Sturmlauf gegen neun Windräder in Hohenlohe

Hohenlohe  Auch nach zwei Tagen Debatte gelang es nicht, die öffentliche Anhörung zum geplanten Windpark Karlsfurtebene auf Öhringer und Waldenburger Gemarkung abzuschließen. Planer und Kritiker lieferten sich scharfe Wortgefechte.

Von Christian Nick
Sturmlauf gegen die neun Windräder

Das in einer Pause von Gegnern des Windpark-Projekts angebrachte Transparent hängt nur wenige Minuten, ehe die Landratsamt-Spitze selbst zur Tat schreitet.

Es waren intensive Debatten in der Sache, aber bisweilen auch ein ins Polemische abdriftender Schlagabtausch zwischen Kritikern und Planern des Windparkprojekts auf Öhringer und Waldenburger Gemarkung:

Bereits zu Beginn der Veranstaltung, die selbst am Abend des folgenden Tages nur ein vorläufiges Ende finden sollte, artikulierten Rechtsanwalt Sven Staehlin, der 47 Gegner des Windparks vertritt, sowie Waldenburgs Bürgermeister Markus Knobel massive Kritik an Art und Weise des Zustandekommens des Anhörungs-Termins.

Sturmlauf gegen die Windräder

Dass der Wiesbadener Jurist Staehlin gleicherweise mit profunder Kenntnis der einschlägigen Rechtsbereiche wie auch mit stählerner Hartnäckigkeit ausgestattet ist - davon konnten sich die Vertreter vom Landratsamt als Genehmigungsbehörde, die rund 35 Zuhörer sowie die Repräsentanten der Projektentwicklungsfirma Abo Wind während der zwei Tage überzeugen.

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Intensiv und unermüdlich versuchte Staehlin, vermeintliche verfahrensrechtliche und inhaltliche Fehler sowie Versäumnisse aufzuzeigen: im bisherigen Verlauf des Genehmigungsverfahrens - sowie auch in der vom Projektierer vorgelegten Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), die durch externe, aber von Abo Wind bezahlte Gutachter durchgeführt wurde.

Mauschelei und fehlende Objektivität?

Deren Unabhängigkeit suchte Staehlin in der Michelbacher Sporthalle denn auch nachhaltig in Zweifel zu ziehen: Die UVP sei als reines "Gefälligkeitspapier" derart defizitär, "dass dieses Verfahren niemals hätte gestartet werden dürfen". Den herangezogenen Gutachtern fehle sowohl Fachkenntnis wie auch Objektivität - so der Tenor des Juristen, der bereits in mehreren Fällen Windkraft-Kritiker vertreten hat.

Vorwürfe, welche die Abo-Wind-Repräsentanten freilich aufs Schärfste zurückwiesen: Alle vorgelegten Untersuchungen seien fachlich einwandfrei. "Sie missbrauchen diesen Anhörungstermin", hielt deren Rechtsanwalt Dr. Felix Pauli dem Sturmlauf Staehlins entgegen - und beklagte angesichts des massiven rhetorischen Gegenwinds, Staehlin trete "wie ein Inquisitor" auf.

Sturmlauf gegen die neun Windräder

Sven Staehlin schießt scharf gegen Projektierer und Genehmigungsbehörde.

Harscher Kritik sah sich auch das Landratsamt ausgesetzt, das seine Prüfpflichten massiv vernachlässigt habe. Nachdem die Kritiker und ihr juristisches Sprachrohr von Beginn an "Kumpanei zwischen Projektentwickler und Genehmigungsbehörde" attestiert und Staehlin unter anderem auch Versammlungsleiter Patrick-Götz Hauser, Leiter des Dezernats Umwelt und Ordnung, mit einem Befangenheitsantrag konfrontiert hatte, wurde die Versammlung mehrfach unterbrochen.

Hauser musste am zweiten Tag daraufhin die Leitung der Diskussion für mehrere Stunden abgeben, ehe Staehlins Antrag vom Ersten Landesbeamten abgelehnt worden war.

Landratsamt: Es ist noch nichts entschieden

Fast mantrahaft betonten Hauser und Landratsamt-Kollegen, dass sich die Genehmigungsbehörde noch im Stadium der Prüfung befände - und daher aktuell keinerlei Auskunft über ihre Haltung bezüglich Für oder Wider der Anlagen gebe.

Neben all diesen verfahrensrechtlichen Scharmützeln wurde auch inhaltlich scharf gefochten. Streitpunkt Nummer eins: Die Auswirkungen der geplanten neun Windräder auf die menschliche Gesundheit. Staehlin sowie auch einige Bürger, die sich am Rednerpult zu Wort meldeten, monierten das vorgelegte Schall-Gutachten und wiesen auf die ihrer Ansicht nach unterschätzten Gefahren durch Infraschall hin. Die Untersuchung basiere auf falschen sowie ungeprüft vom Anlagen-Hersteller übernommenen Werten - und der Abstand zwischen Häusern und Windrädern sei daher viel zu gering angesetzt.

"Wer haftet bei Gesundheitsschäden" wollten die Bürger wissen. Und: Könnten die Anlagen beim Vorliegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch wieder abgeschaltet werden? Ja, betonte Hauser: Das sei prinzipiell möglich, da kein Bestandsschutz greife.

Konflikt mit der Regionalplanung

Sturmlauf gegen die neun Windräder

Sie eröffnen den Reigen der Bürgerbeiträge: Claudia und Eberhard Bucher geben ihren Sorgen über Gesundheitsrisiken durch den so gut wie nicht wahrnehmbaren Infraschall Ausdruck.

Fotos: Christian Nick

Die "unzumutbare Nähe" der Anlagen sieben, acht und neun zum Waldenburger Otto-Weinmann-Freizeitheim monierte in deutlichen Worten auch Bürgermeister Markus Knobel. Nach seiner und Staehlins Ansicht handelt es sich - wie auch beim Kinderdorf - um ein "besonders schutzwürdiges Gebäude", in dessen Umfeld geringere Schall-Werte anzusetzen seien. Beide wiesen auch auf den Konflikt mit der Regionalplanung hin, die Windkraft ausschließlich an anderer Stelle vorsehe. Abo Wind habe es grundsätzlich versäumt, Alternativen adäquat zu prüfen.

In denkmalschutzrechtlicher Hinsicht betonte Knobel, die Anlagen würden die Sichtachse auf das historische Schloss und die Altstadt empfindlich stören - und verwies auf eine entsprechende Stellungnahme des Landesdenkmalamts.

Die Kritiker fürchten überdies, dass Flora und Fauna im benachbarten Naturschutzgebiet Viehweide erheblich beeinträchtigt werden könnten. Insbesondere die Vogel-Beobachtungsreihe sei "zeitlich und räumlich unzureichend" gewesen.

Zweifel an der Windhöffigkeit

Und auch die Gretchenfrage wurde gestellt: Weht in der Karlsfurtebene überhaupt ausreichend Wind? Während Abo Wind von durchschnittlich 6,7 Metern pro Sekunde ausgeht, bezweifelten das die Kritiker. Rückenwind bekamen sie besonders dadurch, dass die Luftbewegung nicht mittels Windmast, sondern anderweitig ermittelt wurde - und vonseiten des Vorhabenträgers auch kein Windgutachten vorgelegt wurde. "Das ist überhaupt nicht erforderlich", wehte es ihnen von der anderen Seite entgegen.

Erforderlich ist indes ein Fortsetzungstermin, denn es gelang nicht, alle Tagesordnungspunkte abzuhandeln. Für Anwalt Staehlin ist jedoch schon jetzt klar: "Wir werden beim Verwaltungsgericht klagen."

 

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