Plastik im Biomüll: Ab 2020 bleiben falsch befüllte Tonnen stehen

Hohenlohe  Im Hohenlohekreis sollen ab 2020 falsch befüllte Biotonnen zunächst stehen bleiben und dann als Restmüll entsorgt werden: ab 2021 wohl gegen Gebühr. Das kündigt die Abfallwirtschaft an, weil bisherige Kontrollaktionen kaum fruchten.

Plastikflut im Hohenloher Biomüll ebbt nicht ab

Eine Rotte bei Hauke Erden mit Biomüll aus dem Kreis. Geschäftsführer Frank Pickenhagen und Betriebsleiterin Angelika Maier zeigen die vielen Störstoffe.

Fotos: Ralf Reichert

Sie hat es auf die sanfte Tour versucht. Sie wollte erklären und ermahnen, nicht belehren oder drohen. Jetzt bleibt der Abfallwirtschaft des Hohenlohekreises nichts anderes übrig, als die Zügel anzuziehen.

Falsch befüllte Biotonnen sollen ab 2020 stehen bleiben - und erst bei der nächsten Restmüllabfuhr mitgenommen werden. "Zunächst noch kostenlos, ab 2021 womöglich über eine Sonderleerungsgebühr", erklärt Geschäftsführer Sebastian Damm.

Die Biotonnen überhaupt nicht abzuholen oder Bußgelder zu verhängen, wie das in anderen Kreisen längst Usus ist, so weit will die Abfallwirtschaft noch nicht gehen. Doch Müllsünder im Hohenlohekreis sollen laut Damm das Gefühl haben: "Die bekommen wir nicht mehr los." Und forcierte Infokampagnen sollen noch tiefer in deren Bewusstsein dringen.

Zu viel Plastik und andere Fremdstoffe

Fakt ist: In den Biotonnen landen immer noch zu viele Stoffe, die dort nicht hineingehören: hauptsächlich Plastik, aber auch verpackte Lebensmittel und Restmüll, Batterien oder sonstige Leichtverpackungen. Das zeigen die Kontrollaktionen, die in allen 16 Städten und Gemeinden seit Januar 2018 laufen und in diesem Herbst nochmals verschärft werden. Und das zeigen die Benotungen bei der Ablieferung im Öhringer Kompostwerk Hauke Erden.

Plastikflut im Hohenloher Biomüll ebbt nicht ab

Abfallberater Rainer Mugler kontrolliert seit Januar 2018 Biotonnen im Kreis und wird immer bekannter. Sein Konterfei samt Slogan prangt auch auf Bussen des NVH.

Dort wird der komplette Bioabfall aus dem Kreis verwertet: pro Jahr 10.000 Tonnen, bisher nur zu Kompost, ab Mitte 2020 teilweise auch zu Energie in einer Vergärungsanlage in Sinsheim, die dem Hauke-Eigentümer Remondis ebenfalls gehört.

So oder so: Das Rohmaterial aus dem Hohenlohekreis ist für die Verwertung in beiden Fällen insgesamt zu stark verunreinigt. In Schulnoten ausgedrückt, bekommt es laut Hauke-Betriebsleiterin Angelika Maier insgesamt eine 4. "Wir bräuchten aber eine 2." Jede Ladung wird auf dem Hof ausgeleert und genau begutachtet. "Heute brachten fünf Fahrzeuge 45 Tonnen Biomüll", berichtet Maier. "Drei bekamen die Note 4, zwei die Note 3."

Mitunter Totalausfälle aus städtischen Gebieten

Woher stammten die Fuhren? "Aus ländlichen Gebieten." Wie sieht es in städtischen Bereichen aus? "Da haben wir oft eine 4 oder 5, aber immer wieder auch eine 6." Das heißt: Totalausfall. Unverwertbar. Konsequenz: Die Ladung wird als Restmüll nach Heilbronn gebracht. Das treibt die Entsorgungskosten in die Höhe. Genauso wie das aufwendige Nachsortieren per Hand.

Die unangekündigten Kontrollen der Abfallwirtschaft in allen Abfuhrbezirken des Kreises hatten 2018 ergeben: Zehn Prozent der Haushalte schludern. Hochgerechnet auf die absolute Biomüllmenge, bedeutet dies: Der reale Fremdstoffanteil liegt zwischen zwölf und 20 Prozent.

Daran hat sich wenig geändert. Fünf bis sechs Prozent hat Sebastian Damm im Visier, "denn ein gewisser Prozentsatz an Störstoffen ist eingepreist". Komposte und Erden auf den vorgeschriebenen Anteil von einem Prozent zu bringen, ist dann Sache der Verwerter. So wenig Fremdstoffe dürfen in Komposten oder Gärresten enthalten sein, die sie auf den Markt bringen.

Kompostierer steckt in der Zwickmühle

Das Problem aus deren Sicht ist: Die Richtlinien der Bundesgütegemeinschaft Kompost werden einerseits immer strenger; andererseits können die Verwerter den Kreisen ihre immensen Mehrkosten für zusätzliche Sortierungen aber nicht in Rechnung stellen. "In der Regel sind die Verträge der Kreise mit den Verwertern in Deutschland so gestrickt, dass keinerlei Grenzwerte für Störstoffe festgelegt sind", sagt Frank Pickenhagen, Geschäftsführer von Hauke Erden.

Der Grund: "Es ist gar nicht offiziell definiert, was Bioabfall ist. Da gibt es keine Schlüsselnummer. Nichts." Deshalb: "Jede Anlage muss das annehmen, was kommt. Wir können offiziell keinen Druck machen." Sondern die Abfallwirtschaft nur bitten: Tut alles dafür, dass die Quote sinkt.

Mehr Restmüllfahrten, höhere Müllgebühren

Schließlich gehe es um die Umwelt - und ferner darum, dass die Müllgebühren steigen, weil die zusätzlichen Restmüllfahrten extra berechnet würden. Die übrigen Mehrkosten blieben indes an den Verwertern hängen. Denn um ihre Produkte vermarkten zu können, müssten sie die Grenzwerte einhalten.


Derzeit läuft alles über Sichtkontrollen

Wer entscheidet eigentlich, ob eine Biotonne falsch befüllt ist? Müllwerker. Oder Rainer Mugler. Der Abfallberater kontrolliert seit Januar 2018 regelmäßig Biotonnen in allen 22 Abfuhrbezirken des Hohenlohekreises. Unangekündigt. Stichprobenartig. Und per Sicht-Check.

Rechtlich ist das völlig okay. Denn die Abfallwirtschaft darf sehr wohl prüfen, ob in den Tonnen das drin ist, was hineingehört. Und fachlich? Basiert viel auf Erfahrung. Einem guten Händchen. Und einem wachen Auge. Bisher landet in jedem Briefkasten der kontrollierten Haushalte ein Flyer: Daumen hoch oder runter, gut oder schlecht gemacht. Andere Kreise sind über diese sanfte Form des Lobs und Tadels längst hinaus. Und lassen mit Plastik und anderem biofernen Unrat befüllte Behälter einfach stehen. Zuletzt hat die Abfallwirtschaft alle 40.000 Biotonnen mit einem Aufkleber bestückt: "Betty mag kein Plastik."

Weil auch dies wohl nicht fruchtet, sollen Biotonnen mit zu viel Fremdstoffen ab 2020 zunächst stehen bleiben und später als Restmüll abgefahren werden. Dann sind vor allem die Müllwerker gefragt. Wie soll das funktionieren? "In der Regel machen sie die Tonnen vor dem Entleeren sowieso schon auf. Sie haben ein unglaubliches Gespür, wo etwas nicht stimmt", sagt Betriebsleiterin Silvia Fritsch. Ob darüber hinaus Schwerpunktkontrollen oder echte Sortieranalysen folgen, ist noch unklar. Detektoren an Müllfahrzeugen, wie sie es im Main-Tauber-Kreis gibt, sind derzeit noch kein Thema. 


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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