Veränderungen im Gehirn der angeklagten Pflege-Oma

Heilbronn/Künzelsau  Im Prozess um den Tod des siebenjährigen Ole gegen dessen Pflegeoma hat ein Gutachter die Steuerungsfähigkeit der angeklagten Elisabeth S. nach weiteren Untersuchungen neu beurteilt.

Von Yvonne Tscherwitschke

Veränderungen im Gehirn der angeklagten Pflege-Oma

Mit Anke Stiefel-Bechdolf und Peggy Eisele (rechts) hat die angeklagte Elisabeth S. wieder zwei Verteidigerinnen. Peggy Eisele hatte vorübergehend ihr Mandat niedergelegt. Foto: Archiv/Veigel

Eine gründliche geronto-psychiatrische Untersuchung mit bildgebenden Verfahren hatte Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf im Fall Ole für ihre Mandantin Elisabeth S. gefordert. Das Ergebnis ist mit Spannung erwartet worden.

Am Freitagabend gegen 18 Uhr berichtet der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Heinrich dann: Die MRT-Untersuchung hat Veränderungen im Gehirn von Elisabeth S. sichtbar gemacht.

Mit Spannung erwartet

Damit korrigiert der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten im Fall Ole. Er hatte der des Totschlags an dem kleinen Ole angeklagten Elisabeth S. zuvor höchstens eine leichte Depression attestiert. Nun sagt er: Die vaskulären Schäden können Hinweis sein auf eine organische Depression. Damit ist für ihn eine eingeschränkte Schuldfähigkeit der 70-jährigen Angeklagten denkbar. Eine solche organische depressive Störung könne deutlichen Einfluss auf die Steuerungs- und Erinnerungsfähigkeit der Angeklagten haben.

Keine Anhaltspunkte

Heinrich stellt klar: Weder die Begutachtung der Angeklagten noch deren Angaben zur ihrer Vergangenheit oder die Aussagen der Zeugen hätten Anlass zu weitergehenden und bildgebenden Untersuchungen gegeben. Deshalb sei das im Vorfeld nicht gemacht worden. Zumal derartige Untersuchungen mit Strahlenbelastungen einher gingen.

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Sohn sagt erneut aus

Doch nicht nur das Gutachten war mit Spannung erwartet worden, sondern auch die Frage: Was hatte Elisabeth S. in dem dreistündigen Gespräch Anfang Januar zu ihrem Sohn und ihrer Verteidigerin gesagt? Nach seiner ersten Aussage im Dezember hatte sich der Sohn von Elisabeth S. anschließend auf sein Zeugnisverweigerungsrecht berufen, da ihn Aussage massiv belastet habe. Unter Tränen hatte er im Dezember seine Mutter angefleht, den Eltern von Ole und auch ihm zu erklären, was sich in der Nacht vom 27. auf den 28. April im Haus der Angeklagten in Künzelsau abgespielt habe. Licht ins Dunkel dieser Nacht zu bringen war auchGrund für die Schwurgerichtskammer, das eher ungewöhnliche Gespräch zuzulassen, das der Sohn mit seinem Tablett aufgezeichnet hatte.

Erst dem Landeskriminalamt war es in der laufenden Woche gelungen, die große Datei verfügbar zu machen. Eine Stunde und 55 Minuten lang hörten die Prozessbeteiligten, was Elisabeth S. sagte – und was ihr Sohn und ihre Anwältin fragten.

Gespräch wird abgespielt

Wer Antwort auf das Warum erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Audio-Datei gab das wider, was Elisabeth S. auch im Gerichtssaal gesagt hatte: Dass sie den Jungen geschüttelt habe, dass er in die mit Wasser gefüllte Wanne geglitten sei, dass sie Panik gehabt habe, dass sie dem Jungen, den sie doch so sehr liebte, niemals hätte etwas tun können. „Ich wollte dem Ole nichts tun“, jammert Elisabeth S. „Und doch ist etwas passiert“, sagt ihr Sohn. Und: „Er hat Würgemale.“ Darauf Elisabeth S: „Aber das kann ich doch nicht gewesen sein.“ Und wenig später: „Ich kann es nicht erklären. Wenn ich es erklären könnte, dann wäre ich froh für alle Beteiligten.“

Es klingt nicht nach Taktieren. Es klingt nicht nach Ausweichen. Die Verteidigerin hakt nach, immer wieder. Es kommt nichts. Und auch die Gefängnis-Psychologin, zu der Elisabeth S. ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, kann zum Tathergang nichts beitragen. Die Psychologin spricht von großer Not, von hoher Bedürftigkeit, von hoher Belastung und großer Verzweiflung der Angeklagten. Sie beschreibt, wie diese die Hände knetet, den Oberschenkel, mit dem Oberkörper wiegt. Auch zu ihr sagt Elisabeth S. immer wieder: „Ich war es nicht.“ Aber auch: „Ich weiß, dass ich zwei Familien zerstört habe und weiß um die Not von Oles Familie.“

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