Reifenwechseln mit Geld oder Muskelkraft

Region  Reifenwechseln ist in Werkstätten so günstig, dass es kaum noch jemand selbst macht. Praktisches Wissen geht verloren. Will man heute einen Reifenwechsel-Kurs besuchen, muss man lange suchen.

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An modernen Fahrzeugen die Reifen selbst zu wechseln, das ist gar nicht so einfach. Deshalb überlassen das die Autobesitzer vermehrt den Werkstätten. Foto: adobe stock

Oktober, die Tage werden kürzer, schnell rutschen die Temperaturen nachts schon mal unter die Null-Grad-Grenze − höchste Zeit, den Sommerreifen Adé zu sagen und die Winterreifen aus der Garage zu rollen. Von O bis O, von Oktober bis Ostern, so gibt der Volksmund vor, reicht die Winterreifensaison.

Autobesitzer bevorzugen zunehmend den Werkstatt-Service

Wie kommt der eine Reifensatz runter und der andere rauf? Dem aufmerksamen Beobachter wird gerade in diesen Tagen und Wochen auffallen: Die Zeiten, in denen überwiegend Männer an einem sonnigen Samstagmittag die Ärmel hochkrempeln und sich im Hof an die Arbeit machen, die scheinen bei den meisten vorbei zu sein. "Heute lassen sich deutlich mehr Kunden bei uns in der Werkstatt die Reifen wechseln, als früher", ist sich Ralf Neumann von der Autogruppe Koch sicher. Er schätzt, dass es gut 30 Prozent mehr sind als, noch vor zehn Jahren.

"Ich denke, in anderen Kfz-Werkstätten ist es ähnlich." Dabei sei das Geschäft mit dem Reifenwechseln, die Preise liegen je nach Werkstatt zwischen 20 und 30 Euro, kaum rentabel. Rechne man die Lagerung, eventuell den Verkauf neuer Reifensätze oder bevorstehende Reparaturen dazu, sehe es schon besser aus. "Wir betrachten dieses Geschäft eher als Teil unserer Kundenbindung", so der Kfz-Fachmann.

Für ungefähr 25 Euro diese, zugegeben schwere, Arbeit den Fachleuten überlassen − das nehmen mittlerweile immer mehr Leute gerne in Kauf. "Es sind sogar überwiegend die Jüngeren, die uns ihre Fahrzeuge zum Reifenwechseln bringen", sagt Neumann. Ob sie wissen, wie das praktisch überhaupt noch funktioniert? Falls nein, wo lernt man es noch, die Reifen am eigenen Pkw zu wechseln?

Reifenwechsel-Kurse werden kaum noch angeboten

Eine Nachfrage unter Fahrschulen in Hohenlohe zeigt: Früher hat man in den Theoriestunden den Fahrschülern noch den Drehmomentschlüssel in die Hand gedrückt und Schritt für Schritt gezeigt, was zu tun ist. Zudem boten Baumärkte und der Automobilclub ADAC entsprechende Kurse an.

Will man heute einen Reifenwechsel-Kurs besuchen, wird man lange suchen. Fahrlehrer Ernst Drotleff: "Klar würde ich das heute meinen Schülern noch anbieten. Aber es besteht kein Interesse." Die Leute seien zu bequem geworden. Andere Fahrlehrer bestätigen seine Beobachtung. Außerdem gibt Drotleff zu bedenken: "Bei den heutigen Fahrzeugen ist es auch nicht mehr so einfach, wie noch bei den älteren Modellen. Moderne Autos sind gespickt mit Elektronik."

Komplizierte Einstellungen am Bordcomputer

Seit 2014 ist es gesetzliche Vorschrift, dass alle Neufahrzeuge über ein Reifendruck-Kontrollsystem verfügen. Es prüft ständig den Reifendruck und informiert den Fahrer, sobald der Luftdruck nicht stimmt. Wird ein Radsatz neu montiert, müssen die Sensoren erst über das Fahrzeugmenü angelernt werden. In der Betriebsanleitung ist beschrieben, welche Punkte dafür am Bordcomputer angewählt werden müssen. Doch die Fachleute sind sich sicher: Viele Fahrzeugbesitzer trauen sich das Programmieren nicht zu und überlassen es lieber den Profis in der Werkstatt.

Reimund Elbe, Pressesprecher des ADAC in Stuttgart, empfiehlt sogar den Gang in die Werkstatt − vorausgesetzt, die Preise bleiben günstig und die Arbeit wird sorgfältig gemacht. "Reifenwechseln ist eine heikle Sache, wenn man nicht über das entsprechende Fachwissen verfügt. Das den Profis in der Werkstatt zu überlassen, ist die sichere Entscheidung."


Sarah Arweiler

Sarah Arweiler

Autorin

Sarah Arweiler ist seit 2016 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Sie arbeitet seit März 2021 in der Onlineredaktion. Zuvor war sie unter anderem als Lokalredakteurin bei der Hohenloher Zeitung tätig.

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