Verteidigung fordert im Fall Ole neues Gutachten

Heilbronn/Künzelsau  Im Prozess um den Tod des siebenjährigen Ole gegen dessen Pflegeoma sind die Plädoyers erneut verschoben worden. Die Verteidigerin der 70-Jährigen hatte am Montag ein Gutachten eines weiteren Sachverständigen beantragt. Das ursprüngliche hält sie für mangelhaft.

Von Yvonne Tscherwitschke

Schluchzend beantwortet die Angeklagte die Fragen zum Tathergang. Sie habe keine Verlustängste gehabt, sagt sie. Das Kind habe schwer geatmet. Foto: HSt

Auf die für Montag geplanten Plädoyers müssen die Prozessbeobachter im Fall Ole noch länger warten. Die Verteidigerin der angeklagten Elisabeth S. hat zwei Anträge gestellt. Damit soll wieder in die Beweisaufnahme eingetreten werden.

Anke Stiefel-Bechdolf kritisiert mit ihren Anträgen vor allem das psychiatrische Gutachten von Dr. Thomas Heinrich, das der von ihren Mandantin, der 70-jährigen Elisabeth S. gemacht hat. Elisabeth S. wird vorgeworfen, den kleinen Ole in der Nacht auf den 28. April in ihrem Haus in Künzelsau erwürgt zu haben. Die Anklage lautet auf Totschlag. Eine Verurteilung wegen Mord aus niederen Beweggründen sowie aus Habgier kommt ebenfalls in Betracht.

Allgemeines Unverständnis

Stiefel-Bechdolf ist der Meinung, dass sich der Mordvorwurf nicht bestätigen lasse. Allein das allgemeine Unverständnis der Tat rechtfertige noch keine niederen Beweggründe. Deshalb will sie die weitere Aufklärung der Tat einfordern. Dazu soll ein Bruder der Angeklagten gehört werden. Er hat bisher von seinem Zeugnisverweigerungsrecht als naher Angehöriger Gebrauch gemacht. Nun will er aber zu psychiatrischen Störungen seiner Schwester aussagen. Auch dass er ihr gedroht habe, sie nach Ostern in die Psychiatrie einweisen zu lassen, sollte sie selbst nicht aktiv werden.

Wie der Bruder hätten auch andere Zeugen bemerkt, dass Elisabeth S. unter einer Depression gelitten habe, sagt Stiefel-Bechdolf und zitiert verschiedene Aussagen von Freundinnen der Angeklagten, die von Antriebslosigkeit, Traurigkeit und Niedergeschlagenheit berichtet hatten. Und davon, dass Elisabeth S. als taffe Frau habe gelten wollen, die ihr Leben in Griff habe und bei der man sich wohlfühle. Von einem früheren Aufenthalt in der Psychiatrie werde der Bruder zudem berichten.

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Zu kurze Untersuchung

Vor allem aber kritisiert Stiefel-Bechdolf, dass das psychiatrische Gutachten nach zwei - ihrer Meinung nach zu kurzen - Explorationen und dem Verlauf der Hauptverhandlung erstellt worden sei. Eine körperliche Untersuchung habe gar nicht stattgefunden. Das 24-seitige Ergebnis sei in zehn Sätzen vorgetragen worden. In seinem Gutachten war Dr. Heinrich zu dem Schluss gekommen, dass die Angeklagte voll schuldfähig sei, höchstens eine leichte depressive Verstimmung gehabt habe.

Diese Einschätzung teilt die Hausärztin, die Elisabeth S. kurz vor der Tat Tropfen in homöopathisch geringer Dosierung verschrieben hatte. Es hätte noch Anknüpfungspunkte gegeben, sagt die Verteidigerin und fordert eine geronto-psychiatrischen Untersuchung. So habe Heinrich nicht nachgefragt, wie die Tat passiert sei, wo doch Elisabeth S. immer wiederholt habe, sie habe Ole nicht gewürgt.

Bildgebung vom Gehirn

Eine Tatsache, die der medizinische Gutachter zweifelsfrei festgestellt hat. Auch soll mit bildgebenden Methoden untersucht werden, ob möglicherweise ein Tumor oder ähnliches vorliege. Bei älteren Menschen könne es Demenz oder Altersschizophrenie geben.

Mit dieser neuerlichen, umfangreichen Begutachtung solle Dr. Tillmann Supprian (Düsseldorf) beauftragt werden. "Die unvollständige Befunderhebung ist eine krasse Unverhältnismäßigkeit zu Tat und Ausmaß", kritisiert Stiefel-Bechdolf.

Und wie geht es weiter?

Um der Revision keine Flanke zu öffnen, sagte die Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn erst einmal wenig zu den neuen Beweisanträgen. Den Bruder werde man wohl hören, sagte der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth. Gutachter Dr. Thomas Heinrich soll am nächsten Verhandlungstag am 26. Februar Stellung nehmen. Weitere Termine werden gesucht. Bis Ostern soll der Prozess zu Ende sein.

 

 

 


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