch einmal "intensiv mit Rosch verhandelt und dabei auch den gesamten Umsatz mit ihnen infrage gestellt: vergebens."

Mit den beiden Siemens-Teilautomaten habe das Labor zuletzt verlässlich gearbeitet, auch wenn die Tests länger dauerten. "Deshalb haben wir nachts mitunter bis 24 Uhr gearbeitet, auch an Wochenenden." Wegen der schieren Menge der Abstriche sei es deshalb am Montag zu Verzögerungen bei der Weitergabe der Ergebnisse gekommen.


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