Pflege-Oma übernimmt im Fall Ole die Verantwortung

Heilbronn/Künzelsau  Im Fall des getöteten kleinen Ole hat die angeklagte Pflege-Oma ihr Schweigen gebrochen. Trotzdem sind noch viele Fragen offen.

Von Yvonne Tscherwitschke

Pflege-Oma übernimmt Verantwortung am Tod des kleinen Ole. Trotzdem sind noch viele Fragen offen

Auch am gestrigen Prozesstag lässt die wegen Totschlags angeklagte Elisabeth S. nicht ganz die Maske fallen.

Foto: Archiv/Veigel

Elisabeth S. hat ihr Schweigen gebrochen. Doch weder den Eltern noch der 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn geht es danach wirklich besser. "Schrott" nennt es Jens Rabe, gar, der Vertreter der als Nebenkläger auftretenden Eltern.

Mit großer Spannung war erwartet worden,was Elisabeth S. am 7. Januar Dr. Thomas Heinrich erzählt hat.Wie vereinbart berichtet der psychiatrische Gutachter von dem etwa einstündigen Gespräch. Doch auch danach ist keiner wirklich schlauer. Erst recht nicht, als auch noch eine Ergänzung verlesen wird. "Es hört sich an wie eine dritte Version", ist Richter Roland Kleinschroth verärgert.

"Wir hatten gehofft, zu erfahren, was passiert ist", sagt gequält der Vater des toten Jungen. Elisabeth S. soll seinen siebenjährigen Sohn Ole am Abend des 27. April in ihrem Haus getötet haben. Aus Verlustangst, sagt der Staatsanwalt. Das verneint Elisabeth S. in ihrem Gespräch mit dem Psychiater. Sie habe weder Verlustängste, noch Zorn, noch Hass gehabt.

Für die Eltern wird es "nur noch schlimmer"

"Die Erklärung nun verstärkt nur unheimlich den Schmerz, den wir haben. Es macht es nur noch schlimmer", sagt der Vater. Die Mutter des Jungen ist erst gar nicht zur Verhandlung erschienen, "weil sie die Erklärung nicht ertragen konnte".

Wie auch der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn hatten sich die Eltern und alle Prozessbeobachter mehr von dem eher ungewöhnlichen Gespräch erhofft. Das hatte die Kammer der Angeklagten - wie zuvor schon ein dreistündiges, unbelauschtes Gespräch mit ihrem Sohn - ermöglicht in der Hoffnung, dass sie sich ohne Öffentlichkeit öffnet und Auskunft darüber gibt, wie der kleine Ole am 27. April in ihrem Haus zu Tode gekommen ist.

Sie habe mit Ole Hausaufgaben gemacht, mit Autos auf dem Boden gespielt, Würstchen gegessen. Dann habe das Kind ein Bad nehmen wollen. Ausgerechnet Ole, der nie ohne Gezeter geduscht haben soll, wie seine Eltern berichteten.

Sie habe das Wasser in die Wanne eingelassen. Ole habe dann aber doch nicht baden wollen. Ole habe Schokolade gegessen, sie hätten ein Film angesehen, seien ins Bett gegangen. Sie habe noch eine erfundene Geschichte von Stadt- und Landmaus erzählt. Das Kind habe irgendwann geschlafen. Sie sei noch wach gelegen. Der Junge sei in der Nacht aufgewacht und habe keine Luft bekommen. Sie habe Ole ins Badezimmer gebracht, mit Wasser beträufelt. Der Junge sei in die Wanne geplumpst. In Panik sei sie zum Kocher gelaufen.

Richter: Man kann einem Angeklagten glauben, muss aber nicht

"Man kann einem Angeklagten glauben, man muss es aber nicht", sagt Richter Kleinschroth und verweist auf eine frühere Version der Angeklagten bei der polizeilichen Vernehmung. Dort habe sie etwas von einem Unfall gesprochen, dass das Kind auf dem Bett herumgesprungen sei, sich verletzt habe und sie dann alles falsch gemacht habe, was man hätte falsch machen können. Und dann hört sich der Abend ein drittes Mal anders an.

Als nämlich Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf die Ergänzung verliest, die ihr die Angeklagte nach dem Gespräch mit dem Gutachter geschickt habe. Darin ist die Rede davon, dass sie panisch gewesen sei, als der Junge schwer geatmet habe, dass sie ihn überall gedrückt und geschüttelt und auch am Hals gedrückt habe, "weil ich wollte, dass er wieder Luft bekommt. Ich wollte ihm helfen." Und: "Ich möchte das alles ungeschehen machen." Nebenklägeranwalt Rabe: "Der Unterschied zwischen reanimieren und würgen ist Ihnen als Krankenschwester schon klar."

Schweigen im Gerichtssaal. "Das ist alles?", fragt Richter Kleinschroth. Stille. Kleinschroth sieht in der Erklärung "möglicherweise eine dritte Version", mahnt die Angeklagte an, Verantwortung zu übernehmen. Als schon keiner mehr damit rechnet, sagt sie dreimal, ganz leise, unter Tränen: "Ich übernehme die Verantwortung."

 


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