Viele Seitenbäche der Jagst in bedenklichem Zustand

Hohenlohe  Das Umweltzentrum Schwäbisch Hall alarmiert wegen verschmutzter Zuflüsse zwischen Jagstheim und der Grenze zum Hohenlohekreis. Eine Untersuchung fördert teils gravierende Missstände zutage.

Von Sebastian Unbehauen

Viele Seitenbäche der Jagst in bedenklichem Zustand
Martin Zorzi (Umweltzentrum) und Biologin Sabine Hirsch zeigen, wie es an einem Bach bei Satteldorf im Frühjahr aussah und wie es dort jetzt aussieht. Foto: Unbehauen  

Manfred Mächnich, Vorsitzender des Umweltzentrums Schwäbisch Hall, hat eine simple Botschaft: "Ein Fluss kann nur so gut sein wie das Wasser seiner Zuflüsse." Für die Jagst bedeutet das nichts Gutes, denn eine breit angelegte Untersuchung der Seitenbäche durch diesen Verein, eine Dachorganisation diverser Naturschutzverbände im Kreis Hall, hat teils gravierende Missstände zutage gefördert: von illegalen Mist-Ablagerungen direkt am Gewässer über Verbauungen des Ufers, die Nutzung der Bäche als Viehweide und unerlaubte Wasserentnahmen bis hin zur direkten Einleitung von Abwässern.

500 Verstöße oder Verdachtsfälle

Martin Zorzi, Geschäftsstellenleiter des Umweltzentrums, kritisiert die Gemeinden, die für den Gewässerschutz zuständig sind: "Anscheinend ist es den meisten Kommunen ziemlich egal, wie es da aussieht." Die Biologin Sabine Hirsch (29) aus Vellberg ist von Anfang März bis Ende April 130 Fließkilometer zwischen Crailsheim-Jagstheim und der Grenze zum Hohenlohekreis abgegangen, immer auf der Suche nach Umweltfreveln. Sie stieß auf 500 Verstöße gegen geltende Bestimmungen beziehungsweise auf Verdachtsfälle solcher Verstöße. In elf Fällen schaltete sie sofort Landratsamt und Umweltpolizei ein - etwa weil in einem Satteldorfer Teilort Silagesickersäfte in einen Jagst-Zufluss geleitet wurden. "Der Bach war an dieser Stelle tot", sagt sie. "Das einzige, was da noch gelebt hat, war der Abwasserpilz."

Aktionsprogramm Jagst

Seit im August 2015 die Lobenhausener Mühle gebrannt und kontaminiertes Löschwasser das Leben in der Jagst weitestgehend ausgelöscht hatte, ist der Zustand des Flusses in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Im Zuge des "Aktionsprogramms Jagst" wurden seitens des Landes verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Gesundung des Flusses zu unterstützen - so wurden Altarme wiederhergestellt, Wehre geschleift, Inseln und Eisvogelsteilwände angelegt, Ufergelände wurde zum Rückzugs- und Laichgebiet für viele Tierarten umgestaltet.

Zuständige Stellen reagieren

Trotz all dieser Anstrengungen präsentiere sich die Jagst nicht wieder in einem ökologisch guten Zustand, stellten die örtlichen Naturschützer zuletzt fest, und vermuteten den Grund in den jetzt untersuchten Seitenbächen. Ortstermin am Gipsbruch bei Satteldorf: Dort floss bei Hirschs und Zorzis erstem Besuch eine milchige Gipsbrühe Richtung Jagst. Insgesamt hat sich die Situation hier aber verbessert. Der Bachlauf wurde offensichtlich ausgebaggert und mit Steinen bestückt. Es handelte sich um einen der elf gemeldeten Fälle - bei denen die zuständigen Stellen schnell reagierten, wie Zorzi betont: "Das ist erfreulich." Gleichwohl wünscht sich Zorzi auch vom Landratsamt eine weniger lasche Kontrolle der Kommunen. "Die Daumenschrauben müssen hier angezogen werden."

Wie gut sind kommunale Begehungen?

Peter Dietrich vom Fachbereich Wasserwirtschaft und Bodenschutz am Haller Landratsamt zeigt sich "sehr dankbar für die Unterstützung des Umweltzentrums". Über die Vielzahl der Fälle sei er überrascht gewesen, schließlich kämen solche Missstände bei kommunalen Gewässerbegehungen nur selten ans Licht. "Da muss ich mich schon fragen", so Dietrich, "wie die Qualität dieser Gewässerbegehungen ist." Zorzi kritisiert unterdessen das "vielfach geringe bis fehlende Umweltbewusstsein bei den Bachangrenzern". Bei allem Ärger, ein erfreuliches Ergebnis hatte die Untersuchung des Umweltzentrums auch: Die meisten Landwirte hielten sich beim Ausbringen der Gülle an die Abstandsregeln.