Straßenränder im Hohenlohekreis sollen aufblühen

Hohenlohe  Modellprojekt mit elf Testflächen hat Naturschutz und Pflegekosten im Blick. Das Ziel heißt: Weniger Gräser, mehr Artenvielfalt.

Von unserem Redakteur Ralf Reichert

Straßenränder im Hohenlohekreis sollen aufblühen

Ein Straßenrand, der von Gräsern dominiert wird, sieht so aus. Darauf finden sich in diesem Fall nur zwölf Arten. Auf solchen nährstoffreichen Flächen werden schützenswerte Arten schnell verdrängt.

Fotos: privat

 

Straßenbau und Naturschutz? Das schließt sich auf den ersten Blick aus. Doch es gibt ja noch die Straßenränder. Sie blühen mehr oder weniger auf, erscheinen in der Regeln in schlichtem Grün und interessieren den gemeinen Verkehrsteilnehmer nicht sonderlich. Wer genauer hinschaut, kann freilich viel mehr entdecken. Und sich fragen: Was steckt überhaupt in diesen Flächen?

Grasflächen sind biologisch nicht viel wert

Meist sind es Gräser. Klar. Klingt ganz praktisch in puncto Pflanzung und Pflege, ist aber eigentlich Verschwendung und im Unterhalt viel aufwendiger, als man denkt. Diese Rasenflächen stellen aus Sicht der Verkehrsexperten einen zweckmäßigen Übergang dar von der Straße in eine wie auch immer genutzte Landschaft. Und ihre Pflege dient vor allem der Sicherheit. Biologisch betrachtet sind sie hingegen nicht viel wert. Ja, sie dünnen die Artenvielfalt regelrecht aus.

Modellprojekt nimmt Fahrt auf

Straßenränder im Hohenlohekreis sollen aufblühen

An der B?19-Kreuzung bei Rechbach ist eine von elf Projektflächen. Vor Ort waren jetzt (v.l.) Oliver Bückner, Leiter Straßenbauamt, Günter Thürauf und Werner Dittenhöfer (Straßenmeisterei) und Hochschulmitarbeiter Manuel Vollrath.

Foto: Reichert

 

Das Verkehrsministerium des Landes will dies ändern und den bislang ökologisch missachteten Straßenrändern mehr Bedeutung zukommen lassen: um Kräutern und Blumen, Insekten und Vögeln mehr Lebensraum zu geben und damit womöglich auch ökonomisch einen Vorteil zu erzielen, indem die Pflegekosten sinken. Im Hohenlohekreis läuft dazu ein Modellprojekt, das jetzt richtig Fahrt aufnimmt.

Testflächen und Kontrollflächen

Drei Jahre lang werden an elf ausgewählten Stellen entlang von Bundes-, Landes- und Kreisstraßen jeweils eine Testfläche und eine Kontrollfläche bearbeitet und begutachtet: Auf der einen wird fleißig experimentiert, auf der anderen bleibt alles beim Alten. Im Blickpunkt stehen verschiedene Formen des Mähens und Abräumens, Mulchens und Säens. 2020 liegen die Ergebnisse vor.

27.000 Hektar Grünflächen an Straßen im Land

Straßenränder im Hohenlohekreis sollen aufblühen

Dieser Straßenrand ist aufgeblüht. Naturschützer Manuel Vollrath sagt: Das kommt dem Zielzustand recht nahe. Die nährstoffreiche Magerwiese hat 32 Arten, 35 oder mehr schweben ihm für die Tests vor.

 

Fallen sie positiv aus, könnte diese Praxis auf viel breiterer Ebene Schule machen. Immerhin gibt es in Baden-Württemberg 27 000 Hektar Grünflächen, die direkt an Straßen grenzen und dem Land gehören. "Es ist natürlich unmöglich, alles auf diese Weise umzugestalten. Dazu reichen die Kapazitäten der Straßenmeistereien bei weitem nicht", sagt Manuel Vollrath, Mitarbeiter der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, die das Projekt wissenschaftlich betreut und begleitet. Doch jede zusätzliche Fläche, auf der mehr Arten als bisher Platz finden könnten, sei im Sinne des Naturschutzes Gold wert.

Gewaltiger Flächendruck

Flora und Fauna würden immer stärker zurückgedrängt, der "Flächendruck" sei gewaltig: durch die landwirtschaftliche Nutzung, durch die Erschließung neuer Wohn- und Gewerbegebiete - und natürlich durch den Straßenbau. "Für wichtige Arten gibt es immer weniger Rückzugsorte", sagt Vollrath. Aus seiner Sicht mag es hart klingen, aber: "Leider müssen wir jetzt schon auf das Straßenbegleitgrün ausweichen." Dabei kommt dem studierten Naturschützer und seinen Mitstreitern natürlich zupass, dass der Verkehrsminister des Landes ein Grüner ist und voll dahinter steht.

Die Nachteile von schnell wachsenden Gräsern

Straßenränder im Hohenlohekreis sollen aufblühen

Doch warum dominieren an den Straßenrändern die Gräser? "Früher sagte man, nachdem eine Straße fertig war: Humus und Rasen drauf, das wird am schnellsten grün", sagt Oliver Bückner, Leiter des Straßenbauamts. "Schnell wachsende Gräser, das heißt aber auch: mehr mähen und weniger Arten, weil sie andere Blumen und Kräuter verdrängen." Und damit gleichzeitig Insekten, Kleinsäugern und Vögeln Nahrung sowie Nist- und Brutplätze vorenthalten. Das Problem: Rasenflächen sind nährstoffreich. Gräser nehmen diese reichlich auf, wachsen dicht, schießen in die Höhe und "verschatten" andere, für den Naturschutz wichtige Arten, die nährstoffarme Standorte bevorzugen, so Vollrath. Deshalb würden die Testflächen "ausgehungert" und somit "luftiger".